Inke Arns
Art Will Be Code, Or It Will Not Be: Medien- und Netzkunst im postoptischen Zeitalter
Vortrag auf der Save Privacy Konferenz
der Heinrich-Böll-Stiftung, Tagungszentrum PALISA.DE im Umspannwerk
Ost, Palisadenstraße 48, Berlin-Friedrichshain, 7./8. Juni 2002 <http://www.saveprivacy.org/>
Abstract
Der Computer ist kein Bildmedium, sondern
essentiell ein Schriftmedium, an das alle möglichen audiovisuellen
Ausgabemedien anschließbar sind (Cramer 2001). Multimediale, dynamische
Oberflächen werden von ihnen zugrundeliegenden (Programmier-)Texten
generiert. Programmcode zeichnet sich dadurch aus, dass in ihm ‚Sagen’
und ‚Tun’ zusammenfallen, Code als „handlungsmächtiger“ Sprechakt
also keine Beschreibung oder Repräsentation von etwas ist, sondern
direkt affiziert, in Bewegung setzt, Effekte zeitigt (Arns 2001). Diese
„codierte Performativität“ (Grether 2001) hat unmittelbare,
auch politische Konsequenzen für die virtuellen Räume, in denen
wir uns zunehmend bewegen: Er mobilisiert bzw. immobilisiert seine Benutzer.
Der Code wird so zum Gesetz, Code is Law (Lessig 1999).
Der elektronische Datenraum des Internet verbindet sich nur Menschen weltweit,
er erlaubt potentiell auch eine perfekte, weil fast unbemerkte, allgegenwärtige
Kontrolle und Überwachung. Die Überwachung dieses Raumes basiert
nicht auf visuellem, also von Überwachungskameras aufgenommenem Material,
sondern auf der Auswertung von Datenmaterial, Code. Man kann daher von
einem postoptischen Zeitalter sprechen: Code is Law.
Künstlerische Projekte, die sich heute mit den Themen Kontrolle und
Überwachung elektronischer Datenräume (wie z.B. des Internet)
auseinandersetzen, setzen daher direkt auf dem Code auf. Einerseits
thematisieren in der Netzkunst die sogenannten „Codeworks“ (Sondheim 2001)
die Allgegenwärtigkeit von Codes. Es sind Projekte, die den reinen,
„rohen“ formalen ASCII-Instruktionscode bzw. dessen Ästhetik benutzen,
ohne jedoch auf die von ihm geschaffenen Oberflächen und multimedialen
graphischen Benutzerinterfaces rekurrieren zu müssen (Jodi, NN. a.k.a.
Antiorp und mez). Andererseits machen KünstlerInnen mit teils umstrittenen
Projekten auf die Existenz dieser heiß umkämpften Datensphäre
aufmerksam, bauen private ECHELON-Systeme und thematisieren die zunehmende
Einschränkung des öffentlichen Raumes durch Privatisierung von
Telekommunikationsinfrastrukturen (Makrolab, Knowbotic Research).
Die Projekte, die im Rahmen des Vortrages vorgestellt werden, rufen die
Existenz eines normalerweise durch die graphischen Oberflächen verdeckten
„virtuellen Unbewussten“ ins Gedächtnis, analog der mechanischen Aufnahmetechniken,
die es laut Benjamin ermöglichten, das vom Bewusstsein verdrängte
"optische Unbewusste" aufzuzeichnen. Heute kann der Code als "postoptisches
Unbewusstes" gelten.
Links:
Jodi <http://www.jodi.org>
NN. / Antiorp <http://eusocial.com>
Mez <http://www.hotkey.net.au/~netwurker>
Makrolab <http://makrolab.ljudmila.org>
Knowbotic Research <http://www.krcf.org>;
aktuell: "Minds of Concern: Breaking News” (2002), als Teil des Ausstellungsprojektes
“Open_Source_Art_Hack", The New Museum, May 3 - June 30, 2002 <http://netartcommons.walkerart.org/>