| Inke
Arns, in: update. Medienkunst aus Deutschland,
Goethe-Institut 2000
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Blank&Jeron, re-m@il,
Internet, 1999
URL: <http://sero.org/cgi-bin/remail/> e-mail: <re-mail@writeme.com> Unter dem Projektnamen sero betreiben Blank&Jeron seit 1997 Informationsrecyling. Sie bieten Lösungen an für den Umgang mit dem - vor allem seit der massenhaften Nutzung des Internet - täglich wachsenden Informationsüberfluss in der sogenannten Informationsgesellschaft. Analog zu Bezeichnungen wie ‘shareware’ oder ‘freeware’ bezeichnen Blank&Jeron ihre Produkte als ‘seroware’. Diese Benennung geschieht auch in Anlehnung an die bis heute bestehende Sero Entsorgungs AG, die 1949 in der DDR als Recyclingsystem Sero (kurz für: ‘Sekundärrohstoff’) gegründet wurde. re-m@il (1999) gibt sich
als professionelles Kommunikationsmanagement aus. „Studien belegen," so
die Selbstdarstellung, „dass immer mehr Menschen immer mehr Zeit mit der
Kommunikation durch Neue Medien verbringen." Mit diesem Tool kann der unter
einer Überlast zu beantwortender e-mails leidende Benutzer sich lästiger
e-mails entledigen, bzw. diese e-mails von anderen bearbeiten lassen. Dazu
schickt man die e-mails an <re-mail@writeme.com>. Von hier aus werden
sie automatisch auf der Website <http://sero.org/re-mail/> veröffentlicht.
Auf dieser Seite können Besucher aus dem Internet die abgelegten mails
beantworten - die Antworten werden an die ursprünglichen Absender
zurückgeschickt. „Warum richten Sie nicht einfach ein autoforward
ihres mail-accounts auf re-mail@writeme.com ein und verbringen den Tag
mit sinnvolleren Dingen, als tonnenweise e-mails zu bearbeiten?" (Blank&Jeron)
Die Künstler ironisieren und kritisieren nicht den zum Alltag gewordenen
Umgang mit dem Internet, sondern vielmehr unseren naiven Glauben daran,
dass wir mit Hilfe des Internet unsere Realität schneller, besser,
effektiver bewältigen können.
Daniel Pflumm
Daniel Pflumm operiert mit dem ‘schönen Schein’ glatter Oberflächen: bunte Logos, Corporate Identities und Markenzeichen lösen einander in rasendem Tempo ab. Pflumm löst Labels und Werbeclips aus ihrem Kontext (Fernsehen/Internet), baut sie am Computer nach, zerlegt sie in ihre strukturellen Elemente und läßt diese Teile dann in Endlosschleifen rotieren. Das Video EMD 009 (1998) zeigt vorbeifahrende Züge, die zu vorbei- rauschenden Linien verschwimmen; dann folgen extrem unscharfe Videoaufnahmen ab- und aufblendender, im städtischen Raum installierter Leuchtreklamen. Dies erzeugt einen ähnlichen Effekt wie die entkernten Logos früherer Arbeiten, aus denen der Text herausgeschnitten wurde, die aber dennoch innerhalb von Sekundenbruckteilen identifizierbar bleiben. Dritter Bestandteil dieses Videos sind sich wiederholende Versatzstücke aus Werbeclips - das Ausgiessen kristallklaren Wassers, knackige Farben, weiche Formen und das Umrühren von Kartoffelbrei: Der ‘Minimalist’ Daniel Pflumm arbeitet mit der Granulierung vorgefundenen Materials, er de- und rekonstruiert den ‘schönen Schein’ der Werbeästhetik. Parallel zu den Loops laufen minimale Techno-Rhythmen (mo, icetrain, emd009). Einerseits durchbricht das
Video durch eine gegenüber normaler Werbung abweichende Wiederholungsfrequenz
die konventionellen Wahrnehmungs- muster, andererseits zeigt sich in der
Monotonie dieser ablaufenden Bildabfolge der Symbolcharakter von scheinbar
nur nebensächlich aufgenommenen Bildformen. Gleichzeitig haftet den
Werbeversatzstücken etwas Fragiles und sehr Vergängliches an.
Daniel Pflumms Videos sind Archive einer sich rasch wandelnden Werbe- und
Medienästhetik.
rolux, Interface für
den Offenen Kanal, Internet und Fernsehen, seit März 2000, Koproduktion
rolux/twenfm/Kulturserver/Offener Kanal Berlin
„YOUR TV H45 833N H4CK3D" [Your TV has been hacked] – so las sich eine Ankündigung, die Ende März 2000 auf verschiedenen Internet-Malinglisten zirkulierte. Seitdem geht eine Koalition aus Künstlern (rolux), kulturellen Organisationen (kulturserver) und einem Piratenradio (twenfm) regelmässig zwischen null und zwei Uhr morgens auf dem Offenen Kanal Berlin (OKB) mit ihrem „Live Interactive Netradio TV" auf Sendung. Das Programm, das vor allem aus DJ Sets, Moderation, Chats und wechselnden grafischen Oberflächen besteht, wird aus einer (Laden-)Wohnung in Berlin-Mitte live ins Internet gestreamt, von wo aus dann der OKB das Signal abnimmt und es über seinen Fernsehsender verbreitet. Dieser Schritt ist logisch, denn wenn Netzradio seit je her ein relativ elitäres Medium war, so ermöglicht es die Rückkopplung an das Massenmedium Fernsehen, von einem potentiell sehr grossen Publikum gesehen zu werden. Das Interface setzt sich
aus Texttafeln, Werbebannern und dem RealVideo Bild des DJs zusammen. rolux
verbreitet seine Propaganda in der Art von subliminal messages - nämlich
über in aberwitzigem Tempo eingeblendete Texttafeln: „we’ve only seen
the counterrevolution - the internet revolution is yet to come. sell now
- the net needs a crash", „quit aol amazon ebay msi geocities t-online",
„seattle n’est qu’un début - continuons le combat", „reclaim the
net". Die eingeblendeten Werbebanner werben für befreundete Initiativen,
wie z.B. RTMark, Silverserver, Kein Mensch ist illegal und Pleine Peau,
und plädieren für „downgrading the future" und „63H 53L85T AUF
53NDUN6" [Geh selbst auf Sendung]. Manche Banner sind appropriiert und
in ihr Gegenteil umgebaut worden (z.B. „Partner gegen Berlin"). rolux vollzieht
‘virtuelle Firmenmerger’, indem grafisch und ästhetisch zusammenpassende
Firmenlogos zu flirrenden Hybriden zusammengeschnitten werden: American
Express und 3Com, Agfa und Dow, Hertie und Hitachi, intel und Mci, exxon
und o.tel.o. In der Art eines bunten Web TVs daherkommend versteht es rolux’
Interface durch Appropriation von Firmenstrategien, -rhetoriken und -ästhetiken
dieselben in Medien des kulturellen Widerstands gegen die globale Kommerzialisierung
zu verwandeln.
Cornelia Sollfrank
Arbeit wird heute mit Pflicht, Zwang, Gehorsam, Anpassung, Monotonie und Ausbeutung gleichgesetzt, aber kaum mit einer „Praxis schöpferischer Freude" (Negri/Hardt). Selbst der Alltag künstlerischer Produktion läßt wenig erkennen von dieser schöpferischen Freude, sondern ist eher geprägt von Vorgaben und Termindruck. Einen Ausweg aus dieser Misere bietet der net.art generator. Durch seinen Einsatz kann künstlerische Produktion automatisiert werden; der/die KünstlerIn spart wertvolle Zeit und Energien. 1997 generierte Cornelia Sollfrank im Rahmen des Projektes Female Extension mit Hilfe eines Computerprogrammes (Perl-script), das im WWW beliebiges HTML-Material sammelte und automatisch rekombinierte, individuelle Netzkunst-Projekte für 289 virtuelle Netzkünstlerinnen <http://www.obn.org/femext>. 1999 entwickelte die Künstlerin eine Fortführung ihrer Female Extension: den net.art generator. Sollfrank beauftragte vier ProgrammiererInnen, einen Netzkunstgenerator zu bauen. Ganz verschiedene Programmlösungen wurden vorgelegt, die nun über eine ebenfalls automatisch generierte Einstiegsseite zugänglich sind. Die Generatoren unterscheiden sich danach, ob sie eher text- oder bildorientierter suchen. Unterschiedlich ist auch die Komplexität der Arbeitsergebnisse. Ausserdem sprechen sie verschiedene Suchmaschinen an. Sollfrank lässt arbeiten, denn, so das Motto der Einstiegsseite: „A clever artist makes the machine do the work!" Trotz des spielerischen Umgangs mit den Grundprinzipien der (Netz-)kunst wirft der net.art generator die grundsätzlichen Fragen nach der Kunst im Informationszeitalter auf, z.B. die der Autorschaft, des Originals, des 'Materials' digitaler Medien, des Werkbegriffes und des Ortes von Netzkunst.
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