un-frieden. sabotage von wirklichkeiten
discord. sabotage of realities

Hamburger Woche der bildenden Kunst 1996 
Kunstverein und Kunsthaus in Hamburg 
30.11.1996 - 19.1.1997  
  

Ein Rundgang durch die Ausstellung 
von Inke Arns 
 

Kontrolle >> Un-sicherheit 

Die erste Zone der Ausstellung un-frieden. sabotage von wirklichkeiten ist genaugenommen keine in sich geschlossene Zone, sondern ein sich durch die Räume ziehendes Netz von Kontrollpunkten. Kontrolle tritt nicht geballt auf, sondern eher unmerklich, als etwas vermeintlich nichtvorhandenes (1). 
Anja Wieses Klanginstallation "Erfassungsbereich" erinnert den Besucher an solchen Kontrollpunkten mittels einer dezent-angenehmen Frauenstimme wiederholt daran, daß er / sie nicht unbeobachtet geblieben ist. Jede Positionsveränderung wird registriert und mittels poetischer Anweisungen akustisch kommentiert. 
Dem Bedürfnis nach Kontrolle der eigenen Umwelt, dem Gefühl der Notwendigkeit der Bändigung der Informationsflut, gleichzeitig aber auch der Angst vor einem Kontrollverlust widmet sich die Arbeit "Search for a Method" von Marcus Bastel mit ihren ständigen, und doch immer aussichtslos bleibenden Versuchen, Ordnung in Begrifflichkeiten zu bringen. 
Einen anderen Schwerpunkt hat sich Heath Bunting mit seiner "alarmierenden" Postkarten-Aktion gesetzt: Der Künstler verschickte mit Sicherheitsetiketten bestückte Postkarten an Hamburger Unternehmen, die mit elektronischen Sicherungssystemen arbeiten. Der Briefträger wurde zum Alarmauslöser; eine verquere Umkehrung des eigentlichen Zweckes solcher Systeme. 
 

 Staatsmaschinen >> Ordnungen 

In dieser Zone findet sich an zentraler Position das Konsulat des 1991 gegründeten NSK Staates in der Zeit; eines Staates, dessen Grenzen sich im Gegensatz zu anderen Staatsneugründungen weder auf ein bestimmtes geografisches Territorium noch auf eine Staatsnation festlegen lassen. Vielmehr verortet sich dieser neue Staat als ein Gebilde in der Zeit, dessen Ausdehnung von der Position seiner durch Reisepässe ausgewiesenen Bürger abhängt und sich somit in ständiger Bewegung befindet. Es wurden bislang mehrere Fälle dokumentiert, in denen Personen - in Ermangelung anderer gültiger Reisedokumente, z.B. im Fall von Bosnien in der Zeit des Jugoslawien-Krieges - mit den Pässen des NSK Staates in der Zeit internationale Grenzen passiert haben. 
Mit einer anderen Art von Ordnungssystemen beschäftigt sich Christoph Irrgang. Seine Installation projiziert in den Abendstunden aus der Fachsprache der Bekleidungsindustrie stammende Begriffe in den öffentlichen Raum. Bizarre Normgebungen wie "Wuchsabweichung" oder "normales Rundmaß" zeigen ihre Verwandschaft zu rassekundlichen Anatomiebeschreibungen. 
 

 Grenzpolitiken >> Gratwanderungen 

In dieser Zone zeigt Frantisek Skala in einer großformatigen Fotoserie "Anwendungsfiguren" des "Sark", einer universellen Angriffs- und Verteidigungswaffe. Die Bildfolge eigenartiger Angriffs-, Abwehr- oder Notwehrfiguren ist mit philosophischen Kommentaren unterlegt. 
In "Selbstversuch I: Tränenrückführung" dokumentiert Birgit Brenner auf Fotografien, anhand von Relikten und mittels Statistiken ihren Versuch, sich die statistische Durchschnittsmenge der innerhalb eines Jahres geweinten Tränen zurückzuführen. 
Yukinori Yanagi zeichnet in "Wandering Position" den von einer Ameise innerhalb eines abgegrenzten Feldes in einem Zeitraum von 25 Stunden zurückgelegten Weg nach: "A Frame is now given to you in which you are to wander." Zurückgeblieben ist eine in roter Kreide gezeichnete Dokumentation der unermüdlichen Ausbruchsversuche der Ameise; ein Wegenetz, das in der Mitte des abgegrenzten Feldes eine eher lockere Struktur aufweist, sich an den Rändern jedoch stark verdichtet. Ein möglicher Hinweis auf sichtbare und unsichtbare (gesellschaftliche, politische) Grenzziehungen. 
Um Grenzauflösungen und eine Störung von Ordnungen ging es tonnage inc. in ihrer Aktion "tonnage 1": Eine Aktionsmannschaft tauschte vor den Augen der Cafébesucher an zwei Abenden das gesamte Mobiliar dreier Hamburger Cafés permanent gegeneinander aus. Die entstandene Irritation gründete jedoch weniger auf der "Störung" einer Ordnung, als vielmehr auf der Überlagerung und Ersetzung einer Ordnung durch eine andere. 
 

 Alltag >> Befremdendes 

Eine Kreditkarte fungiert als Eintrittskarte für die Ausstellung. In silbernen Lettern läuft der Schriftzug "Does your Mama know you're out" über den Torso eines weißen Mannes, der ein schwarzes Baby in seinen Armen hält. Die Perfidie des Bildes erschließt sich erst auf den zweiten Blick. Ein bitterböser Kommentar über den Zusammenhang von Marketingstrategien und Ausgrenzungspraktiken - wie beiläufig präsentiert auf einem alltäglichen Zahlungsmittel. Den Umgang mit Bildern sowie die Hervorhebung der Befremdlichkeit dieser alltäglichen Bilder treibt auch Stan Douglas um. Die "Television Spots", eine Gruppe von zwölf kurzen Videotapes befremdlich-unheimlicher Alltagssituationen, wurden unkommentiert in den Werbeblöcken des Abendprogramms verschiedener nordamerikanischer Fernsehsender ausgestrahlt. Alle "Television Spots" folgen einer vermeintlich bekannten Dramaturgie, ohne jedoch jemals auf eine erkennbare Katharsis zuzulaufen und eine Auflösung der in Ansätzen begonnenen Erzählung anzubieten. Sie sorgen für einen wahrlich irritierenden Fernsehabend. 
Entsprechendes Mobiliar stellt Jörgen Erkius: Ein Sofa, ein Teppich, Stühle, ein Tisch und andere Gegenstände werden vom Künstler aufgeschlitzt, zersägt, zerbrochen . In einem nächsten Arbeitsschritt werden die Einzelteile in mühevoller Kleinarbeit wieder zusammengenäht und -geklebt, um sofort nach dem Ende der Ausstellung wieder an ihren angestammten Platz in der Wohnung des Künstlers zurückzukehren. 
Um Identität und Differenz drehen sich auch die Installationen von Jayce Salloum und Bea de Visser. Während jedoch "Kan ya ma Kan" von Salloum mittels eines Abgleichs von Bildern aus der individuellen und kollektiven Psyche die öffentliche (mediale) Repräsentationsform des Libanon im Westen in Frage stellt, geht Bea de Visser in "Blink - an interior of difference" dem Mythos der Gleichheit von Zwillingsgesichtern nach. Dieser wird mittels Malerei und Morphingtechnik poetisch dekonstruiert. 
 

 Nachrichtendienste >> Desinformation 

Diese Zone weist sowohl räumlich als auch inhaltlich zahlreiche thematisch bedingte Berührungspunkte mit den angrenzenden Zonen auf. Ziel der "Invisible Embassy of Seborga" ist die Erlangung der vollständigen Kontrolle über das öffentliche Bild der Unabhängigkeitsbewegung von Seborga, einem Dorf, das sich von Italien abspalten will. Die "Invisible Embassy" hat den Gedanken der Eigenständigkeit von Seborga okkupiert und vermischt "echte" Nachrichten über tatsächliche Geschehnisse mit fiktiven Meldungen. Einen weiteren Nachrichtendienst besonderer Art bietet "The File Room" von Muntadas an: In einem mit Hängeregistraturschränken möblierten Raum können Informationen zur Geschichte der Zensur abgerufen werden, die in einer Datenbank im Internet archiviert sind. Dieses von den Besuchern ergänzbare "Negativ-Archiv" dokumentiert geschwärzte und verbotene Informationen, schreibt also eine Art parallele Geschichte der Information. 
Die "'Visitor' Enterprise" stellt mit ihrer "gewaltigen Flut banaler, oft menschenleerer und völlig nutzloser Bilder" (2) den Sinn einer alles umfassenden Kartografierungssucht mittels (vor allem medialer) Bilder in Frage. 
 

 Science Fiction & Ökonomie >> Zukunftsverwaltung 

In der im Kunsthaus lokalisierten Zone finden sich Ausblicke auf drohende Gefahren, auf mögliche Schutzvorkehrungen und Verweise auf zukünftige ökonomische Faktoren. Kenji Yanobe kombiniert diese Punkte in seinen "Emergence Escape Pods": Der Einwurf einer Mark erlaubt eine kurze Fahrt in den mit Geigerzähler, LED-Anzeigen, Stoßdämpfern und einer Überlebensausrüstung ausgestatteten Schutzbehältern. Bleibende Sicherheit in der "Flucht-Kapsel kann nur durch ständigen Münznachwurf erreicht werden. 
Das "Institut für mediale Krankheiten" hat in dieser Zone eine "Erste-Hilfe Station" eingerichtet, die eine Früherkennung medialer Krankheitssymptome ermöglichen soll. Mit der Digitalisierung der Lebenswelt entstehen neue Krankheitsbilder, deren Erforschung sich das Institut für mediale Krankheiten auch in Zukunft widmen wird. 

 Hamburg, im Dezember 1996 

 (1) Gilles Deleuze konstatiert in "Postscript on the Societies of Control" den sich abzeichnenden Übergang von den Foucault'schen Disziplinargesellschaften zu "Gesellschaften der Kontrolle", in: Gilles Deleuze, Negotiations, Columbia University Press, New York 1996; siehe auch: http://www2.stg.brown.edu/~groupa/deleuze.html 
(2) tunguska index / Peder Iblher, The 'Visitor' Enterprise, 1995