un-frieden. sabotage von wirklichkeiten
discord. sabotage of realities

Hamburger Woche der bildenden Kunst 1996
Kunstverein und Kunsthaus in Hamburg
30.11.1996 - 19.1.1997

Eine Provokation?
von Ute Vorkoeper


Die Doppeldeutigkeit ist Programm, un-frieden ist gleichermaßen Thema und Strategie, gestelltes Thema - Wirklichkeiten, un-friedlich - und gefragte Umgangsweise - Sabotage, un-friedlich. Keine Anti- Kriegsausstellung, keine Bestandsaufnahme der "schlechten" Wirklichkeit, kein Versuch eines neuen Realismus, auch keine Suche nach einer neuen Utopie verbergen sich hinter diesem Titel. Stattdessen eine mal böse, mal verunsichernde, mal befremdende oder erstaunende, häufig auch amüsierende Schau rund um die "un-friedlichen" Wirklichkeiten, in denen wir uns eingerichtet haben, mit und in denen wir leben. Das erklärte Ziel der Ausstellung war, unterschiedliche, möglichst auch unbekannte künstlerisch-politische Positionen der 90er Jahre zusammenzutragen. Die Konzept-Geschichte nahm ihren Ausgang bei einer Ausstellung, die auf den ersten Blick genau das Gegenteil aus grundsätzlich entgegengesetzter Perspektive präsentieren wollte, die aber auf den zweiten Blick einige hintergründige Parallelen aufweist.

Als Robert Filliou Mitte der 80er Jahre die Friedensbiennale ins Gespräch brachte, war die Welt noch klar gegliedert: West und Ost, Freund und Feind, Wettrüsten im Gleichschritt. Es gab die Apologeten dieses labilen Gleichgewichts und es gab Friedensbewegte, die Pershings zählten und rückzählend ihren Abzug forderten. Gemeinsam aber war ihr Appell für "den Frieden". Was aber, so fragte Filliou, sollte eigentlich gewahrt oder geschaffen werden? War der allüberall propagierte Frieden nicht einzig zu denken als bloße "Abwesenheit von Krieg"?

Auf der Suche nach einer positiven Antwort rief der Künstler weltweit zur Teilnahme an der 1. Biennale des Friedens auf, zur Arbeit an "friedensformenden" Werken, die es vermöchten, "den Frieden aufregender zu gestalten als den Krieg" (Georg Jappe)."Zugehend auf eine Biennale des Friedens" nannte René Block 1985 das realisierte Konzept, die - kurz nach Fillious Tod - im Kunstverein und Kunsthaus in Hamburg eröffnete Ausstellung. Zugehend auf - weil es ein Anfang war, der fortgesetzt werden sollte, aber besonders deshalb, weil der "Frieden" - nach Filliou - immer ein "work in progress" bleiben würde.

Es war eine unzeitgemäße Schau. Sie ignorierte den Kunstmarkt zugunsten einer Utopie, sie ignorierte festgeschriebene Grenzen zugunsten eines weltweiten Künstlernetzwerks, zugunsten einer gemeinsamen Aufgabe. Genau diese Unzeitgemäßheit und dieses Engagement gaben den Anstoß für einen erneuten, weltweiten "Aufruf zur Teilnahme" an einer unzeitgemäßen Ausstellung - allerdings mit entgegengesetztem Vorzeichen: un-frieden.

Gut zehn Jahre später nämlich hat sich das Bild der Welt - unser Weltbild - entschieden verändert. Wenngleich über Jahre theoretisch angekündigt, wurde erst mit dem Zusammenbruch der dualen Weltordnung auch der Zusammenbruch des dualen Denkens endgültig "manifest". Wir sind uns einig: Wirklichkeiten - und wichtig ist der Plural -, seien sie greifbar oder virtuell, sind un-friedlich. Krieg und Frieden stehen einander nicht länger als Antipoden gegenüber. Wir haben eingesehen, daß es die eine Wahrheit nicht gibt, und verinnerlicht scheint der Glaube, daß wir nach der Geschichte leben, in "Gleichzeit" und "rasendem Stillstand". Wir haben in den Abgesang auf jedwede Utopie eingestimmt und ohne Trauer Abschied genommen. Wir stehen diesseits der Utopien und jenseits der Apokalypsen. All dies schon seit den 80er Jahren.

Wie aber - so die Frage der 90er - läßt es sich damit leben, wie können wir uns einrichten, was wollen und können wir ausrichten? Schlägt all unser Nachwissen, all das, was uns dazu verhalf, längst bürokratisierte Hoffnungen auf Aufbruch, Fortschritt oder Paradies aufzumischen, was uns half, jene unscheinbaren Sachverhalte der Moderne hervorzulocken und ins Gerede zu bringen, schlägt all dies nun um in blanken Pluralismus, in Einerlei und tatenlose Gleichgültigkeit?

Nicht der Versuch einer Neuformulierung der Utopie vom Frieden scheint akut, sondern die Frage, wie Künstler heute mit Pluralität und Ambivalenz umgehen, welche Wege sie suchen, welche Wegmarken sie setzen, welche Positionen - und seien sie noch so flüchtig und doppeldeutig - sie beziehen, welche Eingriffe in Bestehendes sie planen oder vornehmen. Also auch ein "work in progress", aber eines, das sich der vorhandenen Wirklichkeiten annimmt, dessen Visionen eingebettet sind in all die Wirklichkeitsbereiche, die uns umgeben. Eines, das weder politisch korrekte Betriebsreflexion betreibt noch sich auf die - besonders angesichts des Fin de Siècle, Fin de Millenium - so beliebte Position der Kunst für und um der Kunst willen zurückzieht.

Dem Aufruf zur Teilnahme an un-frieden. sabotage von wirklichkeiten folgten schließlich 540 Künstler aus 31 Ländern dieser Welt. Wie schon 1985 gab es auch diesmal keine Beschränkung auf irgendein künstlerisches Medium. Aus der Fülle der Konzepte wurden 34 höchst unterschiedliche Arbeiten für die Realisation in Hamburg und weitere 26 für die Präsentation in einem Konzeptraum ausgewählt. Ein Ausblick auf mögliche weitere Ausstellungen und Projekte.

Der Aufruf war - wie auch die spätere Ausstellung - in sechs thematische Zonen unterteilt, jeweils ergänzt durch ein kommentierendes Stichwort: Kontrolle - Un-Sicherheit, Staatsmaschinen - Ordnungen, Grenzpolitiken - Gratwanderungen, Alltag - Befremdendes, Nachrichtendienste - Desinformation, Science Fiction und Ökonomie - Zukunftsverwaltung. Sie bilden eine Art "Geographie" oder "Kartographie" des Themas. Sie erst ließen die Ausstellung zum Thema - einen begehbaren Raum, ein Ensemble - denkbar werden. Sie ermöglichten, die "weiße Zelle", den vorgeblich neutralen Kunstort, in einen Möglichkeitsraum des Themas zu verwandeln, der Schritt für Schritt erschlossen werden kann. Und eben dies fordern auch alle präsentierten Arbeiten. Sie verlangen nach der Bewegung der Betrachter, sie wollen abgeschritten, benutzt oder weitergeschrieben werden.

Zwischen den "Zonen" gibt es keine hermetischen, sondern durchlässige Grenzen. So wie sich die angegebenen Erfahrungsbereiche überlagern und überschneiden, so kann auch für jede künstlerische Arbeit der Ausstellung mindestens eine weitere Zuordnung vorgenommen werden. Entstanden sind Felder und Zwischenfelder, die tendenziell zu unterscheiden sind. Unter Kontrolle rangieren Arbeiten, die unserem höchst ambivalenten Wunsch nach Sicherheit und Kontrolle zu entsprechen versuchen. Staatsmaschinen präsentiert Staatsgründungen, Ministerien und Parteien, die bekannte Ordnungen übernehmen und in verfremdeter Funktion vorführen. Grenzpolitiken versammelt höchst doppeldeutige Konfliktmodelle, fast alle erzählen von (Ersatz-) Handlungen oder geben Handlungsanweisungen, während in der Zone Alltag befremdliche Ansichten des Gewohnten, Grenzgänge zwischen Wirklichkeit und Fiktion sowie Eingriffe in die vertraute Bild- und Objektwelt zusammengebracht sind. Nachrichtendienste zeigt weist auf die Leerstellen und Brüche in unserer überinformierten Welt hin. Science Fiction und Ökonomie streift alle Bereiche, entwirft Zukunftsmodelle für unsere Sicherheit, Reichtum und Zufriedenheit, visionäre Kommunikationsmodelle - alles stets unter dem Gesichtspunkt der Ökonomie, stets effizient.

Der Katalog folgt dem Aufbau der Ausstellung. Nach Inke Arns' kurzem Ausstellungsrundgang werden die thematischen Zonen in ihrer räumlichen Abfolge vorgestellt. Jeweils eingeleitet durch ein kurzes Statement zum Wirklichkeitsfeld und Installationsansichten aus der Ausstellung folgen Projektbeschreibungen und Stellungnahmen der Künstler. Die angehängte "Kommentierte Bibliographie" zum Thema wurde von allen gemeinsam zusammengestellt. Nach Zonen geordnet und mit Namenskürzeln versehen sind hier all die Bücher, Texte, Filme oder Ausstellungen verzeichnet, die für sie wichtig oder bedenkenswert waren. Zum guten Schluß - auch sie sind lesenswert - folgen unsere zahlreichen Danksagungen. Denn ohne das große Engagement aller Künstler, ohne die - häufig ungewöhnlichen - Sachmittelgaben einer Reihe von Wirtschaftsunternehmen und ohne die vielen selbstlosen Helfer wäre diese Ausstellung niemals zustande gekommen.

Provokation also? Ja, aber nur, wenn man Provokation als "Hervorrufen" versteht. Etwas - Unsicherheit, Befremden und die Weiterarbeit an "Wirklichkeiten" - hervorzurufen, war Ziel der Ausstellung.

Ute Vorkoeper