* Konzept
Ute Vorkoeper / Inke Arns
Der Titel - un-frieden. sabotage von wirklichkeiten - ist Thema und Strategie des Ausstellungsprojekts, das die unterschied- lichsten künstlerisch-politischen Positionen der 90er Jahre zusammentragen will. Ausgangspunkt der Konzeption von un-frieden. sabotage von wirklichkeiten war die von Robert Filliou initiierte und von René Block ausgerichtete "Biennale des Friedens", die 1985 als Projekt der Hamburger Woche der bildenden Kunst Kunstverein und Kunsthaus in Hamburg stattfand. Das zentrale Motto dieser Schau lautete, den "Frieden aufregender zu gestalten als den Krieg".
Das Konzept, das sich insbesondere die Bildung eines (welt- weiten) künstlerischen Netzwerks für "friedensformende" Kunststrategien zum Ziel gesetzt hatte, war der Anlass für die Neu- und Umformulierung der Fragestellungen und zur Initiierung des erneuten Aufrufs. Im Vordergrund stehen heute nicht mehr utopische oder moralische Ansprüche an Kunst, sondern die Überprüfung ihres Vermögens, zunehmend unfriedlichere Realität(en) sichtbar zu machen, in bestehende Wirklichkeits- strukturen einzugreifen oder verquere Umgangsweisen mit privaten, sozialen und politischen Wirklichkeiten sowohl suggestiv als auch reflexiv erfahrbar werden zu lassen.
Unterteilt in sechs thematische Zonen (und Mischzonen) - Kontrolle, Nachrichtendienste, Alltag, Grenzpolitiken, Staatsmacht, Science Fiction und Ökonomie - wird die Ausstellung un-frieden. sabotage von wirklichkeiten zentrale gesellschaftliche Wirklichkeitsbereiche in den Kunstraum einspiegeln. Entstehen soll eine "heterotope" Kunst-Wirklich- keit, eine Welt neben der Welt, in der die Kunstwerke und Aktionen selbst "resozialisiert" und in ihren kritischen und subversiven Potenzen erfahrbar werden. Eine Kunstwelt, in der unscheinbare Sachverhalte, Fest- und Zuschreibungen unserer pluralen Wirklichkeiten hervorgeholt, gedoppelt oder nachhaltig befremdet werden.
Zone 1 - Kontrolle (Un-sicherheit) - zieht sich durch die gesamte Ausstellung. In Zeiten zunehmender sozialer und politischer Verunsicherung ist es nachgerade geboten - man denke an all die bedrängenden und gefährlichen Feinde -, den wachsenden Sicherheitsbedürfnissen der Bürger entgegenzukommen und die innenpolitischen, d.h. die staatlichen Kontroll- und Schutzmechanismen auszuweiten. Es gilt also, künstlerische Ergänzungslösungen zu "grossem Lauschangriff" und "Polizei- staat" und vielen anderen Überwachungsüberlegungnen zu liefern.
Zone 2 - Nachrichtendienste (Desinformation) - wird räumlich das Herzstück der Schau bilden. Geleitet vom Motto "Information should be unfree" sollen sowohl alte und neue Desinformationsstrategien und Zensurmodelle vorgestellt werden, als auch neue Nachrichtendienste ihre Arbeit aufnehmen, die Selektionen des täglichen Informationsflusses aus der zentralen Nachrichtenzentrale des Projekts senden.
Zone 3 - Alltag (Befremdendes) - gibt einen Einblick in das private und gesellschaftliche Leben in den Republiken und Diktaturen. In dieser Zone werden befremdliche Sichten auf den an sich befremdenden Alltag gezeigt, die sich mit Identitätsmustern, Identitätsverlusten und dem ewigen Kampf um Identität beschäftigen.
Zone 4 - Grenzpolitik (Gratwanderungen) - fragt nach gaengigen und neuen Konfliktloesungsstrategien. Wie wurden und werden Konflikte ausgetragen? Wie koennten Konflikte ausgetragen werden? Es sollen in beipielhaften Vorfuehrungen Impulse fuer unsere renovierungsbeduerftige Streitkultur geliefert werden.
Zone 5 - Staatsmaschinen (Ordnungen) - wird, als exklusives Angebot für Pluralitätsgeschädigte, alte und neue gesellschaftliche Ordnungsmodelle vorstellen. Hier stehen Gesetz, Disziplin und Unterordnung versus situatives Denken, variable Identitäten und verschiedene Demokratieverständnisse.
Zone
6 - Science Fiction und Oekonomie (Zukunfts- verwaltung)
- wird dem unablässigen Streben nach der Vervollkommnung des Menschen
und seiner humanen Lebenswelt Rechnung tragen. Für den perfekten Menschen
- mobil, wohlriechend, kommunikativ und liberal - gilt es auch heute noch,
die perfekte Umwelt zu kreieren. Zukunftsmodelle, auch fuer die Ärmsten
der Armen, auch für die Frustriertesten der Frustrierten, haben absolute
Priorität, solange die Gewinnspannen gross genug sind.
Alle interessierten KünstlerInnen sind eingeladen, sich mit Konzepten an der Ausstellung zu beteiligen. Die künstlerischen Medien sind freigestellt. Über die Realisation der Projekte entscheidet eine Fachjury.
Bewerbungsschluss: 31.8.1996
Konzepte an:
un-frieden. sabotage von wirklichkeiten
Rutschbahn 37
D-20146 Hamburg
Tel/Fax: ++49-40-4104937
e-mail: 106032.2574@compuserve.com
http://www.icf.de/discord
Ausstellungsorte: Kunstverein
und Kunsthaus in Hamburg
Ausstellungszeitraum: 29. 11. 1996
- 19. 01. 1997
1. Bewerbungsform:
Die Bewerbungsform ist
freigestellt, einzig der Hinweis "Konzepte bitte in handlichem Format"
sollte beachtet werden. Für bislang nicht realisierte Konzepte wird
eine Kalkulation der Kosten und die Angabe der benötigten Materialien
erbeten.
2. Biographische Unterlagen
und Materialien:
Kurze Hinweise zur Person
und zur Arbeitsweise sind willkommen. Wenn noch nicht realisierte Konzepte
eingereicht werden, ist es sinnvoll, Werkunterlagen zur Erlaeuterung der
Arbeitsweise beizufuegen.
3. Jury:
Die endgültige
Zusammensetzung der Jury steht Mitte Juli 1996 fest. Es sind fünf
KünstlerInnen und KunstkritikerInnen angefragt. Kuratorinnen der Ausstellung
sind: Ute Vorkoeper und Inke Arns.
4. Finanzen / Transporte
/ Reisen
Für die von der
Jury ausgewählten Projekte gilt:
a) Eine finanzielle
und materielle Unterstützung wird projektabhängig vergeben, entsprechend
der für die Realisation benötigten Sach- und Geldmittel.
b) Für Transporte
bereits realisierter Arbeiten stehen weitere Gelder zur Verfügung.
c) Reisekosten und Unterbringung
für Aufbauarbeiten oder Projektrealisierungen vor Ort, die von dem/der
KünstlerIn selbst vorgenommen werden müssen, werden erstattet.