OSTranenie 93
Erschütterte Mythen - Neue Realitäten
Osteuropa im Focus der Videokamera
1. Internationales Videofestival am Bauhaus Dessau
4. - 7. November 1993

Konzept
Inke Arns


Das 1. Internationale Videofestival "OSTranenie 93" am Bauhaus Dessau (4.-7.11. 1993) richtet sich an Teilnehmer aus Osteuropa bzw. dem ehemaligen Ostblock (inklusive der ex-DDR). Während der vier Tage werden Videos, (Video)-Installationen und (Multimedia)-Performances zur Aufführung kommen, die sich inhaltlich mit den "erschütterten Mythen und neuen Realitäten" Osteuropas auseinandersetzen. KünstlerInnen, GastrednerInnen und WissenschaftlerInnen aus unterschiedlichen Ländern werden anwesend sein, die durch Vorträge zu theoretischen, historischen und praktischen Themen der Videoarbeit in Osteuropa referieren und Anregungen zu (hoffentlich) lebhaften Diskussionen geben. Damit soll den TeilnehmerInnen und BesucherInnen im Bauhaus Dessau ein viertägiges Forum des künstlerisch-diskursiven Austausches und der Vertiefung von Beziehungen angeboten werden. Nicht zuletzt bezwecken wir damit die vielzitierte "Annäherung zwischen Ost und West" - im Wissen, daß diese Bezeichnungen als politisch-ideologische Kategorien längst abgedankt haben.

Ziel unseres Videofestivals ist es, einen - wenn auch nicht vollständigen - so doch vielfältigen Überblick über die künstlerisch-visuellen Aktivitäten von Künstlern aus dem ehemaligen Ostblock im Bereich Video (von Dokumentar-, Animationsarbeiten und Fiktion bis zu experimentellen und Kunstvideos), Performances und (Video-) Installationen zu bieten. Heute ist viel zu wenig über diese Aktivitäten bekannt. Das "andere" der Arbeitsweise von osteuropäischen Künstlern, die vielfach vorherrschende erfrischende Ironie (besonders in den Arbeiten der 70'er und 80'er Jahre im Widerstand gegen den sozialistisch-realistischen Kanon) und die thematische Auseinandersetzung mit (oftmals zwingend-)existenziellen Themen können hier neue Anregungen bieten. Die Teilnahme ist jedoch nicht nur auf osteuropäische Teilnehmer beschränkt, vielmehr wollen wir auch Arbeiten 'westeuropäischer' Künstler zeigen, die sich im weitesten Sinne mit dem Wandel in Osteuropa und seinen erschütterten Mythen und neuen Realitäten auseinandersetzen.

Es geht um ein Wiederanknüpfen an historische Beziehungen, die zwischen Deutschland, besonders dem Bauhaus Dessau und dem Raum Ostmitteleuropa, dem Balkan und Rußland schon einmal bestanden haben. Es geht nicht um ein historisierend-museales Anknüpfen, sondern ein den Medien und Künsten der Zeit entsprechendes.

Der Begriff ostranenie als
Konzept des Videofestivals

Der Titel des Videofestivals leitet sich von dem Begriff ostranenie, Verfremdung, ab. Der Literaturwissenschaftler Viktor Sklovskij - der Vater der sogenannten russischen Formalisten - prägte diesem Begriff 1916 in seinem Aufsatz Die Kunst als Verfahren. Er schreibt in seinem Aufsatz:

(...) Und gerade, um das Empfinden des Lebens wiederherzustellen, um die Dinge zu fühlen, um den Stein steinern zu machen, existiert das, was man Kunst nennt. Ziel der Kunst ist es, ein Empfinden des Gegenstandes zu vermitteln, als Sehen, und nicht als Wiedererkennen; das Verfahren der Kunst ist das Verfahren der "Verfremdung" (ostranenie) der Dinge und das Verfahren der erschwerten Form, ein Verfahren, das die Schwierigkeit und Länge der Wahrnehmung steigert, denn der Wahrnehmungsprozeß ist in der Kunst Selbstzweck und muß verlängert werden; die Kunst ist ein Mittel, das Machen einer Sache zu erleben; das Gemachte hingegen ist in der Kunst unwichtig. (...)

(Viktor Sklovskij, Die Kunst als Verfahren (1916), in: Jurij Striedter (Hg.), Texte der russischen Formalisten, Bd. I, München 1969, S. 15)

Wir haben diesen Titel für das Videofestival gewählt, weil wir der Überzeugung sind, daß in unserer heutigen Medien- und Informationsgesellschaft das "Sehen" gegenüber dem "Wiedererkennen" gefördert werden muß. Besonders durch das Fernsehen wird das "Wiedererkennen" propagiert: Das "Wiedererkennen" durch flüchtiges Hinschauen formt oberflächliche und vage 'Realitäts(ab)bilder' im Kopf, die nicht mehr für etwas stehen, sondern die schnelle Einordnung des Wiedererkannten unter bestimmte Kategorien erleichtern und so die Aus-Sicht auf eine tiefergehende Auseinandersetzung mit der Materie verstellen. Das "Sehen" nun, das Sklovskij dem einfachen "Wiedererkennen" gegenüberstellt, kann die Kunst - und insbesondere die Kunst, die sich der gegenwärtigen Kommunikationsmittel und Medien bedient - durch die ihr eigenen Mitteln ermöglichen.

(...) Ziel des Bildes ist nicht die Annäherung seiner Bedeutung an unser Verständnis, sondern die Herstellung einer besonderen Wahrnehmung des Gegenstandes, so daß er "gesehen" wird und nicht "wiedererkannt" (...)

(Sklovskij, a.a.O., S.25)

Das von Viktor Sklovskij geforderte "Sehen durch die Kunst" ist heute sehr aktuell.
Das Videofestival bietet sowohl BesucherInnen als auch TeilnehmerInnen die Möglichkeit, sich über den aktuellen Stand der künstlerisch-visuellen Kultur zu informieren und die Kulturlandschaft der osteuropäischen Staaten - unserer Nachbarn - besser kennenzulernen.

Mit diesem Projekt kann das Bauhaus - wenn auch zeitlich begrenzt - zu einem Ort des Austausches zwischen den Kulturen werden, was heute - mehr denn je - von Wichtigkeit ist.

(Inke Arns)