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Zwischen den Künsten
Auf der Suche nach Kategorien und Kriterien
von Inke Arns
in: Inke Arns / Dieter Daniels (ed.), Minima Media: Medienbiennale
Leipzig, Handbuch zur Medienbiennale Leipzig 94 / documentation of the
Medienbiennale Leipzig 94, Plitt Verlag und Mencke Presse für
die Edition der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig (ISBN
3-980-2395-7-8), 1995, S.11-15 (dt./engl.)
L'art à son époque de dissolution, en
tant
que mouvement négativ qui poursuit le dépassement
de l'art dans une société historique
où l'histoire
n'est pas encore vécue, est à la fois
un art du
changement et l'expression pure du changement
impossible.
Plus son existence est grandiose,
plus sa véritable réalisation est au
delà de lui.
Cet art est forcément d' avant-garde,
et il n'est pas.
Son avant-garde est sa disparition.
Guy Debord, La société du spectacle,
Paris 1987, S.149
Während Guy Debord, der Theoretiker der Situationistischen
Internationale, in den 60'er Jahren angesichts der alles vereinnahmenden
"Gesellschaft des Spektakels" das Verschwinden der Kunst prognostizierte,
stellt sich diese Frage in der gegenwärtigen Situation nicht mehr
in dieser Form. Sie muß auf eine andere Weise gestellt werden. Nicht
die These des Verschwindens der Kunst erscheint heute diskussionswürdig,
sondern das Verschwinden der Kunst wie wir sie kennen, das Verschwinden
der Kategorien und Kriterien. Was umtreibt die Kunst in einer Gesellschaft,
in der "Information das letzte gültige Tauschobjekt darstellt?" (1)
Die Information natürlich. Die Übertragungsmechanismen, die zugleich
Auswahl- und Manipulationsmechanismen sind; die Medien.
Annäherung
Der Begriff "Medienkunst" ist als solcher allerdings problematisch.
Er impliziert eine "Andersartigkeit" von Medienkunst im Vergleich zur bildenden,
also ohne neue Medien arbeitenden Kunst. Die Annäherung gestaltet
sich schwierig. In Diskussionen mit Freunden tauchen ab und an hilflos
formulierte Sätze auf, wie z.B: "... ich definiere die Kunst nicht
nach den verwendeten Medien, sondern nach... eben der Kunst." Aber: In
der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat die Kunst immer auch einen
selbstreferentiellen Charakter gehabt - also einen analytischen Blick auf
das von ihr verwendete Medium (z. B. auf das Medium Farbe in der Minimal
Art). Warum wurde die Minimal Art dann nicht Media Art genannt? Der Grund
ist offensichtlich: Medienkunst definiert sich durch den Einsatz von "neuen
Medien", also digitalen Techniken. Der ungeliebte Begriff ist eine Krücke
für etwas, für das wir noch keinen Namen haben. Da uns kein besserer
Begriff einfällt, müssen wir im Folgenden mit dieser Krücke
vorlieb nehmen.
Spaltung
Bildende Kunst und Medienkunst beäugen sich in den meisten Fällen
mißtrauisch. Die Trennung zwischen ihnen beruht auf unterschiedlichen
Annahmen über die jeweils andere Seite. Elektronische Kunst boomte
in den letzten Jahren nicht zuletzt durch den Fall der Kosten von elektronischen
Produktionsmitteln. Anfang der 90er Jahre setzte ein wahrer "Hype" um Schlagworte
wie "Interaktivität", "Totalsimulation", "Virtual Reality" ein, der
unter anderem von dem populären Science Fiction Roman "Neuromancer"
von William Gibson ausgelöst wurde. Die Medienkunst nahm sich dieser
Begriffe an und versuchte sich an der Herstellung von eingängigen
"Bildern" in Form von aufwendigen interaktiven Installationen. Sie vernachlässigte
in ihrer Anfangsphase allerdings des öfteren die Inhalte (um nicht
zu sagen die Kunst) - "Ästhetischer Overkill kontra Subversivität
und Reflexivität." (2) . Interface-Design, also die Gestaltung der
Schnittstelle Mensch-Maschine, ist ein interessanter und wichtiger Forschungsschwerpunkt.
Wo Interface- Design jedoch zum einzigen Inhalt der Kunst erhoben wird,
verflüchtigt sich die Kunst.
All dies nahm ihr die bildende Kunst übel. Aus dem Blickwinkel
der bildenden Kunst stellte diese Entwicklung eine nicht hinzunehmende
Verquickung von Wissenschaft, Kunst, Forschung und Trivialkultur dar. Das
Berliner Telekommunikationsprojekt Handshake formulierte diesbezüglich:
Medienkunst, elektronische Kunst und Computerkunst sind blumige
Begriffe für etwas, bei dem man nicht weiß, was sich eigentlich
dahinter verbirgt. Es stellt sich die Frage, ob elektronische Kunst mehr
anzubieten hat, als preiswerte Innovationsarbeit für zukünftige
Produkte der Unterhaltungsindustrie zu liefern. Ist der Vorwurf - häufig
von bildenden Künstlern geäußert - berechtigt, daß
Medienkünstler der Technikfaszination unterliegen und nur aus diesem
Grund Technologie in ihre Arbeit miteinbeziehen? (3)
Auf der Seite der bildenden Kunst ist eine gewisse "Betriebsblindheit"
gegenüber der künstlerischen Aneignung von neuen Technologien
festzustellen. Die bare Existenz von "neuen Medien", die gegenwärtig
doch allerorts thematisiert und als gesellschaftsverändernde Revolution
bezeichnet werden, scheint in vielen Fällen noch nicht das Bewußtsein
der bildenden Kunst erreicht zu haben. Neue Medien werden als trivial eingestuft,
weil sie sich an ein Massenpublikum wenden.
Diese unproduktive Spaltung in "bildende Kunst" und "Medienkunst"
läßt sich auch anhand von konkreten Beispielen aufzeigen. Während
Medienkünstler wie Jeffrey Shaw und Peter Weibel intern in der Medienkunstszene
verbleiben, scheinen z.B. einige wenige Namen wie Nam June Paik und Bill
Viola den Sprung in die Szene der "bildenden Kunst" geschafft zu haben.
Die orthodoxe Trennung von "bildender Kunst" und "Medienkunst" wird auch
anhand der Programme wichtiger Veranstaltungen bzw. Ausstellungen deutlich:
Während z. B. die Ars Electronica in Linz oder die Multimediale in
Karlsruhe sich ganz der "Medienkunst" widmen, sind die Documenta in Kassel
oder die Biennale Venedig mit einigen wenigen Ausnahmen fest auf dem Feld
der "bildenden Kunst" verankert.
Die Verflüchtigung des Objektes
Das Verschwinden des Kunstobjektes ist ein alter Hut. Seit den 60er
Jahren - also beginnend mit der Konzeptkunst und durchgehend bis heute
- findet in der Kunst ein kontinuierlicher Immaterialisierungsprozess statt.
Neben dieser Immaterialisierung fand das Prozeßhafte, die Kommunikation,
ihren Eingang in die Kunst. Roy Ascott formulierte in den 60er Jahren:
Now that we see that the world is all process, constant change,
we are less surprised to discover that our art is all about process too.
(...) Object-hustlers! Reduce your anxiety! Process culture and behaviourist
art need not mean the end of the Object, as long as it means the beginning
of new values for art. (4)
Neue Kriterien und Kategorien für die Kunst sind heute nötiger
denn je. Vor allem im Hinblick auf den Bereich der "Netzkunst", der künstlerischen
Internet-Projekte wird diese Notwendigkeit spürbar. Blieben bei Konzeptkunst,
Happening und Performance noch "taktile" Objekte oder "Reste", "Spuren"
übrig, so kann man dies von der Netzwerkkunst nicht mehr behaupten.
Diese Kunst hat einen extrem hohen Grad digitaler - nicht materieller -
Abstraktheit erreicht.
Die Auflösung der Begriffe
Die Kunst wird zum reinen Prozess, Kommunikation wird zur Kunst. "Netzkunst"
oder "Medienkunst" betreibt letztendlich die endgültige Auflösung
der Begriffe, der Kategorien und Kriterien; der "Kunst". Vor einem Telekommunikationsprojekt
stehend fehlen der Kunstkritik die Worte: Den Rezensionen zu "Minima Media"
in Kunstzeitschriften waren die ausgestellten Telekommunikationsprojekte
keiner Erwähnung wert. Die Kunstkritik merkt, daß die Kategorien
nicht mehr funktionieren - es sind aber auch noch keine neuen Werkzeuge
zur Hand. Also schweigt man. Schweigen übrigens auch auf der anderen
Seite: die Computer-Fachpresse ging nur auf die Telekommunikations- projekte
ein und sparte den eigentlichen Kontext - die Ausstellung - aus.
Muß die Medienkunst sich an den Kriterien der Kunst messen
lassen? Ja und nein - intuitiv ist die Antwort erst einmal "Ja". Bei genauerer
Betrachtung jedoch zeigt sich, daß - wie oben beschrieben - die Kategorien
und Kriterien der bildenden Kunst bei der avanciertesten (und radikalsten)
Form der Medienkunst - den Telekommunikationsprojekten - nicht mehr greifen.
Wir brauchen neue Kategorien und Kriterien - vielleicht auch neue Begriffe?
Wurde durch das Begriffspaar "bildende Kunst" - "Medienkunst"
die vertikale Linie der Ausstellung Minima Media gebildet, so komplettierte
sich durch die zweite, horizontale Linie "Ost" - "West" das imaginäre
Fadenkreuz der Ausstellung. Künstler und Künstlerinnen aus Ost-
und Mitteleuropa bereicherten die Medienbiennale 94 mit ihren oft ironischen
und ironisch- subversiven Arbeiten.
Die Medienbiennale 94 hat mit ihrem Konzept "Minima Media" - der Reduktion
auf das "Wesentliche" - versucht, eine Diskussion über eben diese
neu zu definierenden Kriterien in Gang zu bringen. "Minima Media" war auch
ein erster Versuch, die orthodoxe Trennung zwischen bildender Kunst und
Medienkunst aufzuheben. Und nicht zuletzt gab es Arbeitsansätze aus
dem "Osten" zu sehen, die vielleicht etwas Leichtigkeit in die doch manchmal
sehr ernsthafte Schwere der "westlichen" (Medien-)Kunst bringen könnten.
Ein Anfang ist gemacht - wir werden die Diskussion weiterverfolgen.
(Berlin, April 1995)
(1) Thomas Pynchon, Die Enden der Parabel, Hamburg 1991,
S. 407
(2) Peter Friese, 'Der wahre Künstler... Zur Legende vom schöpferischen
Subjekt im Medienzeitalter', in: RAM-Realität-Anspruch-Medium,
hg. v. Kunstfonds e.V., Bonn 1995, S. 198
(3) Handshake, Berlin 1994, Konzept der Gruppe Handshake (siehe auch
in diesem Katalog)
(4) Roy Ascott, 'Behaviourables and Futuribles' (1967), in: Steve Willats
(Hg.), Control, No. 5, London 1970
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