Texte, die (sich) bewegen: zur Performativität von Programmiercodes in der Netzkunst

Inke Arns (Berlin)

Vortrag auf der Konferenz "Kinetographien", Europäische Akademie, Berlin, 25.-27.10.2001 <http://www2.rz.hu-berlin.de/slawistik/kineto>
 

Abstract

In Netzkunst und –literatur ist hinsichtlich der heute auch technisch implementierbaren Beweglichkeit, Verflüssigung und Mobilität von Texten und Bildern immer öfter von einem „Verlust der Einschreibung“ die Rede. Texte/Werke zeichnen sich, so die Behauptung, zunehmend durch permanente Veränderung und Flüchtigkeit und nicht mehr durch materiell festgeschriebene Statik aus. Meine Hypothese ist, dass die Rede vom „Verlust der Einschreibung“ mit ihrem ausschließlichen Fokus auf den Oberflächentext als dem „Text“ von Netzkunst bzw. -literatur von einer falschen Fragestellung ausgeht. Es reicht nicht aus, hinsichtlich der „Oberflächeneffekte der Software“ – also der dynamischen Datenpräsentationen durch Inszenierung von Information und Animation – von einem „’performative turn’ graphischer Benutzerschnittstellen“ zu sprechen (1), denn diese Sichtweise bleibt zu sehr der Performativität eben jener Oberflächen verhaftet. Vielmehr muss man bei der Betrachtung von Netzkunst- und –literaturprojekten (wie auch bei Software allgemein) von mindestens zwei Texten ausgehen, einem „Phäno“- und einem „Genotext“. Die Oberflächeneffekte des Phänotextes, z.B. sich bewegende Texte, werden durch andere, unter den Oberflächen liegende „effektive“ Texte, den Programmcodes oder Quelltexten, hervorgerufen und gesteuert. Bei (linearen, statischen) Programmiercodes handelt es sich somit um illokutionäre Sprechakte (2), insofern, als hier ‚Sagen’ und ‚Tun’ zusammenfallen, diese „handlungsmächtigen“ Sprechakte also keine Beschreibung oder Repräsentation von etwas sind, sondern direkt affizieren, in Bewegung setzen, Effekte zeitigen. Diese „codierte Performativität“ (3) hat zudem unmittelbare, auch politische Konsequenzen auf die virtuellen Räume, in denen wir uns zunehmend bewegen: hier ist der Code Gesetz, Code is Law (4). Die Frage nach der Performativität des Code als dem eigentlichen Text, der bewegt, ist viel interessanter als die Frage nach den von ihm affizierten Oberflächen, weil ambivalenter, und vielleicht auch bewegender. 
 

(1) Peter Matussek: Performing Memory. Kriterien für einen Vergleich analoger und digitaler Gedächtnistheater. In: Paragrana 10 (2001), H. 1, S. 291-320. [Teil A] http://www.culture.hu-berlin.de/PM/Pub/Kul/Perfo(A).html
(2) John Langshaw Austin: How to Do Things with Words (dt.: Zur Theorie der Sprechakte, Stuttgart 1979)
(3) Reinhold Grether: The Performing Arts in a New Era. In: Rohrpost Mailingliste, 26.7.2001
(4) Lawrence Lessig: Code and other Laws of Cyberspace. New York 1999