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Inke Arns (Berlin)

Die Avantgarde im Rückspiegel: Von der Utopie unter Generalverdacht zu einem neuen Begriff des Utopischen. Zum Paradigmenwechsel der künstlerischen Avantgarderezeption in Osteuropa von den 1980er Jahren bis in die Gegenwart
 

Abstract

Der Vortrag untersucht die zeitgenössische bildende Kunst der 1980er und 1990er Jahre in zwei Regionen Osteuropas unter dem Aspekt des Rückbezugs auf die historische Avantgarde. Von Interesse ist dabei, inwiefern sich KünstlerInnen am Ende des 20. / Beginn des 21. Jahrhunderts auf die historische Avantgarde vom Anfang des 20. Jahrhunderts beziehen, deren Ideen aufgreifen oder sich von diesen distanzieren. Dieser Fragestellung liegt die These zugrunde, dass eine künstlerische Auseinandersetzung mit der Avantgarde in Osteuropa – im Gegensatz zum Westen – nie nur mit der Form, sondern vor allem mit den ethischen und gesellschaftspolitischen Prinzipien der Avantgarde-Künstler stattfindet. Kazimir Malevic gilt hier nicht nur als Begründer der formalen Abstraktion, sondern auch als Begründer eines umfassenden, totalen und totalisierenden Denksystems. Diese Auseinandersetzung mit den Konsequenzen des politischen Engagements hat in Osteuropa zu einer ambivalenteren Bewertung der historischen Avantgarde geführt.
        Inke Arns konzentriert sich in ihrem Vortrag auf die beiden letzten Phasen der künstlerischen Avantgarderezeption in der osteuropäischen Kunst der 1980er und 1990er Jahre. Die in den frühen 1980er Jahren mit der Postmoderne einsetzende Avantgarde-Rezeption zeichnet sich durch die Abwendung von einer bislang herrschenden naiven Rückwendung auf die (unterbrochene) Avantgarde-Tradition aus. Es setzt nun ein wesentlich kritischeres, ambivalenteres Verhältnis zur historischen Avantgarde ein: Misstrauisch werden die (potentiell) totalitären Dimensionen der Avantgarde betrachtet, deren Ideale (Utopien!) man - wie Boris Groys in seinem 1988 erschienenen Buch Gesamtkunstwerk Stalin - im Sozialistischen Realismus realisiert sieht. In diese Zeit fällt die Entwicklung zentraler Begriffe wie Postutopismus (Boris Groys) und Retroavantgarde (Laibach, Irwin), die auch als kritische Abgrenzung zum im Westen geprägten Begriff der Postmoderne zu sehen sind. Sowohl die jugoslawische Retroavantgarde (Neue Slowenische Kunst, Mladen Stilinovic, Malevic aus Belgrad, u.a.) als auch der sowjetische Postutopismus (Moskauer Konzeptualismus) reflektieren rückschauend die utopischen Potentiale der Kunst im 20. Jahrhundert und sind von dem Wunsch geprägt, "die 'östlichen' Traumata zu rekonstruieren" (Groys 1988, 102). Während jedoch der Postutopismus den in der Avantgarde wie auch im Sozialistischen Realismus vorhandenen Utopismus in-eins-setzt und gleichermaßen verurteilt, entsteht in den 1980er Jahren auch eine "retrospektive Achse der Avantgarde, eine Retro-Avantgarde, die das von der historischen Avantgarde nur durcheilte und bei weitem nicht gänzlich bearbeitete Feld noch einmal produktiv verarbeitet." (Weibel 1992, 14)
        Die (bislang) letzte Phase der Avantgarde-Rezeption, die zeitlich ungefähr mit dem Ende des Sozialismus in Osteuropa ab 1990 einsetzt, ist vor allem bei jungen Künstlern gekennzeichnet durch einen Verlust des Interesses an der Auseinandersetzung mit den Ambivalenzen, politischen Verstrickungen und den (potentiell) totalitären Dimensionen der künstlerischen Avantgarde. Der Utopismus der Avantgarde wird nicht mehr primär mit totalitären Tendenzen gleichgesetzt, sondern wird vor allem auf seine medientechnologischen Projektionen und Entwürfe durchgesehen. Das Utopische, so Inke Arns' These, wird jetzt von politisch-totalitären, negativen Konnotationen getrennt und wieder verstärkt positiv politisch konnotiert. Marko Peljhan, Betreiber des makrolab, z.B. zitiert mit Vorliebe einen Satz von Buckminster Fuller aus den 1950er Jahren: „Die Welt ist heute zu gefährlich für alles, was nicht utopisch ist.” Das Interesse der jüngeren Generation von Künstlern, die vor allem mit neuen Medien arbeiten, richtet sich verstärkt auf frühe utopische Technologiephantasien und -konzeptionen, die nicht nur von einzelnen Avantgarde-Künstlern und -Theoretikern, sondern vor allem von Wissenschaftlern und Ingenieuren am Anfang des 20. Jh. entwickelt worden sind.
        Ganz allgemein ließe sich dieser Paradigmenwechsel in der Avantgarde-Rezeption von den 1980er zu den 1990er Jahren als Bewegung weg von der Utopie unter Generalverdacht, hin zu einem neuen Begriff des Utopischen beschreiben.
        Im Rahmen des Vortrags werden aktuelle Projekte des Künstlerkollektivs Neue Slowenische Kunst (NSK) bzw. des Kosmokinetischen Kabinetts Noordung, der Theaterabteilung der NSK (Ljubljana), des russischen Künstlers Vadim Fishkin (Ljubljana) und des slowenischen Künstlers Marko Peljhan vorgestellt.