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Inke Arns, Humboldt-Universität
zu Berlin
„149.174.206.136 does
not like recipient": Zur Praxis der kleinen Medien am Beispiel des „Syndicate"-Netzwerkes
und einigen Werken der Netzkunst
Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung
Vom Elitären zum Populären: Popular Culture im Ost-West- Vergleich,
Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin, WS 2000/2001, 24.1.2001
Abstract
Das Internet, von US-amerikanischen
Militärstrategen erfunden und von Wissenschaftlern, Medienaktivisten
und kommerziellen Anbietern zu einem immensen, internationalen Kommuni-kationsnetz
ausgebaut, verbreitete sich in den 1990er Jahren langsam auch in West-
und Osteuropa. Telefonverbindungen wurden verbessert, bezahlbare Computer
erreichten den Konsumentenmarkt, lokale BBS- oder Mailbox-Systeme wurden
zu größeren Komplexen verknüpft und an das Internet angeschlossen.
Auf dem Internet entsteht,
wie in einem kleinen Biotop, ein Europa der offenen Kanäle, des freien
kulturellen Austauschs, der die Unterschiede zwischen verschiedenen Kulturen
anerkennt, dabei aber die trennenden, nationalen Territorialgrenzen ignoriert.
Wer die Tücken der Computersoftware und der Modemverbindungen akzeptieren
kann, und wer der neuen Bastardsprache des Euro-English mächtig ist
- jenes Englisch, das Russen, Spanier und Niederländer teilen und
das den Muttersprachlern Zähneknirschen bereitet -, der kann in verschiedenen
Winkeln Europas Teile einer neuen, translokalen Internetgemeinschaft ausmachen.
Das Internet ist nicht nur
eine technische Struktur, sondern auch ein Netzwerk von Menschen, die in
vielerlei Projekten und Initiativen neue – translokale – Formen der Kommunikation
und Zusammenarbeit entwickeln. Ermöglicht werden diese vielfältigen
translokalen Vernetzungen – deren Spezifik gerne mit Tunnel- und Rhizom-Metaphern
beschrieben wird – durch den Einsatz ‘kleiner Medien’, die durch ihre verteilte
bzw. Netzstruktur eine horizontale, nicht-hierarchische Kommunikation zwischen
Individuen oder Gruppen unterschiedlicher Größe und Verteilung
erlauben. Ein Ergebnis dieser neuen Vernetzungsmöglichkeiten, über
die ich heute sprechen werde, besteht in der engen Kooperation zwischen
ost- und westeuropäischen KünstlerInnen, die in den 1990er Jahren
zur Entstehung und spezifischen Prägung der frühen Netzkunst
führte.
Die Bedeutung der Kleinen
Medien
Im Dezember 1996 war die
kleine, lokale Belgrader Radiostation B92 der berühmteste Sender der
Welt. BBC World Service, CNN, Deutsche Welle, überall berichtete man
über die Abschaltung von B92 durch die serbische Regierung. B92 hatte
offen die Proteste der serbischen Opposition gegen die Annulierung der
Kommunalwahlen unterstützt und war zu einer wichtigen Koordinationsstelle
für die Demonstrationen geworden, zu denen sich tausende von Belgradern
jeden Tag aufmachten. So ließ die Milosevic-Regierung die B92-Frequenz
zuerst stören, und dann schließlich den Sender beim staatlichen
Funkturm ganz abschalten.
Ein Sturm der Entrüstung
brach los. Die Informationen über die Ereignisse waren innerhalb weniger
Stunden durch das Internet und durch Telefonnetze verbreitet, und internationale
Medien, Journalistenverbände und Regierungen begannen, Druck auf das
Milosevic-Regime auszuüben. In diesen Stunden bekam Drazen Pantic,
Leiter der Internetaktivitäten von B92, einen Anruf aus den USA von
Progressive Networks, dem Hersteller der RealAudio-Software, mit deren
Hilfe erstmals Live-Audiosignale in befriedigender Qualität über
das Internet ausgesendet werden konnten. Das Angebot war einfach: B92 erhält
einen starken RealAudio-Server, mit dessen Hilfe es sein Programm unabhängig
von den serbischen Sendeanlagen verbreiten kann, Gegenleistungen keine,
außer dass Progressive Networks auf diese Weise zusammen mit B92
in die Weltöffentlichkeit treten würde.
Innerhalb weniger Tage war
der RealAudio-Server bei XS4ALL in Amsterdam installiert, die auch vorher
schon eng mit B92 zusammengearbeitet hatten, und das Programm von B92 war
fortan nicht mehr nur ein paar Häuserblöcke weit im Zentrum Belgrads,
sondern überall da zu hören, wo es einen Internetanschluss gab.
Die Website von B92, die seit Herbst 1995 mit Unterstützung der Soros
Foundation betrieben wurde, war plötzlich eine der wichtigsten Quellen
der internationalen Medien für die neuesten Nachrichten über
die Belgrader Winterproteste. Außerdem erreichte das Programm auf
einmal auch die weltweite serbische Diaspora, d.h. viele von denen, die
in den vorangegangenen Jahren aus dem Land weggegangen waren.
Keine drei Tage nach der
Abschaltung war B92 auch in Belgrad wieder über Äther zu hören.
Mit fadenscheinigen Erklärungen wurde die Unterbrechung auf technische
Probleme geschoben, und das Milosevic-Regime rückte einen Schritt
näher an die Anerkennung der Wahlergebnisse vom November heran, die
im Februar 1997 endgültig erfolgte. Wie immer der politische Konflikt
in Serbien sich danach weiterentwickelt hat, B92 hatte mit seinem RealAudio-Programm
ein überzeugendes Beispiel für die Möglichkeiten des Internet
als Rundfunkmedium erbracht, wie auch für die schiere Unmöglichkeit,
Internetinhalte von staatlicher Seite effektiv zu kontrollieren.
Auch wenn Radio zu den ‘alten’,
also analogen (Massen-)Medien gezählt werden kann, deren hierarchische
und zentralisierte closed-broadcast-Struktur nur eine one-to-many-Einweg-Kommunikation
erlaubt, („ein Sender, tausend Empfänger"), so wird an diesem Beispiel
doch der Unterschied zwischen Massenmedien und kleinen Medien deutlich.
B92s Wechsel vom Äther ins Internet geschah sozusagen im ursprünglichen
Sinne des packet-switching: Bei teilweisen Ausfällen des Netzes wird
einfach um die Ausfallstelle herumnavigiert.
Das Internet ermöglicht
Kommunikation zwischen Individuen jedoch in noch anderer Weise. Kommunikationsmittel,
die in vergleichbarer Form bislang nur großen Unternehmen und gutbesoldeten
staatlichen Stellen verfügbar waren (z.B. Video-Conferencing), erlauben
es jetzt Individuen, ad hoc oder kontinuierlich auf lokaler, translokaler
und globaler Ebene zusammenzuarbeiten. Daraus ergeben sich für einzelne
Gruppen wie für das Internet insgesamt Strukturcharakteristika, die
Helmut Spinner als vielversprechenste nichttechnische Neuerungen der aktuellen
Wissensordnung bezeichnet: "Es sind die weiten aber trotzdem flachen Informationsnetze,
die erstmals in der Geschichte das traditionelle ‘Organisationsgesetz’
durchbrechen, demzufolge Größenwachstum unvermeidlich mit Abschließung
nach außen und Hierarchiebildung im Innern verbunden ist, vom Sportverein
über den Wirtschaftsbetrieb bis zum Großreich." Die besondere
Qualität dieser Umgebung ergibt sich, so Volker Grassmuck, aus der
Zweiwegkommunikationsstruktur und der Archivfunktion des Netzes. Die schlichte
Tatsache, daß jeder Teilnehmer einzelne oder Gruppen beliebiger Größe
von anderen Teilnehmern ansprechen kann und daß viele der öffentlichen
Äußerungen in öffentlich zugänglichen Archiven nachles-
und referenzierbar bleiben, führt zu dem was John Perry Barlow als
‘The End of Broadcast Media and the Beginning of the Great Conversation’
bezeichnet hat:
"If it is suddenly
possible to spread ideas widely without first shoving them through some
centrally operated and intensely capitalized industrial engine - whether
a complex of book binderies or 50,000 watt transmitters -- ... freedom
of expression will belong not only to those who buy ink by the barrel or
transmitter power by the kilowatt. No longer will anyone have to confine
their expressions to ideas congenial to the media lords and their advertisers."
Aus dem einen Sender und den
tausend Empfängern (also der massenmedialen one-to-many-Struktur)
werden im Internet potentiell tausend Sender und ebensoviele Empfänger
(Punkt-zu-Punkt-Struktur). Alex Galloway sagte in einem Interview im Februar
1999: „I claim that we never had access to real, wide-spread non-hierarchical
systems until now, with the dawn of radically democratic networked communities."
Kleine Medien unterscheiden
sich zunächst also hinsichtlich des Zugangs von den Massenmedien:
Der stark reglementierten Zugangskontrolle des closed broadcast system
der Massenmedien steht die Offenheit des Zugangs im open broadcast system
gegenüber. Als Sender kommen hier all jene in Frage, die über
einen Internetzugang, über grundlegende Kenntnisse im Umgang mit Computern,
Software und der englischen Sprache verfügen. Mit dem Übergang
von analogen zu digitalen Produktions- und Distributionsmedien werden diese
auch kostengünstiger, mithin erschwinglicher für Einzelpersonen
oder Gruppen.
Im Arsenal der kleinen Medien
konnte man in den 1980er Jahren die folgenden ausmachen: das Flugblatt,
die Druckerpresse, Plakate, Piratenradios, Studentenzeitschriften, selbstverlegte
Bücher, Kassetten und Schallplatten. Mit dem Aufkommen des Netzes
in den 1990er Jahren erweiterte sich dieses Spektrum um Internet-Mailinglisten
(und die dazu notwendige majordomo- oder listserv- Software), -Newsgroups,
Webseiten (bzw. die Hypertext Markup Language HTML) sowie diverse Streaming-Technologien.
Im Gegensatz zur Homogenisierung
der Inhalte in den Massenmedien, die ja auch immer Mehrheitsmeinungen transportieren,
erlauben kleine Medien eine Heterogeneität der Inhalte und Meinungen
(Mailinglisten und Newsgroups gibt es zu fast allen denkbaren Themen).
Diese kleinen, unabhängigen do-it-yourself (DIY) Propaganda-maschinen
erzählten die ‘kleine Erzählungen’ - im Gegensatz zu den grand
narratives der Massenmedien. Diese Funktion findet sich schon in Deleuze/Guattaris
Begriff der „kleinen Literaturen" („littératures mineures"), den
sie in den 1970er Jahren prägten.
Auch hinsichtlich ihrer Struktur
gibt es eklatante Unterschiede zwischen kleinen und Massenmedien. Während
Massenmedien ein zentralisiertes, vertikales Sende-Modell zu Grunde liegt,
das nur hierarchische bzw. top-down Kommunikation [besser: Ausstrahlung]
erlaubt, ermöglichen kleine Medien im Gegensatz dazu durch ihre verteilte
bzw. Netzstruktur eine horizontale, nicht-hierarchische Kommunikation zwischen
Individuen oder Gruppen auf lokaler, translokaler oder globaler Ebene.
Mit dem Aufkommen des Netzes
verändern sich somit die Kommunikations- möglichkeiten Einzelner
auf grundlegende Art und Weise. Parallel zum Ende der Ost-West-Teilung
bildete sich in den 1990er Jahren ein Netz neuer filigraner Kanäle
und Sprechverbindungen heraus. Es kommt nicht von ungefähr, daß
in dieser Zeit Tunnel- und Rhizom-Metaphern zu (erneuter) Popularität
gelangten.
Tunnel - und Rhizom-Metaphern
Der tschechische Schriftsteller
Jáchym Topol begann Anfang der 1990er Jahre die Topographie eines
neuen Kosmopolitismus zu entwerfen. Auf der Flucht vor der Polizei setzen
sich die Helden seines 1994 erschienenen Buches Die Schwester durch einen
Berliner U-Bahn-Schacht ab:
„Plötzlich,
irgendwelche Hände packen uns und ziehen uns in eine Nische. Die Bullen
flitzen vorbei ... vor mir steht’n kleines Männchen, schwarz wie’n
Schuh. In der Nase hat er’n Stoßzahn, der leuchtet regelrecht hier
in der Dunkelheit. Ungara, Bulgara, Polischa, Rumana ... fragt mich das
Männchen aus. Beinah richtig. Das liegt an meiner Visage. Ei äm
Tscheckoslowakia! Und juh? frage ich, Angolander, Kongomann, Ugandhi ...
hm? Nain! Nain! Ich Kanak! Wir gehen nach hinten. Mir fallen die Augen
aus dem Kopf. Da is’n Schacht oder was, ‘ne ganze Menge von diesen kleinen
Flinken wieselt da rum. Sie graben, und die Erde fahren sie mit Schubkarren
weg. Mein Kanakenfreund erklärt: Tuleri, Kippa! Essen hier große,
große bik! Kanakland keine! Er zeigt uns die internationale Geste
für Klauen. Wir pflichten ihm bei. Tunelerie! Nach Kanakland! Aha,
Kopic verstand. Die graben sich nach Hause durch. Globe, sag’ ich. Globe,
durch, graben durch? Ja, nach Globe, sagt der Kanake erfreut. Essen Konzerv
und Dzus Supermarkt Doitschland nach Kanakland für Kindern und Fraulen
... Na ja, sagt Kopic, Kanaken. Wir sind auch Kanaken ... Er hat recht.
Wir sind alle Kanaken."
Auch in Underground, einem Film
des bosnisch-serbischen Regisseurs Emir Kusturica von 1995, taucht ein
solches unterirdisches Tunnelsystem auf. In diesem Film verstecken sich
Partisanen während des Zweiten Weltkriegs in einem Belgrader Keller
vor den Nazis. Durch die arglistige Täuschung eines Kriegsgewinnlers
wird ihnen auch nach dem Ende des Krieges ca. 50 Jahre lang vorgegaukelt,
dass der Krieg oben weitergehe. Von dem zentralen Schauplatz des
Films, einem Keller unter einem Haus in Belgrad, verzweigen sich 32 Tunnel,
die alle europäischen Hauptstädte miteinander verbinden.
Abstrahiert man nun für
einen Augenblick von Kusturicas Film oder von Topols Buch, so stellen sich
solche Tunnelsysteme als Möglichkeitsräume dar, als subterrane
Verbindungen zwischen oberirdischen Punkten. Diese Tunnelsysteme eröffnen
Relationen, Austauschwege, Kanäle, -- Möglichkeitsräume
– wie sie auf den ersten Blick an der Oberfläche nicht sichtbar sind.
Tunnel- und Kanalsysteme
laufen quer zu Phänomenen der Oberfläche, z.B. Grenzen: Grenzen
entstehen, wo - so Richard Muir - die „vertikalen Grenzflächen zwischen
souveränen Staaten die Oberfläche der Erde durchschneiden ...
Als vertikale Grenzflächen besitzen Grenzen keinerlei horizontale
Ausdehnung..." . Unter der Oberfläche jedoch herrschen andere Regeln.
Hier bilden die Konnexionen Gespinste, Verdickungen und Verdichtungen.
Diese unterirdischen rhizomatische Netze sind mindestens ebenso wichtig
wie die Oberflächenphänomene, denn sie eröffnen den Ausblick
auf eine vielfältige und heterogene Wirklichkeit.
Gilles Deleuze und Felix
Guattari haben zur Beschreibung dieser ‘subterranen’ Verbindungen den Begriff
des „Rhizoms" aus der Botanik in die poststrukturale Theorie eingeführt.
Als unterirdischer Sproß „unterscheidet sich ein Rhizom grundsätzlich
von großen und kleinen Wurzeln. Knollen und Knötchen sind Rhizome.
[...] Auch die Tiere sind es, wenn sie Meuten bilden, z.B. die Ratten.
Ein Bau ist in all seinen Funktionen rhizomorph: als Wohnung, Vorratslager,
Rangiergelände, Versteck und Ruine. Das Rhizom selbst kann die verschiedensten
Formen annehmen, von der Verästelung und Ausbreitung nach allen Richtungen
an der Oberfläche bis zur Verdichtung in Knollen und Knötchen."
Merkmale des Rhizoms sind die Prinzipien der Konnexion, der Heterogenität,
der Mannigfaltigkeit, des asignifikanten Bruchs und der Kartographie: „Jeder
Punkt eines Rhizoms kann (und muss) mit jedem anderen verbunden werden
[...; ein Rhizom] verbindet unaufhörlich semiotische Kettenglieder,
Machtorganisationen, Ereignisse aus Kunst, Wissenschaften und gesellschaftlichen
Kämpfen." Das Rhizom ist eine „wesentlich heterogene Wirklichkeit"
, wie z.B. die gesprochene Sprache. Denn sie „bildet Knollen. Sie entwickelt
sich durch unterirdische Verästelungen und Strömungen, sie folgt
Flußtälern oder Eisenbahnlinien, sie breitet sich wie eine Öllache
aus." Ein Rhizom ist mannigfaltig: Es gibt keine Punkte oder Positionen,
nur (Flucht-)Linien, Trajektorien und Vektoren. Brüche sind hier asignifikant:
„Ein Rhizom kann an jeder Stelle unterbrochen oder zerrissen werden, es
setzt sich an seinen eigenen oder an anderen Linien fort." Das Rhizom
ist auch Unkraut; es wächst dazwischen; es ist Zwischenstück,
Intermezzo. Es besteht aus Plateaus. Ein Plateau „ist immer Mitte, hat
weder Anfang noch Ende"; es ist eine „zusammenhängende, in sich selbst
vibrierende Intensitätszone, die sich ohne jede Ausrichtung auf einen
Höhepunkt oder ein äußeres Ziel ausbreitet." Der
Wurzel-Baum ist Filiation (Genealogie), „aber das Rhizom ist Allianz, einzig
und allein Allianz."
Als eine solche Allianz könnte
man die im Winter 1995/96 von der Rotterdamer V2_Organisation ins Leben
gerufene 'V2_East/Syndicate' Initiative beschreiben. Sie widmet sich der
Förderung von Kontakten und Kooperationen, der Verbesserung der Kommunikation
und des Austauschs zwischen Institutionen und Einzelpersonen in Ost- und
Westeuropa, die im Bereich Medien und Medienkultur tätig sind. Das
wichtigste Ergebnis der V2_East-Initiative war der Aufbau des 'Syndicate'-Netzwerkes.
Dieser Name bezieht sich auf eine Bemerkung, die Vladimir Muzhesky aus
Kiev während des ersten V2_East-Treffens am Ende der Next 5 Minutes-Konferenz
im Januar 1996 in Rotterdam machte: „Als Einzelpersonen sind wir relativ
schwach, wenn es darum geht, mit Geldgebern und öffentlichen Stellen
über die Unterstützung von Projekten im Bereich neue Medien und
elektronische Kunst zu verhandeln. Wenn wir uns jedoch zusammenschließen
und so etwas wie ein Syndikat bilden würden, dann könnten wir
in strategisch wichtigen Momenten mit einer einzigen Stimme sprechen und
mächtiger werden, als wir es jetzt sind."
Die unmoderierte Syndicate
Mailingliste - der wichtigste Kommunikationskanal des Netzwerkes - ermöglicht
über e-mail einen kontinuierlichen Austausch zwischen den TeilnehmerInnen
über bevorstehende Veranstaltungen sowie kollaborative Projekte. Seit
dem ersten Treffen im Januar 1996 in Rotterdam, an dem 30 Medienkünstler
und -aktivistinnen, Journalisten und Kuratorinnen aus 12 ost- und westeuropäischen
Ländern teilnahmen, ist das Syndicate Netzwerk kontinuierlich gewachsen
und verbindet heute, im Januar 2001 über 500 TeilnehmerInnen aus über
30 europäischen und einigen außereuropäischen Ländern.
War die ursprüngliche Idee zunächst die Ost-West Vernetzung –
und auch die zwischen Ost und Ost –, so entwickelt sich das Syndicate Netzwerk
heute immer mehr hin zu einem gesamteuropäischen Forum für Medienkultur
und -kunst.
Hier entstehen in wechselnden
Konstellationen kurzfristige kollaborative Projekte wie auch langfristige
Kooperationen. Regelmäßige Syndicate Treffen und Workshops haben
zumeist im Rahmen von Festivals und Konferenzen stattgefunden, so z.B.
1996 während des DEAF Festivals in Rotterdam, 1997 während des
Video Positive Festivals in Liverpool, der Nettime-Konferenz Beauty and
the East in Ljubljana, der documenta X in Kassel, der ars electronica in
Linz und des ostranenie Festivals in Dessau. 1998 gab es ein Syndicate-Treffen
in Tirana und eines während der Skopje Electronic Arts Fair. 1999
trafen sich Syndicate-Mitglieder in Budapest (dieses Treffen war ursprünglich
in Belgrad geplant, mußte jedoch kurzfristig wegen der NATO-Bombardierungen
nach Budapest verlegt werden), zwei weitere fanden anläßlich
der Ausstellung net_condition am ZKM in Karlsruhe und während des
Temp Medienlabors in Helsinki statt. Alljährlich im Herbst wird eine
Auswahl von Texten, die über die Mailingliste geschickt wurden, in
Form kostengünstiger Reader publiziert. Auf einer Website werden
die Nachrichten, die über die Mailingliste gehen, archiviert, es wird
Material gesammelt, das mit den Aktivitäten von Syndicate zu tun hat
und es werden Links zu Webseiten der Mitglieder des Netzwerkes gelegt.
Informelle Netzwerke, Newsgroups
und Internet-Mailinglisten, die oft von Hunderten von Menschen benutzt
werden um in Kontakt zu bleiben, Nachrichten auszutauschen und an Diskussionen
teilzunehmen, spielen eine bedeutende Rolle für die Verbreitung kritischer
Informationen. Solche translokale Allianzen verweisen einerseits – so Timothy
Druckrey im Hinblick auf das Internet – auf "[...] eine Neuro-Geographie
der Kognition [, die hier entsteht], ein Utopos von Netzwerken, elektronischen
Rezeptionsweisen und eine post-territoriale Gemeinschaft, deren Materialität
ephemer bleibt, sich der räumlichen Einordnung entzieht und deren
Gegenwart von ihrer Teilnahme statt von ihrem zufälligen Standort
bestimmt wird." Andererseits entbindet eine solche ‘teilnehmende
Gegenwart’ nicht von dem jeweiligen lokalen, nationalen Kontext, in den
jede/r individuell eingebunden ist, einem Raum, der, so Michel Foucault,
„mit Qualitäten aufgeladen ist, der vielleicht auch von Phantasmen
bevölkert ist." (In der Existenz dieser „Phantasmen" des lokalen
oder nationalen Kontexts sind natürlich auch potentiell die Grenzen
jeglicher Translokalität angelegt.)
Im August 1997 fand unter
dem Titel „Deep Europe" ein zehntägiger Workshop des Syndicate Netzwerkes
im Rahmen des Hybrid WorkSpace in der Orangerie der documenta X in Kassel
statt. Der bulgarische Künstler Luchezar Boyadijev definierte den
Titel des Workshops folgendermaßen: „Europe is deepest where there
are a lot of overlapping identities". Mit der Setzung des Begriffs „Deep
Europe" bezog sich die Arbeitsgruppe des Syndicate Netzwerkes auf ein neues
Verständnis von Europa, ein Verständnis, das wegführt von
einem horizontalen / homogenen / binären Begriff des Territoriums
(z.B. Ost / West) und dagegen – durch einen vertikalen Schnitt durch territoriale
Einheiten – hinführt zu einem neuen Verständnis für die
unterschiedlichen heterogenen, gleichzeitig nebeneinander existierenden
kulturellen Tiefenschichten und Identitäten in Europa. Lisa Haskel
(London), eine der TeilnehmerInnen des Workshops, beschrieb diese Aufgabe
damals folgendermaßen:
„Vielleicht ist
es das, worum es bei Deep Europe geht. Nicht eine politische Haltung, eine
Utopie oder ein Manifest, sondern eher ein Prozeß des Grabens, ein
Tunnelbau zu mehr gegenseitigem Verständnis und zur Verknüpfung,
in dem die verschiedenen Ausgangspunkte und die möglichen Richtungen
voll anerkannt werden: ein Prozeß der Zusammenarbeit, verbunden mit
dem Wunsch nach neuen Verbindungen. Es mag Verzögerungen und einige
Frustrationen geben, ziemlich viel harte Arbeit ist nötig, aber wir
können uns mit der einen oder anderen Maschine behelfen. Das Ergebnis
ist ein Kanal des gegenseitigen Austauschs, den wir selber und andere,
die ähnliche Ziele und Interessen haben, benutzen können."
Konferenzen und Festivals,
Workshops und informelle Treffen (wie z.B. die eben erwähnten Syndicate-Treffen)
gehören seit Jahren zu den wichtigsten Katalysatoren der Verbreitung
einer alternativen Medienkultur in Europa. Hier treffen sich Gleichgesinnte
aus Ost und West, von fern und nah, und verknüpfen lokale Gemeinschaften
mit translokalen Netzwerken. Wie bereits erwähnt wurde, ist die Bedeutung
medienkultureller Praxis nicht nur technologischer und damit translokaler
Natur, sondern entfaltet sich stets in lokalen Kontexten. Das Lokale und
das Globale schließen sich nicht aus – im Gegenteil: Das Lokale
muß als ein Aspekt des Globalen verstanden werden. Globalisierung
heißt nach Ulrich Beck auch: das „Zusammenziehen, Aufeinandertreffen
lokaler Kulturen, die in diesem 'clash of localities' inhaltlich neu bestimmt
werden müssen." Roland Robertson schlägt vor, den Grundbegriff
kultureller Globalisierung durch 'Glokalisierung' zu ersetzen. „'Globale
Kultur' kann", so Beck, demnach „nicht statisch, sondern nur als ein kontingenter
und dialektischer [...] Prozess verstanden werden. [...] Globalisierung
- scheinbar das Ganz-Grosse, das Äußere, das, was am Ende noch
dazukommt und alles andere erdrückt - wird fassbar im Kleinen, Konkreten,
im Ort, im eigenen Leben, in kulturellen Symbolen, die alle die Signatur
des 'Glokalen' tragen."
Netzkunst (wie
im Vortragstitel angekündigt: Sprung zu einigen Werken der Netzkunst
– jedoch kein umfasssender Überblick in so kurzer Zeit möglich;
ich verweise daher auf andere Texte, die ich zu dem Thema publiziert habe)
Netzkunst ist eine Kunstrichtung,
die sich mit der immer stärkeren Verbreitung des Internet um 1993/1994
entwickelte. Sie war, besonders in ihrer Frühphase (bis ca. 1997),
ein genuines Produkt translokaler Vernetzung. Dies zeigte sich unter anderem
daran, daß Netzkunst zu einem der ersten gesamteuropäischen
Phänomene nach dem Mauerfall wurde. KünstlerInnen aus Ost- und
Westeuropa trugen zu gleichen Teilen zur Entwicklung dieser neuen Kunstform
bei. Gründe hierfür waren sicherlich u.a. die Tatsache, daß
man Anfang der 1990er Jahre von relativ ähnlichen technischen Startprämissen
bezüglich des Internet ausgehen konnte. Zudem wandte sich die frühe
Netzkunst - auch in der Wahl ihres Mediums - gegen den traditionellen Kunstbetrieb
mit seinen Institutionen. Bei den KünstlerInnen aus Osteuropa kam
verstärkend hinzu, daß dort ein Kunstmarkt sowieso nicht oder
nur in Ansätzen existierte. Das Motto hieß daher: Flucht nach
vorn ins Netz.
Netzkunst benutzt das Internet
nicht nur als Medium, sondern vor allem als Ort und als Material. Unter
die Kategorie Netzkunst fällt nicht, wenn Ölbilder digitalisiert
und dann ins Internet gestellt werden. Das wäre dann „Kunst im Netz".
Netzkunst jedoch ist ein genuines Produkt des Netzes, das sich der spezifischen
Eigenschaften des Raumes Internet annimmt und diese Eigenschaften – konkret:
alles, was das Internet bzw. das World Wide Web ausmacht – als künstlerisches
Material verwendet. Dies können spezifische Internetdienste oder -protokolle
sein [z.B. http, ping, e-mail, irc, etc.], das Verändern und Schreiben
bestimmter Software [z.B. der „künstlerische" Browser Webstalker der
Künstlergruppe I/O/D], die Verwendung bestimmter Skripts oder der
Einsatz von Suchmaschinen und Hypertextformaten. Es gibt sehr unterschiedliche
Formen von Netzkunst: z.B. Projekte, deren Seiten das Hypertextformat voll
ausschöpfen und zu einer Interaktion mit anderen Dokumenten im Kontext
des WWW einladen, oder Arbeiten, die sich bewußt jeder Interaktion
verweigern und Erwartungen der User enttäuschen.
Ein Beispiel für ein
das Hypertextformat ausschöpfendes Netzkunstprojekt ist bzw. war das
'intergalaktische web loop' Refresh, das im September 1996 in Rotterdam,
Ljubljana und Moskau gemeinsam von Andreas Broeckmann, Vuk Cosic und Alexej
Shulgin begonnenen wurde. [Initiatoren verschickten über div. Mailinglisten
einen Aufruf zur Teilnahme, Seiten sollten die „Refresh-Funktion" des Webbrowsers
„kreativ" einsetzen, um so einen Webring von bis zu 50 Stationen (die jeweils
auf verschiedenen Servern in verschiedenen Ländern liegen) zu bilden.]
Klickt man auf "fresh", so wird man von dem Programm auf eine theoretisch
unendliche Internet-Tour geschickt: alle 10 Sekunden erscheint automatisch
die nächste Webseite der 'intergalaktischen Achterbahn'. Dieses Projekt
und seine Entstehung zeugen vom Netzwerkcharakter und von der Vernetztheit
des Kontextes, in welchem es entstanden ist. Refresh gehört, wie auch
die Projekte von Heath Bunting, Jodi, Rachel Baker, Olia Lialina, Vuk Cosic,
Alexej Shulgin und anderen, zu einer netzspezifischen Kunstform, für
die 1997 der Begriff "net.art" (sprich: „net-dot-art", dt.: Netzkunst)
geprägt wurde.
Wie oben erwähnt gibt
es aber auch solche Arbeiten, die sich bewusst jeder Interaktion verweigern.
Ein Beispiel für ein solches, das Hypertextformat ad absurdum führendes
und die Erwartungshaltungen der User enttäuschendes Projekt ist die
Arbeit des britischen Netzkünstlers „im Ruhestand" Heath Bunting,
_readme (1998), eine Textseite, genauer: ein Text von James Flint
über Heath Bunting, dessen einzelne Wörter Hyperlinks zu Internetadressen
gleichnamiger Firmen („dot coms") darstellen – eine Schreckensvision, die
durch den Untertitel der Arbeit noch expliziert wird: Own, Be Owned Or
Remain Invisible. Vorstellbar ist, dass Firmen inzwischen wirklich auf
alle Wörter ein Copyright angemeldet haben. Bunting macht hier in
eindrücklicher Weise klar, dass es sich bei dem fortschreitenden Kampf
um Domainnamen um nichts weiter als die Privatisierung des öffentlichen
Raumes handelt. [1998 führten noch viele Links ins Nichts; inzwischen:
erstaunlich, fast alle Adressen sind belegt!]
Das holländisch-belgische
Künstlerpaar Jodi dekonstruiert den HTML-Code , indem es anstelle
der glatten Web-Oberfläche die ASCII-Zeichen des Quellcodes
verwendet, den Quellcode selbst also zum Bild werden lässt. Jodi gehören
mit ihrer Website, die Usern beim ersten Besuch den Eindruck vermittelt,
sie hätten sich einen Virus eingefangen, zu den bekanntestesten Vertretern
der sogenannten „net.art". Ihre elegant programmierten Arbeiten enthalten
computergenerierte gif/jpeg-Bilder, CGI-Programme, Javascripts, ASCII-Text
und HTML-Quellcode. Jodi arbeitet - und das ist typisch für frühe
Formen der Netzkunst um 1996/97 - mit den materiellen Voraussetzungen des
Mediums Internet und widmet sich dem, was normalerweise als technische
Dysfunktion unterdrückt wird: der medialen Störung in der Kommunikation
zwischen Maschinen. Interaktion wird hier radikal dekonstruiert.
Der Moskauer Medienkünstler
Alexej Shulgin, auch ein früher Vertreter der Netzkunst, baute 1997
aus HTML-Form-Elementen, die üblicherweise zum Bau von Web-Formularen
dienen (Knöpfe, Checkboxen, Textbereiche und Pull-Down-Menues), abstrakte
– künstlerische – Web-Seiten. Unter dem Namen Form Art erklärte
er das Ganze gleich zu einer neuen Kunstrichtung. Und das ASCII Art Ensemble
(eine Gruppe mit Mitgliedern in Amsterdam, Ljubljana und Berlin) arbeitet
an der ‘Rückübertragung’ bewegter Filmbilder in „netz-basiertes
bewegtes ASCII". Das Verfahren erinnert an frühe, grafiklose und 24-nadelige
Stadien der Druckertechnologie, als Bilder nur durch im Computer vorhandene
ASCII-Zeichen dargestellt werden konnten und dementsprechend unentzifferbar
waren.
Es geht in vielen der frühen
netzkünstlerischen Arbeiten nicht darum, neue Medien und Technologien
zu verwenden, sondern es geht um deren Entwendung. Diese Projekte nehmen
eine kritisch-distanzierte Haltung gegenüber den medialen Maschinen
ein, sie bedienen sich der Strategien der Unterwanderung, der Irritation,
der Umfunktionierung. Sie widmen sich der Ästhetik des Fehlers, der
medialen Störung und des technischen Versagens, der Dysfunktionalität,
der (Zer-)Störung von Erwartungen und der Ästhetik des Maschinischen,
d.h. der Sichtbarmachung von Prozessen, die meist hinter glatten Oberflächen
tief im Inneren der Maschine ablaufen. Oder, wie es Andreas Broeckmann
1998 formulierte: es geht nicht um das „unauffällige und reibungslose
Zusammengehen der materiellen und der virtuellen Welten, sondern vielmehr
um den Unfall, die Reibung und den Bruch, die einer jeden technischen Realität
inhärent sind."
Ebenso, wie Jodi den Begriff
der Interaktivität dekonstruiert, nimmt auch Alexej Shulgin in seinem
Manifest „Art, Power and Communication" von 1996 diesem Begriff gegenüber
eine sehr kritische Haltung ein. Überhaupt haben verschiedene Künstler
aus Osteuropa wiederholt auf die Bedeutung des immer schon gebrochenen
Verhältnisses zu 'den Medien' hingewiesen. Lev Manovich unterstreicht
- angeregt durch Alexej Shulgins polemisches Manifest von 1996 - die Bedeutung
der unterschiedlichen Erfahrungen:
"The experiences of East
and West structure how new media is seen in both places." – „For
a Western artist, [...] interactivity is a perfect vehicle both to represent
and promulgate ideals of democracy and equality; for a post-communist,
it is yet another form of manipulation, in which artists use advanced technology
to impose their totalitarian wills on the people. Further, Western media
artists usually take technology absolutely seriously, despairing when it
does not work; post-communist artists, on the other hand, recognize that
the nature of technology is that it does not work, that it will necessarily
break down. Having grown up in a society where truth and lie, reality and
propaganda always go hand in hand, the post-communist artist is ready to
accept the basic truisms of life in an information society (spelled out
in Claude Shannon's mathematical theory of communication): that every signal
always contains some noise; that signal and noise are qualitatively the
same; and that what is noise in one situation can be signal in another."
In diesem Sinne machte der
Moskauer Konzeptkünstler und Dichter Dmitrij Prigov während des
International Symposium on Electronic Art (ISEA) 1994 in Helsinki eine
Performance mit dem Titel Orpheus und Eurydike, in der er Übersetzungsprogramme
für Geschäftsleute einsetzte, um ein Gedicht von Alexander Puškin
aus dem 19. Jahrhundert aus dem Russischen ins Finnische und von dort ins
Englische (bzw. aus dem Russischen ins Englische, dann ins Deutsche und
von dort zurück ins Russische [Sasse]) zu übersetzen. Für
Prigov stellte das Endprodukt eben nicht eine fürchterlich schlechte
Übersetzung dar, auch kein schlechtes Gedicht, sondern ein neues Kunstwerk,
ein Text auf der „untersten Ebene künstlerischer Existenz" (Sasse),
der seine Originalität den auf dem niedrigsten Level künstlicher
Intelligenz ausgeführten Operationen des Übersetzungsprogramms
verdankte. Prigovs poetische Versuche am Computer sind, so Sylvia Sasse,
in einem post-sowjetischen Kontext zu sehen, in welchem sich weniger Apologeten
als vor allem Skeptiker der neuen Medienkultur finden. Sie schreibt: „Im
russischen Kulturbetrieb werden ... Zweifel an der Perfektion und Totalität
laut; diskutiert wird ... das Versagen der Technik, die Automatisierung
des Bewußtseins, die sich auch nach Beendigung des Generalprogramms
nicht mehr abschalten läßt ..." . In Rußland, so Alexej
Shulgin, „rechnet man eher damit, daß Computernetze zusammenbrechen"
und die Kommunikation unterbrochen wird (ebd.).
KünstlerInnen haben
mit ihren Netzkunstprojekten schon früh Strategien der Irritation
gegen den Internet-Hype entwickelt. Gegen die glatten Oberflächen
wird der rohe Quellcode und die mediale Störung gesetzt, gegen die
in den glatten Oberflächen mitschwingenden technoutopische Hoffnungen
fährt man eine Strategie der Enttäuschung. Die im besten Fall
eine Ent-Täuschung über die eigenen Hoffnungen in die utopischen
Potentiale der Technologie ist. Zu dieser Ausrichtung der frühen Netzkunst
haben KünstlerInnen aus Osteuropa in maßgeblicher Weise beigetragen
– neben Alexej Shulgin und Vuk Cosic wären auch noch Luka Frelih,
Olia Lialina, Marko Peljhan, Igor Stromajer und andere zu nennen. Ich möchte
sogar behaupten, dass die Erfahrungen, die diese Künstler als (post-)sozialistische
Subjekte mitbrachten, die Netzkunst insgesamt stark geprägt haben,
besonders was das Verhältnis zur Störung als einer der Technologie
inhärenten Tatsache angeht sowie die Erwartung des notwendigen Versagens
der Technik. Zu diesen Erfahrungen zählen auch die Idee einer selbstverständlichen
und kreativen Umfunktionierung von Technologien, um sie an persönliche
Bedürfnisse anzupassen.
Zusammenfassung/Ausblick
Licklider & Taylor, zwei
„Miterfinder" des Internet, sprachen bereits 1968 von zukünftigen
„[...] communities not of common location, but of common interest. [...]"
. Heute tragen auf Medienkultur und Netzkritik spezialisierte Mailinglisten
wie z.B. Syndicate und Nettime (oder auch Rhizome) zu einer translokalen
Vernetzung bei. Translokale Vernetzung ist dabei kein Selbstzweck, sondern
dient dem Aufbau nicht mehr national begrenzter strategischer Allianzen
und Kooperationen. Aus einer solchen Kooperation ist, wie ich versucht
habe zu zeigen, die Netzkunst hervorgegangen.
Der Einsatz ‘kleiner’, bzw.
‘taktischer Medien’ ermöglicht heute diese vielfältigen neuen
Vernetzungsformen, indem er eine potentiell horizontale, nicht-hierarchische
Kommunikation zwischen Individuen oder Gruppen unterschiedlicher Größe
und geografischer Verteilung fördert. Die Betonung liegt auf potentiell,
denn gerade angesichts der in der zweiten Hälfte der 1990er einsetzenden
Kommerzialisierung des Netzes ist es fraglich, ob eine breite Masse die
emanzipatorischen Möglichkeiten des Netzes überhaupt nutzen wird.
Wir haben es hier also - sowohl, was die Praxis von Mailinglisten als auch
die der Netzkunst angeht, mit minoritären Praktiken, sprich: Vorgehensweisen
von Minderheiten, zu tun. Es fällt daher schwer, hier von Populärkultur
zu sprechen. Auch die Kategorien von Hoch- oder Subkultur erscheinen mir
in diesem Zusammenhang nicht wirklich brauchbar zu sein.
Was mir jedoch interessant
erscheint, ist jeglicher ‘minoritärer’ oder widerständiger Gebrauch,
den Individuen oder Gruppen von kleinen Medien machen. Die daraus entstehenden
‘taktischen Medien’ werden auf globaler Ebene eingesetzt und haben durchaus
das Zeug zur Popkultur, bzw. sind bereits ein Teil von ihr.
Die im Vortragstitel enthaltene
Fehlermeldung stammt übrigens aus meiner Arbeit als Listen-Administratorin
der Syndicate Mailingliste. Sie bezieht sich einerseits auf die technische
Struktur des Netzwerkes, auf die zeitweiligen Ausfälle dieser technischen
Struktur und die seltsam menschlich anmutenden Fehlermeldungen der Maschinen.
Andererseits ist natürlich der Bezug auf die von mir dargestellten
Spezifika der frühen Netzkunst evident. Wir sollten uns jedoch mit
Friedrich Kittler fragen, ob es im Internet letztendlich nicht doch ausschließlich
die Maschinen sind, die miteinander kommunizieren.
Vielen Dank für Ihre
Aufmerksamkeit.
Fussnoten: [werden
noch eingearbeitet!]
(1) Helmut F. Spinner,
Die Architektur der Informationsgesellschaft, Bodenheim 1998, S. 9
(2) John Perry Barlow,
‘The Best of All Possible Worlds’, in: Communications of the ACM, 50th
Anniversary Issue, 1996; <http://www.nettime.org/nettime.w3archive/199612/msg00011.html>
(3) Alex Galloway,
in ‘Hacking Activism. An Email Dialogue between Alex Galloway and Geert
Lovink’, in: nettime, 10 Feb 1999
(4) 1997 entwickelten
Arns und Broeckmann das Konzept der „kleinen Medien", das sich indirekt
auf Deleuze und Guattaris Begriff bezieht. Vgl. Inke Arns, Andreas Broeckmann,
‘Small Media Normality for the East’, in: zkp4: Beauty and the East, Ljudmila:
Ljubljana 1997
(5) Jáchym
TOPOL, Die Schwester, [1994], übers. v. Eva Profousová und
Beate Smandek, Berlin 1998
(6) Für eine
umfassende Bewertung dieses umstrittenen Films vgl. Dina Iordanova, ‘Kusturica’s
Underground (1995): historical allegory or propaganda?’, in: Historical
Journal of Film, Radio and Television, Vol. 19, No. 1, 1999, pp. 69-86.
In Pretty Village, Pretty Flames (von Srðan Dragojeviæ, FRY 1996),
einem der beliebtesten Filme der letzten Jahre in Serbien, spielt ein nicht
fertiggestellter Tunnel eine ganz andere, klaustrophobische Rolle. Für
eine psychoanalytische Lesart des Films vgl. Branislava Anðelkoviæ,
‘Pretty Village, Pretty Flames: Popular Discourses of War’ [engl. Übersetzung
v. Srðan Vujica], in: Pop Vision -- Zbornik textova sa simpozijuma
‘Visuelnost popularnog i popularnost vizuelnog’ [Collection of texts of
the symposium ‘Visuality of the popular and popularity of the visual’],
Second Biennial of Young Artists, Vršac, Juli 1996, S. 118-138
(7) Richard MUIR 1975,
S. 119, zit. nach Benedict ANDERSON, Die Erfindung der Nation. Zur Karriere
eines folgenreichen Konzepts, [Orig. Imagined Communities, London 1983],
Frankfurt / M., New York 1996, S. 173
(8) Gilles DELEUZE
/ Felix GUATTARI, Rhizom, [orig. Rhizome. Introduction, Paris 1976], Berlin
1977, S. 11. Rhizom wurde in veränderter Form aufgenommen in Gilles
DELEUZE / Felix GUATTARI, Tausend Plateaus, [orig. Mille Plateaux, Paris
1980], übers. v. G. Ricke und R. Vouillé, Berlin 1997. Der
Begriff des „Rhizoms" wurde in der Medientheorie der letzten Jahre sehr
oft für die Beschreibung des Internets verwendet.
(9) Gilles DELEUZE
/ Felix GUATTARI, Tausend Plateaus, S. 16 u. 17
(10) WEINREICH, zit.
in: Gilles DELEUZE / Felix GUATTARI, Tausend Plateaus, S. 17
(11) Gilles DELEUZE
/ Felix GUATTARI, Tausend Plateaus, S. 17
(12) Gilles DELEUZE
/ Felix GUATTARI, Tausend Plateaus, S. 19
(13) Gilles DELEUZE
/ Felix GUATTARI, Tausend Plateaus, S. 37
(14) Gilles DELEUZE
/ Felix GUATTARI, Tausend Plateaus, S. 41
(15) Inke ARNS / Andreas
BROECKMANN (Hg.), Reader of the V2_East / Syndicate Meeting on Documentation
and Archives of Media Art in Eastern, Central and South-Eastern Europe
(Rotterdam: V2_Organisatie / DEAF96, 1996), <http://colossus.v2.nl/syndicate/synr0.html>.
Inke ARNS / Andreas BROECKMANN (Hg./Red.), Deep Europe: The 1996 - 97 edition.
Selected texts from the V2_East / Syndicate mailing list, Berlin, Oktober
1997, 143 S., <http://colossus.v2.nl/syndicate/synr1.html>. Inke ARNS
(Hg./Red.), Junction Skopje, selected texts from the V2_East/Syndicate
mailing list 1997 - 98, Skopje, October 1998, 197 S. [ISBN 9989-745-23-4],
<http://colossus.v2.nl/syndicate/synr2.html>. Vgl. auch Inke ARNS (ed.),
"New Media Cultures in Central, Eastern and South-Eastern Europe", Convergence:
Journal of Research into New Technologies, Volume 4, No. 2, University
of Luton Press, Summer 1998 [ISSN 1354-8565] [ISBN 1-86020-032-X] <http://www.v2.nl/~arns/Projects/Converge/toc.html>.
(16) Timothy DRUCKREY,
‘Das Schicksal der Vernunft im globalen Netzwerk: Teleologie, Telegrafie,
Telefon, Television, Teleästhetik’, in: ars electronica, Mythos Information:
Welcome to the Wired World, Ausstellungskatalog, Wien / New York 1995,
S. 152
(17) Michel FOUCAULT,
‘Andere Räume’, in: Aisthesis. Wahrnehmung heute oder Perspektiven
einer anderen Ästhetik, hg. v. K. Barck, P. Gente, H. Paris, S. Richter,
Leipzig 1990, S. 34-46; hier S. 37.
(18) Lisa HASKEL,
‘Tunnelling to Deep Europe: A letter from my Island home’, Syndicate mailing
list, 15 Aug 1997
(19) Roland ROBERTSON,
'Globalization', in: M. Featherstone u.a. (Hg.), Global Modernities, London
1995
(20) Ulrich BECK,
Was ist Globalisierung?, FFM 1997 S. 88-92. Hier 90f.
(21) Heath Bunting,
_readme, 1998 <http://www.irational.org/heath/_readme.html>
(22) Ein Domainname
ist z.B. „mikro" in http://www.mikro.org. Letzter Teil einer URL ist immer
eine Top Level Domain. Diese setzen sich aus Generic Top Level Domains
(GTLDs) und Country Code Top Level Domains (CCTLDs) zusammen. GTLDs sind
heute: .org, .edu, .com, .gov, .mil, .int, .net. Daneben gibt es ca. dreihundert
zweilettrige CCTLDs wie z.B. .de, .ru, .uk.
(23) HTML = Hypertext
Markup Language; Programmiersprache zum Erstellen von Webseiten.
(24) Quellcode, oder
Sourcecode: die in einer höheren Programmiersprache geschriebene und
daher menschenlesbare Version eines Programms; bevor er von einem Computer
ausgeführt werden kann, muß er in Objektcode kompiliert oder
interpretiert werden.
(25) <http://www.c3.hu/collection/form/>
(26) Andreas Broeckmann,
‘DEAF98 - The Unreliability of Accidents’ (Konzept), Rotterdam, 17 - 29
November 1998
(27) Lev Manovich,
‘On Totalitarian Interactivity’, Syndicate mailing list, Sept. 1996
(28) Lev Manovich.
Behind the Screen. Russian New Media. In: Convergence [New Media Cultures
in Eastern, Central and South-Eastern Europe], ed. by Inke Arns. Summer
1998 Vol 4, No. 2.10-13. Hier: 11.
(29) Sylvia Sasse.
„Àííà Êàðåíèíà
íà Ïóòè â Ðàé"
– Netzkunst, Computerperformances und einige Illusionen von der Elektrifizierung
des ganzen Landes. In: Die Welt der Slaven. XLIV, 1999, 285-306. Hier:
287.
(30) aus: J.C.R. Licklider
& Robert W. Taylor. The Computer as a Communication Device. In: Science
and Technology. April 1968. pp.37f.
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