Das 1984 in Ljubljana gegründete Künstlerkollektiv Neue Slowenische Kunst (NSK) hat mit der Musikgruppe Laibach (*1980 als Laibach Kunst), dem Malerkollektiv Irwin (*1983), der Grafikabteilung Neuer Kollektivismus und der Tanz- und Performancegruppe Kosmokinetisches Kabinett Noordung eine der wohl pointiertesten künstlerischen Theoriepraxen des Kollektiven im 20. Jahrhundert formuliert. Bereits in der Beitrittserklärung von 1982 definierte sich Laibach Kunst bzw. die NSK nicht als Zusammenschluss einzelner Individuen, sondern explizit als uniformes Kollektiv, das nach dem Vorbild des Staates dem Prinzip der industriellen Produktion und dem „Direktivenprinzip” verpflichtet war und die „Identifikation mit der Ideologie” als seine Arbeitsmethode übernommen hatte. Explizit heißt es: „Laibach Kunst ist das Prinzip der bewussten Ablehnung von persönlichem Geschmack, individuellen Urteilen, Überzeugungen...; [es ist das Prinzip der] freiwillige[n] Entpersonalisierung [...]”. [2] Während bei Laibach die einzelnen Mitglieder hinter der Fassade eines Kollektivs verschwanden, das niemals spontan, sondern nur über das Verlesen vorgefertigter Statements mit der „Außenwelt” kommunizierte, malen die Mitglieder von Irwin ihre Bilder kollektiv, signieren die Werke durch mit dem Gruppennamen und dem Entstehungsjahr versehene Metallplaketten und verschmelzen so zu einem überindividuellen Ganzen, das die Handschrift des Einzelnen verwischt.
Was aber bedeutet eine solche radikale – freiwillige – „Selbst-Kollektivierung”, also das bedingungslose Aufgehen im Kollektiv bzw. in der Organisation, die Disziplinierung und letztendliche Unterordnung des eigenen Körpers unter einen selbstgeschaffenen Kollektivkörper? Und vor allem: wie funktionierte eine solche Strategie in den 1980er Jahren in der Sozialistischen Bundesrepublik Jugoslawien? Was bedeutet es, so fragte sich Kim Levin in Michael Bensons Film Predictions of Fire (1995), „sich in einem Land des Autors zu entledigen, das zu dem Zeitpunkt eine totalitäre kommunistische Gesellschaft war?” Dies ist, so Levin, etwas „ganz Anderes, als den Tod des Autors in einer Gesellschaft auszurufen, die auf Individualität bzw. dem Individuum beruht.” [3]
Wir haben es hier anscheinend mit einer Strategie zu tun, die sich nicht in einem offen kritisierenden bzw. moralisierenden Diskurs gegenüber dem Staat und der Ideologie äußerte, nicht in der 'Distanzierung zur Ideologie' durch Satire oder Ironie. Ganz im Gegenteil: es ging um die Wiederholung, um die Aneignung von Bestandteilen und Versatzstücken der offiziellen Ideologie, um ein Spiel mit diesen „ready mades”, um ein Aufnehmen vorhandener Herrschaftscodes, um – so Laibach – „diesen Sprachen mit ihnen selber [zu] antworten.“ [4] Es handelte sich um eine subversive Strategie, die Slavoj Zizek als radikale "Über-Identifizierung" [5] mit der ‘verdeckten Kehrseite’ der die gesellschaftlichen Beziehungen regulierenden Ideologie bezeichnet hat. Die NSK trat – unter Verwendung aller durch die offizielle Ideologie explizit und implizit vorgegebenen Identifikationsmomente – als eine Organisation auf, die noch ‘totaler als der Totalitarismus’ [6] zu sein schien – ein provokativer Verweis auf das jugoslawische System. [7]
Die NSK identifizierte sich – wie das eingangs erwähnte Zitat belegt – in den 1980er Jahren mit den historischen Avantgardebewegungen zum Zeitpunkt ihrer Usurpation bzw. Assimilation durch totalitäre Systeme. Die kulturdestruktive Programmatik der historischen Avantgarde, ihre utopische Orientierung auf die Zukunft, die militante Kampfideologie oder der Jugendkult des russischen Futurismus, der Utilitarismus (wie er sich z.B. in der sowjetischen Produktionskunst ausdrückte), der politisch motivierte Ausschließlichkeitsanspruch der Avantgarde, ihr mechanistischer Kollektivismus oder ihr Idealbild des Sozialingenieurs, der die menschliche Psyche mit seiner 'Werk-Maschine' bearbeitet – all das erlaubte eine hohe Anschlussfähigkeit zwischen Avantgarde und Totalitarismus. Dieses zwischen Messianismus und Utilitarismus oszillierende ideologische Potential der Avantgarde sollte später im Gesamtkunstwerk Stalin aufgehoben werden – so Titel und These eines 1988 veröffentlichten Buches von Boris Groys. Diesem von der NSK als traumatisch erfahrenen Moment des Umschlagens genuin utopischer in totalitäre Ansätze widmet sich sowohl die der Gruppe eigene Arbeitsmethode der 'Retrogarde' als auch die Strategie der 'Über-Identifizierung'. Beides sind jeweils für sich exzessive Wiederholungen.
Abb. 1: Mitglieder des NSK-Kollektivs vor dem für ihre Performance Krst Pod Triglavom (1986) im Cankarjev Dom in Ljubljana rekonstruierten Modell des Monuments für die III. Internationale (1919-20) von Vladimir Tatlin. Photo: NSK |
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Abb. 2: Vladimir Tatlin: Modell des Monuments für die III. Internationale (1919-20); zweiter von links: Tatlin |
Diese
Wiederholungsstrategien konstituieren sich u.a. in
einem realen körperlichen Nachvollzug theoretischer oder
ästhetischer Konzepte der historischen künstlerischen
Avantgarde – und zwar am eigenen, physischen Körper, im Hier und
Jetzt. Dies betrifft sowohl die Strategie der "Selbstkollektivierung"
der Neuen Slowenischen Kunst (v.a. Laibach)
in den 1980er Jahren, als auch den in den 1990er Jahren vor allem von
Irwin
praktizierten körperlichen Nachvollzug der künstlerischen
Grundelemente
des Suprematismus. Ein photographisches Tryptichon von Quadrat, Kreuz
und
Kreis [8] dokumentiert die – jeweils in einer Gruppenaktion
durchgeführte – Ausbreitung eines schwarzes Stoffquadrates auf dem
Roten Platz in Moskau (Black Square on Red Square, 1992), das
Auftragen eines schwarzen Kreuzes mit weißer Farbe auf ein
Hausdach in New York und einen kreisförmigen Tanz von
NSK-Mitgliedern mit einer slowenischen Volkstanzgruppe auf einem Feld
in der Umgebung von Ljubljana (NSK Panorama, Ljubljana, 1997).
IRWIN: Transcentrala, New York, Moscow, Ljubljana, 1992-1997, Cross, New York. b/w photography, 125 x 112 cm, 1991 (Photo: Leslie Fratkin) |
IRWIN: Transcentrala, New York, Moscow, Ljubljana, 1992-1997, Black Square on Red Square, Moscow (in cooperation with Michael Benson). Colour photography, 125 x 112 cm, 1992 (Photo: Kinetikon Pictures) |
IRWIN: Transcentrala, New York, Moscow, Ljubljana, 1992-1997, NSK Panorama, Ljubljana. Colour photography, 125 x 112 cm, 1997 (Photo: Michael Schuster) |
Um
näher auf die Strategie der "Selbstkollektivierung" einzugehen,
bedarf es zunächst eines kurzen Exkurses (I. Kollektive
Verhärtungen) zum Verhältnis von (schwachem) Individuum und
Kollektiv in konservativen Utopien und Teilen der historischen
Avantgarde. Im darauf folgenden Teil (II. Wieder-Holen, Teil-Werden)
widme ich mich der 'Über-Identifizierung' als exzessiver
Wieder-Holung und frage, inwiefern man bei der von den Mitgliedern der
NSK bewusst vollzogenen Selbstkollektivierung von einer individuellen
Befreiung sprechen kann. Der dritte Teil folgt dem Kollektiv in die
zukünftige Schwerelosigkeit und spekuliert über mögliche
Ergebnisse des Retroutopismus.
I. Kollektive Verhärtungen
Das
Verhältnis von Einzelnem und Kollektiv ist selten eindeutig, oft
ambivalent. Das Kollektiv steht dabei nicht nur für eine von
außen aufgezwungene kollektive Ordnung, der sich ein
Individualkörper (widerstrebend) zu unterwerfen hat. Ebenso gibt
es in bestimmten Momenten von Seiten des Individuums einen Wunsch zur
Unter-Ordnung, eine Lust am geordnet werden, ein Genießen
des Aufgehens in Kollektivkörpern. Dieses Aufgehen in einem
größeren Ganzen verspricht dem schwachen Individuum die
Herausbildung eines stahlharten Körper-Panzers, eines
Maschinen-Menschen, dessen Entstehung einher geht mit Bildern der
Verhärtung, von Kristallisationen, Erkaltungen. Diese finden sich
zu Beginn des 20.
Jahrhunderts sowohl in konservativen Utopien wie auch in Teilen der
künstlerischen Avantgarde, wo sie entweder beschrieben, gefordert
oder auch gelebt werden.
Evgenij I. Zamjatin (1884-1937) schildert 1920 in
seinem dystopischen Roman My [9] (Wir) die Geschichte
des kritischen Individuums D-503 in einer gleichgeschalteten
Gesellschaft. Jeden Morgen stehen Millionen Menschen – keine
Individuen, sondern durchnummerierte Bürger des ‚Einzigen Staates’
– „wie ein Mann zu ein und derselben Stunde, zu
ein und derselben Minute auf“, zur selben Sekunde beginnt das
„Millionenheer“ die Arbeit, zur selben Zeit beendet es sie. Zu einem
„einzigen, millionenhändigen Körper verschmolzen“ [10] isst
der Kollektivkörper, geht der Kollektivkörper spazieren –
“[u]nzählige Nummern marschierten in Reih und Glied vorbei,
Tausende Füße im gleichen Schritt, ein
millionenfüßiger Leviathan” [11] –, macht der
Kollektivkörper Gymnastik und legt sich schlafen.
Die
Existenz der ‚Nummern’ in der Gemeinschaft des Kollektivs wird jedoch
nicht nur als negativ, sondern durchaus als lustvolles Aufgehen in der
Masse beschrieben. Gleich zu Beginn des Buches formuliert Zamjatin
diesbezüglich: die Hingabe an den Tanz (die ideale Unfreiheit) in
Augenblicken der „höchsten Begeisterung“ kann, so Zamjatin, nur
bedeuten: „[D]er
Trieb zur Unfreiheit ist dem Menschen angeboren“. [12] Das lustvolle
Aufgehen
in das und das Verschmelzen mit dem Kollektiv wird in D-503s
Schilderung der kollektiven Arbeit am Raumschiff Integral in
der Werft deutlich:
Nach Taylors Gesetz, rhythmisch und schnell, im gleichen Takt, genauso wie die Hebel einer riesigen Maschine, bückten die Menschen sich, richteten sich auf, drehten sich. [...] Gläserne Riesenkrane rollten langsam über gläserne Schienen, drehten und neigten sich ebenso gehorsam wie die Menschen und senkten ihre Last in den Leib des Integral. Und diese vermenschlichten Krane und diese vollkommenen Menschen waren eins. Welch eine ergreifende, vollkommene Schönheit, Harmonie, Musik ... Schnell hinunter zu ihnen, ich musste bei ihnen sein! Ich arbeitete Schulter an Schulter mit ihnen, im gleichen stählernen Rhythmus ... gleichmäßige Bewegungen, straffe rote Wangen, spiegelklare Augen und Stirnen, ungetrübt vom Wahn des Denkens. Ich schwamm in einem Spiegelmeer. [13]
Klaus Theweleit konstatiert in seiner Untersuchung zum ‘soldatischen Mann’ im Dritten Reich [16] eine ähnliche Kappung der Verbindung zum Familienverband und besonders zur Mutter [17] bei gleichzeitiger Einordnung in die Formation der „Ganzheitsmaschine Truppe”. Nachdem in der Kadettenanstalt – „der deutschen Offiziersschule” [18] – an Salomon durch Drill und körperliche Züchtigung der Umbau des Leibes vollzogen worden ist, trennt ihn nach eigenen Worten „eine tiefe Kluft [...] von den Sitten und Gebräuchen des sogenannten Elternhauses [...]. Gerade jegliche Art der fürsorglichen Teilnahme schien mir durchaus unerträglich, und der breite Strom mütterlichen Empfindens ließ mich wünschen, wieder in der härteren Luft des Korps zu atmen.” [19] Salomon wird, so Theweleit, zu einem „lustvoll funktionierende[n] Teil” des Stroms der neuen Maschine:
Sie [die Kadettenanstalt] ist das Gegenteil der Wunschmaschinen, deren Prinzip Salomon in dem, was er aufgegeben hat, benennt. ‚Freude an ungebundenem Schweifen.’ [Dieses Schweifen] ist verschwunden, gewichen der Lust, Teil einer Maschine zu sein, einer Makromaschine, einer Maschine der Macht, in der das Teilchen nicht seine eigene Lust besetzt, sondern die des Machthabers erzeugt. Das eigene Selbst ist besetzt lediglich als zuverlässigstes Teil der Maschine. [...] Und merkwürdig: für sich selbst ist das Teilchen dadurch, dass es Teilchen wurde, zu einem Ganzen geworden, zu einem untergeordneten Ganzen, sicher, aber auch zu einem übergeordneten. Es hat genau bestimmte Funktionen, ganz bestimmte Kupplungen zu anderen Teilen; seine ehemalige Funktionsvielfalt ist dahin. Mit der Vielfalt muss etwas nicht gestimmt haben, ihre Möglichkeit muss bedrohlich gewesen sein, denn das Teilchen ist gerne Ganzes geworden in der Ganzheitsmaschine. [20]
Die
„Ganzheitsmaschine Truppe” trennt die einzelnen Glieder der Soldaten
von ihrem Leib ab und fügt sie zu „neuen Ganzheiten” zusammen:
„Das Bein des einzelnen hängt funktionell mehr mit dem Bein des
Nachbarn zusammen, als mit dem Rumpf, an dem es sitzt. Dadurch
entstehen innerhalb der Maschine neue Ganzheitsleiber, die nicht mehr
mit einzelnen menschlichen Leibern identisch sind.”[21] Die
ursprüngliche Funktionsvielfalt wird nicht nur eingeschränkt,
sondern auch transformiert: “Funktionen wie ‘Denken’, ‘Fühlen,
‘Sehen’ (potentielle Vielfaltsfunktionen mit der
Kraft, unendlich viele Kuppelungen zu entwickeln) transformiert die
Maschinerie
[...] in Bewegung, in Körperbewegungen” - gemeint ist damit vor
allem
ein “bestimmte[s] Schrittmaß”.[22] Die „durch den Drill von
außen funktionalisierten Teile des Ganzen des soldatischen
Leibes”[23] funktionieren wie die Maschine selbst: „Jede
Einzelteilganzheit ist ihr Abbild im Kleinen”. [24] Alle
Triebkräfte sind in Funktionen des stählernen Leibes
verwandelt worden; der „Stahlpanzer schließt ein jedes fest ein.”
[25]
Der ‘neue Mensch’, „eine wirkliche Zeugung der Drillmaschine, gezeugt
ohne
Zuhilfenahme der Frau, ohne Eltern”, hat „Verbindungen, Beziehungen,
[nur]
zu anderen Exemplaren des neuen Menschen, mit denen er sich
zusammenfügen
lässt zur Makromaschine Truppe.” [26]
Der neue Mensch
– und dies gilt gleichsam für stalinistische bzw. sozrealistische
wie für völkisch-konservative Utopien – ist ein „Mensch,
dessen Physis maschinisiert, dessen Psyche eliminiert ist;
[...] [w]ir sehen einen Roboter [...] im Moment seiner Aktion: ohne
Angst
wie ohne jedes andere Gefühl.”[27] Der Wunschmensch ist ein Mensch
„mit
maschinisierter Peripherie und bedeutungslos gewordenem Innern
[...].”[28] Der Ursprung dieser Utopie vom maschinisierten Körper
liegt nicht, so Theweleit, in der Technisierung der Produktionsmittel,
sondern „in der Notwendigkeit, das eigene Menschliche, das Es, die
Produktionskraft des Unbewussten in sich zu beherrschen, von sich
abzustoßen.”[29] Genau daher resultiert die „Stahlgestalt”, als
die sich der ‘neue Mensch’ phantasiert: Das „eingeschlossene Innere
transformiert der Panzer zum Treibstoff seiner Geschwindigkeit, oder
aber: er schleudert es aus sich heraus. Als ihm dann Äußeres
kann er es bekämpfen und es greift ständig an, als wolle es
in ihn zurück: als Sintflut, Invasion vom Mars, als Proletariat,
jüdische Lustseuche, sinnliche Frau.”[30] Der Ganzheitspanzer der
‘Stahlgestalt’ und die „Ganzheitsmaschine Truppe” bedingen sich also
gegenseitig: „[S]ie dienen als Grenze der Person zum Außen, als
Front; sie sind Organe der Realitätskontrolle, der Triebkontrolle,
der Triebabwehr.”[31]
Inwieweit diese Tendenz zur Selbst-Verhärtung durch das
Aufgehen in einem Kollektiv auch in (Teilen) der historischen
Avantgarde(n) vorhanden ist, wäre an anderer Stelle im Einzelnen
zu untersuchen. Es lässt sich jedoch sagen, dass es seit den
1980er Jahren in der internationalen Avantgarde-Rezeption eine Tendenz
zur Betonung ambivalenter, also anschlussfähiger Elemente zwischen
Avantgarde und Totalitarismus gibt. In diesem Sinne stellen Eda Cufer
und IRWIN in dem eingangs zitieren Text fest: "The most important and
at the same time traumatic dimension of avant-garde movements is that
they operate and create within a collective. Collectivism is the point
where progressive philosophy, social theory and the militarism of
contemporary
states clash."[32] In der Bezugnahme auf die historische Avantgarde
interessiert die NSK demzufolge, inwieweit die Utopie des Kollektivs in
eine Dystopie
umschlägt, und dies in Bezug auf konkrete historische Erfahrungen.
Ein solches konkretes historisches Moment repräsentiert der futuristische Schriftsteller, Dramatiker und Literaturtheoretiker Sergej Michajlovic Tret'jakov.[33] Selbst ein Anhänger des Konstruktivismus, später des Utilitarismus und der „Literatur des Fakts”, eilt er in seinem 1923 verfassten Text „Woher und Wohin? Perspektiven des Futurismus” Stalins 1932 formulierten Diktum vom Künstler als “Ingenieur der menschlichen Seele” um fast zehn Jahre voraus.[34] Tret'jakov fordert mit revolutionärem Elan die freie Verfügbarkeit geistiger Erzeugnisse zum Wohle aller (d.h. des „Produktionskollektivs”). Ideen und Erfindungen sollen nicht der Schaffung von privatem Besitz dienen, sondern in Umlauf gebracht werden, frei zirkulieren und so zur Entwicklung neuer Ideen beitragen. Erklärtes Ziel des Futurismus ist, so Tret'jakov, die Schaffung eines „Arbeiter-Menschen“, der
dem Gebot der Schöpfer-Klasse folgt und alles, was er schafft, im Moment zum kollektiven Gebrauch abgibt. In diesem Sinne ist es dem Futuristen am allerwenigsten erlaubt, Eigentümer seiner Produktion zu sein. Sein Kampf richtet sich gegen die Hypnose des Namens und die damit verbundenen Prioritätspatente. Bürgerliche Selbstbestätigung, angefangen bei der Visitenkarte an der Haustür und endend mit der steinernen Visitenkarte auf dem Grab, ist ihm fremd; seine Selbstbestätigung findet er darin, dass er sich als wichtiges Teil seines Produktionskollektivs versteht. Seine reale Unsterblichkeit liegt nicht in der Bewahrung einer Buchstabenkombination, sondern in der breiten und umfassenden Aneignung seiner Erzeugnisse durch die Menschen. Unwichtig, wenn Namen vergessen werden, wichtig ist, dass seine Erfindungen in Umlauf kommen, neue Steigerung und neues Training auslösen. Keine Politik der verschlossenen Schädel, die das Patent jedes Gedankens, jeder Entdeckung und jeder Idee schützt, sondern eine Politik der offenen Schädel für jeden, der im Namen eines optimal organisierten Daseins zur Überwindung von Konservatismus und Spontaneität beizutragen sucht.[35]
II.
Wieder-Holen, Teil-Werden: Kollektivismus der Avantgarde
Bei den exzessiven Wiederholungen der Neuen Slowenischen Kunst, von
denen oben schon kurz die Rede war, handelt es sich um die für
alle Gruppen der NSK verbindliche Arbeitsmethode der 'Retrogarde' sowie
um die Strategie der 'Über-Identifizierung'. Die Retrogarde greift
mittels eines „emphatischen Eklektizismus” (Irwin) auf die Texte –
Zeichen, Bilder, Symbole und Formen der Rhetorik – zurück, die
retrospektiv zu Erkennungszeichen bestimmter künstlerischer,
politischer, religiöser oder technologischer
'Erlösungsutopien' des 20. Jahrhunderts geworden sind. Durch Wieder-Holung,
ein Wieder-Hervor-Holen dieser traumatischen Texte kehrt die NSK
zu den speziellen Punkten in der Geschichte zurück, in denen das
Umschlagen von utopischen Ansätzen in traumatische Erfahrungen
festzumachen ist.[36]
Die Strategie
der Überidentifizierung bezieht sich nicht so
sehr auf das, was wiederholt wird, sondern wie es
wiederholt wird. Überidentifizierung ist nicht nur einfach
Wiederholung; sie ist
bzw. schafft das bessere Original. Überidentifizierung denkt die
impliziten Annahmen einer Ideologie logisch zuende und konfrontiert
sich selbst und das Publikum mit dem ‘besseren Original’, mit dem
‘Ding’, mit welchem wir es ‘eigentlich’ zu tun haben.
Überidentifizierung ist eine Strategie der ‘(Wieder-)Spiegelung’,
mit der die NSK (v.a. Laibach) die Funktionsmechanismen der
herrschenden Ideologie aufzudecken versuchte – und zwar in der
konsequenten Anwendung auf sich selbst. In einer Art Selbstversuch, in
der man Ratte
und Käfig, Opfer und Täter zugleich war, fungierte das
Kollektiv
als ein ‘Brennspiegel’ für den latenten Totalitarismus, den es der
Ideologie bzw. dem Staat unterstellte. Da die Gruppe eine verbale
Kritik
für unmöglich hielt, weil Kritik ein ‘Außerhalb des
Textes’
behauptet, das es nicht gibt, und somit wirkungslos bleibt, wählte
es eine andere Strategie: Der ‘totale Vollzug’ in der
Überidentifizierung
realisiert die logische Konsequenz aus den implizit und explizit
vorgegebenen
Prämissen der herrschenden Ideologie als radikale Wiederholung am
eigenen
Körper. Es geht nicht um eine im Textuellen verbleibende
Strategie,
nicht um das Virulent-Werden eines Bildes im Text, sondern um ein
Somatisch-Werden
des ideologischen Textes, um einen am eigenen Körper vollzogenen
Diskurs. Laibach spricht in einem Interview seinen Konzerten eine reinigende
und regenerative Wirkung zu. Diese
„Therapie-durch-Terror“-Strategie
wirkt, indem sie den (Musik-)„Konsumenten“ zunächst einem Maximum
kollektiver Gefühle aussetzt um ihn dann umso effektiver in einen
Zustand „kollektiver Aphasie“ verfallen zu lassen und diese letztlich
als „gesellschaftliches
Organisationsprinzip“ erkennbar zu machen:
Our appearance
has a purifying (EXORCISM) and regenerative (HONEY
& GOLD) function. With a mystical erotic audiovisual constitution
of the ambivalence of fear and fascination (which acts on the
consciousness in a primeval way), with a ritualized demonstration of
political force, and with other manipulative approaches, LAIBACH
practices sound/force in the
form of a systematic (psychophysical) terror as therapy and principle
of
social organization.
Purpose: to provoke maximum collective emotions and release the automatic response of masses;
Consequence: the effective disciplining of the revolted and alienated audience; awakening the feeling of total belonging and commitment to the Higher Order;
Result: by obscuring his intellect, the consumer is reduced to a humble state of collective aphasia, which in turn is the principle of social organization.[37]
Wenn Laibach
die Parolen „Unsere Freiheit ist die Freiheit der Gleichdenkenden”[38]
oder „Das Bedürfnis nach Autorität ist stärker als der
Wille zur Unabhängigkeit”[39] äußert, so tut die Gruppe
dies
nicht, weil sie von der Richtigkeit dieser Aussagen überzeugt ist,
sondern weil sie damit eine latente Prämisse der Ideologie – eben
nicht
nur ausspricht, sondern gleichzeitig auch verkörpert. Die
Konsequenz
dieser Aussagen gilt es am eigenen (Kollektiv-)Körper auszuhalten,
mit
diesen nun explizit ausgesprochenen Implikationen gilt es zu
(über-)leben.
Überidentifizierung könnte man in diesem Sinne auch als
Vernichtung der Latenz bezeichnen.
Nach Slavoj Žižek und Peter Sloterdijk[40] bleibt offene Kritik
an der Ideologie eines Systems folgenlos, denn jeder ideologische
Diskurs
zeichnet sich heute durch Zynismus, d.h. durch die internalisierte, in
ihm schon vorweggenommene Kritik seiner selbst aus. Die Ideologie
'glaubt'
ihren eigenen Aussagen nicht mehr, sie hat eine zynische Distanz zu den
eigenen moralischen Prämissen angenommen. Folglich ist dem
Zynismus
als universalem und diffusem Phänomen mit den tradierten Mitteln
der
Ideologiekritik (z.B. durch aufklärerisches Engagement)
nicht
mehr adäquat zu begegnen. Gegenüber einer zynischen Ideologie
erweist sich, so Žižek, das Mittel der Ironie als 'in die Hände
der
Mächtigen spielend'. Die von der Ideologie vorgebrachten
öffentlich
getroffenen Aussagen und vermittelten Werte sind 'zynisch', sie sind
also
nicht dazu da, ernstgenommen zu werden. Problematisch wird es dann
für
die sogenannte 'herrschende Ideologie', sobald der 'angemessene
Abstand'
nicht länger gewahrt bleibt, wenn also eine ‘fanatische’ oder eine
‘übergenaue’ Auslegung, ein konsequentes Zuendedenken, also eine
'Über-Identifizierung'
mit der Ideologie stattfindet – wenn man sie also ernster nimmt, als
sie
sich selbst nimmt. Denn nach Žižek setzt sich eine Ideologie immer aus
zwei
Teilen zusammen: aus den von einem politischen System öffentlich
verkündeten
und propagierten 'expliziten' Werten und der sogenannten 'verdeckten
Kehrseite'.
Dies sind die impliziten Werte und Prämissen einer Ideologie, die,
damit
diese funktionieren und sich reproduzieren kann, unausgesprochen
bleiben
müssen. Die NSK nahm sich dieser 'impliziten' ideologischen
Prämissen
an und brachte diese durch ihre Strategie der
'Über-Identifizierung'
zum Vorschein.
Ein wichtiges
Element der Funktionsweise von Ideologien wird von
Žižek im Angebot des Genießens, also in einer dem
Individuum
von einer Ideologie angebotenen Abnahme der Ordnung des Realen
gesehen.
Unterwerfung (‘geordnet werden’) basiert – so die These – nie
ausschließlich
nur auf Zwang und Fügung, sondern ist mit einem Genießen
des unterworfenen und sich unterwerfenden Subjekts verbunden (der
Wunsch,
‘geordnet zu werden’). Für Jacques Lacan wird das Spiegelerlebnis,
in dem das Subjekt dem Verkennen gegenüber dem Erkennen
den Vorzug gibt, zur Erkenntnisgrundlage der exzentrischen,
imaginären
Struktur des Ich.[41] Lacans Spiegeltheorie stellt die Möglichkeit
bereit, die Wirkungsweisen identitätsverheißender
Formationen
zu entlarven: "Deren Effekt beruht darauf, dass sie dem Subjekt ein
Zentrum
(Idee, Führer, Objekt) bereitstellen, in dem es sich spiegeln bzw.
mit dem es sich identifizieren kann. [...] Die reale Zerrissenheit
kaschierend,
tendiert das Subjekt zunehmend dazu, sich auf der Ebene des
Imaginären
zu situieren, um sich qua kollektiver Identifikation an einem Ideal,
Idol
bzw. einer Ideologie zu stabilisieren, die seinem Mangel an Sein
entgegenkommt."[42]
Der ideologische Diskurs setzt sich aus einzelnen Elementen, den sogenannten 'gleitenden Signifikanten' zusammen, die, für sich genommen, bedeutungslos sind und ihre ideologische Bedeutung erst im Kontext des Diskurses einer ‘ordnenden’ Ideologie annehmen. Die von der NSK vor allem in den Bühnenauftritten von Laibach vollzogene Dekonstruktion der Ideologie realisiert sich 1. als Dekontextualisierung, also als das Herausreißen der einzelnen Elemente aus dem Kontext, der den Phänomenen Bedeutung verleiht und 2. als Rekontextualisierung dieser für sich bedeutungslosen Fragmente – Hirsch, Sämann, schwarzes Kreuz, seitlich von Fahnen begrenzter symmetrischer Bühnenaufbau – in einer von dem Kollektiv geschaffenen dysfunktionalen Ideologie bzw. einer Pseudoideologie. Das vermeintliche Identifikationsangebot, das allen von der NSK verwendeten Elementen eigen ist, löst sich nach dem Abzug des sinnstiftenden Kontextes, nach Verlassen des symbolischen Netzes einer Ideologie auf. Es bleiben die Versatzstücke und Splitter der Ideologie übrig, die in der "völligen Stumpfsinnigkeit ihrer materiellen Präsenz"[43] erfahrbar werden. Das reflexhafte idiotische Genießen des Publikums geht ins Leere, denn die ästhetischen Ideologiesplitter kreisen um eine leere Mitte. So entsteht eine Art 'dysfunktionaler' Ideologie - bestehend aus 'faszinierenden' Versatzstücken, jedoch ohne sinnstiftendes Integrationsmoment. Es geht ausdrücklich nicht darum, die 'wahre' Seite der Ideologie zu zeigen: "In fact, they [Laibach] do not confront the totalitarian logic with its 'truth' at all. Rather they subvert it. They subvert it so that it is dissolved as an active social bond, leaving only the uneasy kernel of its limited enjoyment."[44] Daher kann hier auch nicht von einem beim Publikum ausgelösten "kathartischen Schock" gesprochen werden, wie ich das andernorts formuliert habe[45] – auch wenn Laibach selbst seinen Konzerten eine reinigende und regenerative Wirkung zuspricht.
Indem das
Kollektiv die impliziten Prämissen des Systems verkörperte
und die in der Ideologie angelegten latenten Denkansätze (die
verdeckte Kehrseite) zuende dachte, wurde es zum ‘besseren Original’.
Nach innen
versprach diese freiwillige „Kollektivierung“ eine Art von ‘Befreiung’,
sogar, so Eda Cufer, langjähriges Mitglied und theoretischer Kopf
der
NSK, eine „befriedigende ethische Position”: nämlich die
Anerkennung
des „unfreien” Status des Individuums in der Gesellschaft durch die
freiwillige
Unterordnung der Person unter die Organisation, unter den
Kollektivkörper.[46]
Nach außen, also für das Publikum, fungierte die NSK bzw.
Laibach
als „verdeckte” Versuchsanordnung, die den Zuschauer bewusst in
Situationen
versetzt, die ein bestimmtes Verhalten seinerseits auslösen, ohne
dass
sich dieser zunächst darüber im Klaren ist, dass seine
Reaktion
eine Wiederholung bereits einmal gemachter kollektiver Erfahrungen ist.
Sigmund Freud sprach in Jenseits des Lustprinzips
diesbezüglich
von einem „Wiederholungszwang”. Die NSK ist der Überzeugung, dass
diese
Reaktionsmuster nicht überwunden werden können, sondern dass
einer
Ideologie nur durch Bewusstmachung ihrer affektiven Funktionsweise ein
Teil
ihrer Macht genommen werden kann.

Noordung's Observatory, 1929
III.
Kollektiv in der Schwerelosigkeit: Kozmokineticni Kabinet Noordung
Das Kosmokinetische Kabinett Noordung,[47] mit Laibach und Irwin eine
der drei Hauptgruppen der NSK, arbeitet seit 1995 unter der Leitung des
Regisseurs Dragan Živadinov an der Erfüllung eines
künstlerischen 50-Jahresplans, der sich bis in das Jahr 2045
erstrecken wird. Der Name des Kosmokinetischen Kabinetts bezieht sich
auf den slowenischen Raumfahrtpionier Hermann Potocnik Noordung, der
1929 in seinem in Berlin publizierten Buch Das Problem
der Befahrung des Weltraums – Der Raketenmotor[48] als einer der
ersten
eine auch technisch detaillierte Darstellung einer um ihre eigene Achse
rotierenden Raumstation entwarf, die später in Wernher von Brauns
Schriften,
in Arthur C. Clarkes Roman 2001 - A Space Odyssey sowie auch in
Stanley
Kubricks gleichnamigem Film von 1968 auftauchte. Das Drama Noordung
1995-2045,[49] eine 1995 in Ljubljana uraufgeführte
„Gebetsmaschine zur Produktion
des Heiligen”, soll in zehnjährigen Intervallen wiederholt werden.
Die
durch einen Vertrag bis an ihr Lebensende zur Teilnahme an dieser
„belebten
Skulptur“ (naseljena skulptura) verpflichteten SchauspielerInnen
werden
nach ihrem Tod durch robotische Symbole ersetzt, die, jeweils mit Klang
und
Rhythmus ausgestattet, an Stelle der menschlichen Darsteller agieren.
Zur
Zeit der letzten Wiederholung im Jahr 2045 werden – so der Plan von
Živadinov
– alle Schauspieler tot, nur noch der Regisseur am Leben und die
Bühne
voller Symbole, Rhythmen und Klänge sein – ein ideales
Gesamtkunstwerk,
in dem der Organisator sein Material organisiert. Dem orbitalen
Zeitalter
angemessen wird diese letzte Wiederholung im Zustand kollektiver
Schwerelosigkeit
in einem in einer geostationären Umlaufbahn angesiedelten
Observatorium 35 900 km über der Erde stattfinden. Aus der
Tatsache,
dass das Kollektiv seit Dezember 1999 in
der
Nähe von Moskau mehrere Dutzend Parabelflüge absolviert[50]
und
der Regisseur
bereits 1998 alle für die Kosmonautenausbildung notwendigen
medizinischen Check-Ups erfolgreich bestanden hat,[51] lässt sich
schließen, dass es auch hier um das Virulent-Werden am eigenen
Körper, um ein radikales körperliches Nachvollziehen geht.
Genauer gesagt: Das utopische Projekt eines „totalen
Theaters” der Avantgarde der beginnenden 1930er Jahre wird hier –
sowohl
für die Teilnehmer als auch für
das
Publikum – zu einem klaustrophobischen, totalitären Innen zu Ende
gedacht.
Es handelt sich um eine Theatermaschine, die ihre Zuschauer im wahrsten
Sinne des Wortes bewegt. Denn für das ‘Observatorium’, so schrieb
Noordung 1929, ist es „vor allem wichtig, dass man ihm jede beliebige,
durch die vorzunehmenden Beobachtungen bedingte Lage im Raume ohne
weiteres erteilen kann.”[52]
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Abb.: Noordung Gravitacija Nic (Noordung Gravity Zero), 15. Dez. 1999, Parabelflug in der Nähe von Moskau Photo: Miha Fras / ipa PRESS, Quelle: http://www.ipak.org/gravitation0/ |
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Das Theater der gelehrigen Körper
Schon die
Performances der 1980er Jahre, die das Kollektiv noch unter dem Namen
Gledališce Sester Scipion Nasice und seit 1987 als Kozmokineticno
Gledališce Rdeci Pilot durchführte, verwiesen in ihrer
spezifischen „Bearbeitung” des Publikums auf einen totalen
Kontrollanspruch des Regisseurs. Dies zeigte sich u.a. in der
Übernahme der von Vsevolod Mejerchol’d Anfang der 1920er Jahre
entwickelten Methode der biomechanika, die von den
Schauspielern verlangt, für jeden psychischen Zustand eine
körperlich-gestische Entsprechung zu finden, durch deren Einsatz
beim
Publikum wiederum ein bestimmter Gefühlszustand ausgelöst
werden
sollte. Vsevolod Mejerchol’d – so Richard Stites –
employed in his theater both the Constructivist art of machine-like settings and Constructivist gesture which he called Biomechanics (biomechanika) or the mechanics of the human body, a term borrowed from Gastev […] and Taylorism. Meyerhold's regime was [similar] to that of Gastev: alertness, rhythmic motion, scientific control over the body, […] in short 'organized movement' designed to create the 'new high-velocity man'.[53]
Neben der Übernahme dieser Methode begannen die Performances
des Theaterkollektivs auch lange vor Beginn der eigentlichen
Vorstellungen, ähnlich der Mejerchol’dschen Dirigierung des
Publikums, die bereits im Foyer des Theaters einsetzte: Auch „Meyerhold
[...] had his audiences march
around the foyer before assaulting them inside the theater with his Gesamtkunstwerk
of movement and kinetic power.”[54] Zur ersten Performance des
Theaters
der Schwestern Scipion Nasicas, dem Retrogardisticni Dogodek
Hinkemann
im Januar 1984 musste sich das ausgewählte 40-köpfige
Publikum
zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem Ort einfinden, um von dort von
verschiedenen
Boten durch den Stadtraum zum Ort der Aufführung geleitet zu
werden.
Während des Retrogardisticni Dogodek Marija Nablocka im
Mai 1985
saßen die 27 eingeladenen Zuschauer in einer speziell
konstruierten Bühne, aus der nur ihre Köpfe herausschauten,
während auf der Bühne, also um ihre Köpfe herum, die
Performance ablief. Die sichere Distanz zwischen Publikum und
Schauspielern wurde aufgehoben und
beide in eine unerträgliche Nähe zueinander gebracht:
The TSSN [Theater of the Sisters of Scipion Nasica] staged before an audience a play in which it participated physically and not only spiritually and from a safe distance [...] the spectator and the actor are both placed under observation. The spectator must really play it cool, freeze his feelings and rein in his fears. [...] Each spectator sits below the scene, or, more exactly, in it, on a seat determined beforehand. He sees with his eyes and feels with his face, actually touching the actors, feeling their breathing and the strain of their bodies, smelling their sweat and his own. This is Antonin Artaud's theater of cruelty pushed to the utter limit.[55]
In dem 1993 uraufgeführten Molitveni Stroj Noordung (Noordung
Gebetsmaschine) platzierte Živadinov einen Teil des Publikums – die
‚topischen’ Zuschauer – wiederum in einer speziell dafür
angefertigten Bühne, so dass nur noch ihre Köpfe aus der
Bühnenebene herausguckten, die Schauspieler also zwischen und
über den zu Bühnenelementen gewordenen rasterartig
angeordneten Köpfen agierten:
The heads of the collective, but separated, audience are on ground level, able to look up into the space of the theatrical action [...]. The actor-astronauts [...] perform above the spectators' normal horizontal/perspectival vision. Judging from the exact geometric, grid-like configuration of the audience capsules, one might also think of the dancers as moving, à pointe, above the collectivized and controlled order.[56]
Dem anderen Teil des Publikums – den a- oder u-topischen Beobachtern
– erlaubt Živadinov, ausgestattet mit Ferngläsern, den
‚Rückzug’ in den klassischen Zuschauerraum.[57] Utopisch deshalb,
weil ihnen natürlich im Živadinovschen Gesamtprogramm keine
Metaposition gewährt werden
kann: Auch sie werden zu einem Teil der Aufführung, indem sie vom
Regisseur durch Hochhalten von Schrifttafeln zu angemessenem Verhalten
aufgefordert werden („Applaus“, „tosender Applaus”, „Begeisterung”,
etc.).
Hier kommen nun mit der spezifischen Bearbeitung der
Zuschauerkörper (Dirigierung, Plazierung in einer
zellenförmigen Struktur) und mit der Thematisierung der Spaltung
von Sehen/Gesehenwerden die Foucault’schen Kategorien der „gelehrigen
Körper“,[58] der Parzellierung des Kollektivkörpers und des
„Panoptismus“ ins Spiel. Wie Foucault beschrieben hat, entwickelte die
Disziplinargesellschaft zur Nützlichmachung der Körper
bestimmte Methoden bzw. ‚Disziplinen’, die sich einer
„durchgängigen Zwangsausübung" bedienen, "die über die
Vorgänge der Tätigkeit genauer wacht als über das
Ergebnis und die Zeit, den Raum, die Bewegungen bis ins kleinste
codiert.“[59] Zur „Verteilung der Individuen im Raum“[60] finden
folgende Techniken Anwendung (diese, wie auch die Techniken zur
Entwicklung strikter Zeit- und Bewegungsregimes lassen sich mehr oder
weniger stark ausgeprägt bei Živadinov wiederfinden):
Zunächst erfolgt eine „bauliche Abschließung eines Ortes von
allen anderen Orten“: die Klausur. Foucaults Einschließungen
Kolleg, Kloster, Internat, Kaserne, Manufaktur und Fabrik entsprechen
bei Živadinov die abgeschlossenen Räume von Privatwohnungen,
Theaterräumen (in Theaterräumen) und einer Raumwarte
(„Observatorium“). Die Ein- bzw. Abschließung ist jedoch in den
Disziplinarapparaten, so
Foucault, „weder durchgängig noch unverzichtbar noch
hinreichend.“[61] Hinzu kommt, zweitens, das Element der Parzellierung:
Der Raum der
Disziplinen ist, so Foucault, „im Grunde immer zellenförmig.“[63]
Die in Überwachen und Strafen publizierte Abbildung eines
Vortrages über die „schlimmen Folgen des Alkoholismus“ im
Hörsaal des Gefängnisses von Fresnes zeigt die Gefangenen in
kleinen, voneinander abgetrennten Boxen, die nur den Blick nach vorn
erlauben. Die Parallele zu Živadinovs Fixierung, Parzellierung und
Ausrichtung des Zuschauerkollektivs ist erstaunlich.[64] Auf die
Parzellierung folgt nach Foucault, drittens, die Zuweisung von
Funktionsstellen. Und viertens ist die Disziplin schließlich
die „Kunst des Ranges“ und die „Technik der Transformation von
Anordnungen“: In der Disziplin "sind die Elemente austauschbar, da sie
sich durch ihren Platz in der Reihe und durch ihren Abstand voneinander
bestimmen." Der Rang ist „der Platz in einer Klassifizierung, der
Kreuzungspunkt zwischen einer Linie und einer Kolonne, das Intervall in
einer Reihe von Intervallen.“
Die Disziplin „individualisiert“ die Körper auf dieser Stufe
„durch
eine Lokalisierung, die sie nicht verwurzelt, sondern in einem Netz von
Relationen verteilt und zirkulieren lässt.“[65]
Letztendlich
ist also, so können wir mit Foucault sagen, die „erste große
Operation der Disziplin [...] die Errichtung von ‚lebenden Tableaus’,
die aus den unübersichtlichen, unnützen und gefährlichen
Mengen geordnete Vielheiten machen.“[66] Für Foucault wird daher
das Bentham’sche Panopticon auch zum Modell für die
Disziplinargesellschaft. In der panoptischen Gefängnisanlage ist
„[j]eder Käfig [...]
ein kleines Theater, in dem jeder Akteur allein ist, vollkommen
individualisiert und ständig sichtbar“[67] – dies erinnert
frappierend an die Toneinspielung eines Filmzitates in Molitveni
Stroj Noordung (1993):
„vous êtes totalement seules“ –
Jeder ist an seinem Platz sicher in eine Zelle eingesperrt, wo er dem Blick des Aufsehers ausgesetzt ist; aber die seitlichen Mauern hindern ihn daran, mit seinen Gefährten in Kontakt zu treten. Er wird gesehen, ohne selber zu sehen; er ist Objekt einer Information, niemals Subjekt einer Kommunikation. [...]. Die dicht gedrängte Masse, die vielfältigen Austausch mit sich bringt und die Individualitäten verschmilzt, dieser Kollektiv-Effekt wird durch eine Sammlung von getrennten Individuen ersetzt. Vom Standpunkt des Aufsehers aus handelt es sich um eine abzählbare und kontrollierbare Vielfalt; vom Standpunkt der Gefangenen aus um eine erzwungene und beobachtete Einsamkeit.[68]
Das Panopticon ist „eine Maschine zur Scheidung des Paares
Sehen/Gesehenwerden: im Außenring wird man vollständig
gesehen, ohne jemals zu sehen; im Zentralturm sieht man alles, ohne je
gesehen zu werden.“[69] Die Hauptwirkung des Panopticon besteht
in der „Schaffung eines bewussten und permanenten
Sichtbarkeitszustandes beim Gefangenen,
der das automatische Funktionieren der Macht sicherstellt“,[70] denn
die
Erzeugung des Gefühls ständiger Überwachung „vermag
[die]
tatsächliche Ausübung [der Macht] überflüssig zu
machen“.[71]
Derjenige, welcher der Sichtbarkeit unterworfen ist und dies
weiß,
„übernimmt die Zwangsmittel der Macht und spielt sie gegen sich
selber
aus; er internalisiert das Machtverhältnis, in welchem er
gleichzeitig
beide Rollen spielt; er wird zum Prinzip seiner eigenen
Unterwerfung.“[72]
Und wie um auf Živadinovs Behandlung des Zuschauerkörpers, bzw.
den
potentiell totalitären Effekt des Niederreißens der ‚Rampe’
zwischen
Zuschauerraum und Bühne anzuspielen, schließt Foucault: „Wir
sind nicht auf der Bühne und nicht auf den Rängen. Sondern
eingeschlossen
in das Räderwerk der panoptischen Maschine, das wir selbst in Gang
halten
– jeder ein Rädchen.“[73]
Das Observatorium als orbitales Panopticon
Für die
Premiere der ‘Kosmistischen Aktion’ Noordung 1995 - 2045 1995
im Mladinsko Gledališ?e in Ljubljana wurde ein spezieller, zweiteiliger
Zuschauerraum gebaut. Er bestand aus einem für die Gruppe
typischen Bodengestell, in das diesmal jedoch keine Zuschauer platziert
wurden, sondern das nur den SchauspielerInnen als ‘Bühne’ diente,
auf
bzw. unter der sie sich bewegten, sowie aus einer sich hoch über
dieser
Bodenkonstruktion erhebenden halbkugelförmigen mehrgeschossigen
Kuppel,
in der die Beobachter mit dem Kopf ins Innere der Kuppel ausgerichtet
in
liegender Position Platz nahmen und den Blick über die Bodenkante
nach
unten auf die Bodenkonstruktion, auf die Köpfe der
SchauspielerInnen,
richteten. Diese Kuppel, die an die oberste Etage von Vladimir Tatlins Monument
für die III. Internationale (1921) erinnert,[74] stellt
gleichzeitig
das Innere des Noordung’schen Observatoriums dar und
ähnelt
im Grundriss einer von Bentham beschriebenen panoptischen Anlage. Die
liegende
Stellung der Zuschauer und der daraus folgende senkrechte Blick nach
unten
ermöglichen eine scheinbar der Schwerkraft entzogene Wahrnehmung.
In
einem vom Kozmokineti?ni Kabinet Noordung avisierten zukünftigen
Weltraumtheater
wird das Publikum seinen Blick auf die ‘Bühne’ wahrscheinlich noch
in einem rechten Winkel zum Körper werfen – dieser muss jedoch
nicht mehr notwendig nach unten gerichtet sein. Außerdem wird die
Grenze
zwischen Bühne und Zuschauerraum insofern aufgehoben, als sich
sowohl
Schauspieler als auch das Publikum im Observatorium in der
Schwerelosigkeit
befinden werden. Birringer schreibt:
[...] Živadinov becomes an engineer who constructs a new videodrome-theatre in which the audience will turn around its own axis, learning a new ‘circumvision.’ The theatre spaceship as Gesamtkunstwerk [...] is a crazed utopian model for an extraterritorial, orbital culture. Zivadinov's actors unavoidably become "aliens" themselves, following exactly the logic of what Slavoj Žižek has called the ‘impossible choice’, the logic of a pragmatic paradox. The same logic is at work in the spaceship itself: it is a theatre that literally moves its audience. It will produce a visceral-emotional alienation affect.[75]
Živadinov bearbeitet den kollektiven Körper der Zuschauer und der
Akteure durch seine konsequente Unterwerfung unter die von Foucault
beschriebenen Techniken zur Verteilung der Individuen im Raum
(Einschließung, Parzellierung, Funktionalisierung) und zur
Ordnung in der Zeit (vgl. die vertraglich besiegelte Verpflichtung der
Tänzer/Schauspieler, bis zu ihrem Tod an den Wiederholungen des
Stückes teilzunehmen). In der letzten Wiederholung von Noordung
1995-2045 kulminiert im Jahr 2045 das, was sich bereits in den
1980er Jahren in den Projekten des Gledališce Sester Scipion Nasice und
des Kozmokineticno Gledališce Rdeci Pilot als ‘totale
Inanspruchnahme’ des Publikums und der Akteure angekündigt hatte.
Indem das Kosmokinetische Kabinett Noordung Publikum und Akteure nicht
nur symbolisch, sondern real in ein
sich um seine eigene Achse drehendes, orbitales Theater
(‘Observatorium’)
in eine 35 900 km hohen Erdumlaufbahn bringt, geht Živadinov jedoch
hinsichtlich
der Techniken zur Organisation des Raumes und der Zeit deutlich
über
Foucault hinaus: Mit der Ausweitung auf den Weltraum und in die Zukunft
lassen
sich Ausdehnungstendenzen erkennen, die im orbitalen Panopticon ihre
konsequente Zuspitzung erfahren (bezeichnenderweise beobachtet das von
Noordung eigentlich für die Weltraumobservation entwickelte
‘Observatorium’ dann weniger das Außen, als das eigene Innere).
Dementsprechend fühlt sich
Birringer
increasingly uncomfortable with the total control that his theatre architectonic exerts over the audience on both sides, topical and u-topical. The overcoming of the stage/audience separation in the projected rotational or orbital wheel could also be seen as the suffocating experience of being taken hostage by a master-director; his plans for the 1995-2045 project are radically exclusionary (with indoctrinating overtones), since it is apparently designed for an audience of young Slovene school children who will be the only spectator-observers of this opus for the next fifty years.[76]
Die in den
früheren Aufführungen ansatzweise vollzogene Aufhebung der
Trennung von Akteuren (Bühne) und Publikum (Zuschauerraum) wird in
der kollektiven Schwerelosigkeit schließlich total. Die
Einlösung des utopischen Anspruchs mündet jedoch nicht in
Freiheit, sondern
schlägt hier unvermittelt in eine unerträgliche, weil
totale/totalitäre Kontrolle des Raumes und der Körper durch
den ‘Großen Lehrer-Astronauten’ Živadinov um. Das Gesamtkunstwerk
wird auch in ganz banaler Weise zu einem klaustrophobischen,
totalitären Innen: man kann sich diesem nicht
entziehen, man kann nicht einfach aussteigen, denn draußen
herrscht
ein tödliches Vakuum.
Anmerkungen
[1] Cufer, Eda & Irwin. "NSK State in Time" (1993). Irwin. Zemljopis Vremena/Geography of Time. Umag, 1994.
[2] Laibach Kunst. Auszug aus der Beitrittserklärung [1982?]. Neue Slowenische Kunst, Zagreb/Los Angeles, 1991 (im Folgenden NSK 1991). 21. ”Kunst und Totalitarismus schließen sich nicht gegenseitig aus. Totalitäre Regimes schaffen die Illusion der revolutionären individuellen künstlerischen Freiheit ab. Laibach Kunst ist das Prinzip der bewussten Ablehnung von persönlichem Geschmack, individuellen Urteilen, Überzeugungen...; [es ist das Prinzip der] freiwillige[n] Entpersonalisierung. [...]”. (Übersetzung I.A.).
[3] Vgl. Benson, Michael. Predictions of Fire. USA/SLO 1995, 90 min. Übersetzung I.A.
[4] Laibach, zit. nach: Wahjudi, Claudia. "Zwölf Jahre musikalische Zitatenschlacht zwischen zwei konträren Systemen. Interview mit 'Laibach". In: Neues Deutschland, 13.8.1992. Ähnliche Strategien findet man in der postmodernen Literatur des Moskauer Konzeptualismus. Hier charakterisiert der (von Hirt/Wonders benutzte) Begriff des „nachahmenden Übertreibens“ eine Strategie, mit der „die [...] Post-Avantgardisten die implizite Gewalt und den Wahnsinn des kollektiven Diskurses ‚herausartikulieren’.“ (Hirt, Günter / Wonders, Sascha. Legenden, die nicht enden. Schreibheft. Zeitschrift für Literatur 42 (Nov. 1993): 35.). Noch treffender ist vielleicht der von den Künstlern selbst verwendete Begriff der „subversiven Affirmation“. Subversive Affirmation ist Bloßlegung, „Nachsprechen“ und „Wiederkäuen“, ist das „Bewohnen der Diskurse in der Sprache der Diskurse“. Subversiv-affirmatives Sprechen „vollzieht die Bewegung nach, mit der die Konstruktion des Totalen zu einem paradoxen Projekt wird, und macht sie sichtbar.“ (Sasse, Sylvia / Schramm, Caroline. "Totalitäre Literatur und subversive Affirmation". Die Welt der Slaven LXII (1997): 306-327).
[5] Zizek, Slavoj. "Why are Laibach and NSK not Fascists?" M'ARS - Casopis Moderne Galerije V/3.4 (1993): 4.
[6] Vgl. Groys, Boris. "More Total than Totalitarianism". Kapital. Kat. hg. v. Irwin. Ljubljana, 1991.
[7] Vgl. Barber-Kersovan, Alenka. "'Laibach' und sein postmodernes 'Gesamtkunstwerk'". Spektakel / Happening / Performance. Rockmusik als 'Gesamtkunstwerk'. Hg. v. Helmut Rösing. Mainz, 1993. 66-80.
[8] Transcentrala, New York, Moskau, Ljubljana, Tryptichon, 1992-1997. Dokumentiert in: Arns, Inke. Neue Slowenische Kunst. Regensburg 2002. Umschlaggestaltung. <http://www.v2.nl/~arns/Texts/NSK/abstract-NSK2002.html>
[9] My konnte erst 1925 in Zamjatins Pariser Exil publiziert werden. Der Roman ist eine Vorwegnahme von Aldous Huxleys Brave New World (1932) und George Orwells Nineteen-Eighty-Four (1949).
[10] Zamjatin, Evgenij. Wir. Übers. v. Gisela Drohla. Köln, 1984. 15.
[11] Zamjatin (Anm.10), 83f.
[12] "Pochemu tanec krasiv? Otvet: potomu chto eto nesvobodnoe dviženie, potomu chto ves' glubokij smysl tanca imenno v absoljutnoj, esteticheskoj podchinennosti, ideal'noj nesvobode. I esli verno, chto nashi predki otdavalis' tancu v samye vdochnovennye momenty svoei zhizni (religioznye misterii, voennye parady), to chto znachit tol'ko odno: instinkt nesvobody izdrevle organichski prisuš cheloveku […]." (Zamjatin, Evgenij. My. Tekst - po žurnalu Znamja 5/6 (1988) <http://www.magister.msk.ru:8085/library/prose/zamye003.htm>) [Dt. Übersetzung: “Warum ist der Tanz schön? Die Antwort: Weil er eine unfreie, eine gebundene Bewegung ist, weil sein tieferer Sinn die vollkommene ästhetische Unterwerfung, die ideale Unfreiheit ist. Wenn es stimmt, dass unsere Ahnen in Augenblicken der höchsten Begeisterung sich dem Tanz hingaben (religiöse Mysterien, Militärparaden), dann kann das nur das eine bedeuten: der Trieb zur Unfreiheit ist dem Menschen angeboren [...]” (Zamjatin, Anm.10, 8)]. Vgl. zur "idealen Unfreiheit" bei Zamjatin u.a. auch den Beitrag von Sylvia Sasse in diesem Band.
[13] Zamjatin (Anm.10), 79f. Russ. Original: "Ja videl: po Teiloru, razmerenno i bystro, v takt, kak rychagi odnoj ogromnoj mashiny, nagibalis', razgibalis', povorachivalis' ljudi vnizu. [...] po stekljannym rel'sam medlenno katilis' prozrachno-stekljannye chudovisha-krany, i tak zhe, kak ljudi, poslušno povora?ivalis', nagibalis', prosovyvali vnutr', v ?revo "Integrala", svoj gruzy. I chto bylo odno: ochelovechennye, sovershennye ljudi. Chto byla vysochaishaya, potrjasajushaya krasota, garmonija, muzyka ... Skoree - vniz, k nim, s nimi! I vot - plechom k plechu, splavlennyj s nimi, zahvachennyj stal'nym ritmom ... Mernye dviženija: uprugo-kruglye, rumjanye šeki; zerkal'nye, ne omra?ennye bezumiem myslei lby. Ja plyl po zerkal'nomu morju." (Zamjatin, Evgenij. My. Tekst - po žurnalu Znamja 5/6 (1988) <http://www.magister.msk.ru:8085/library/prose/zamye003.htm>)
[14] Zamjatin (Anm.10), 102f. Vgl. ausführlich zu den Bildern der Verhärtung in künstlerischer Avantgarde und konservativen Utopien Kap. 3.4.2. Helden aus Stahl: Verhärtungen, Kristallisationen, Erkaltungen, Blockbildungen, Maschinen-Menschen, Körper-Panzer. In: Arns, Inke. Objects in the Mirror may be Closer Than They Appear. Die Avantgarde im Rückspiegel. Phil.-Diss., HU Berlin (in Arbeit).
[15] Zamjatin (Anm.10), 198.
[16] Theweleit, Klaus. Männerphantasien. 2 Bde. Reinbek, 1987.
[17] Die These von der “Mutterlosigkeit”, bzw. Entfremdung des neuen Helden von Familienzusammenhängen zu Gunsten seiner Eingliederung in die “Ganzheitsmaschine Truppe” oder “Kollektiv” steht nicht in Widerspruch zu der im Nationalsozialismus wie im Stalinismus gleichsam betonten Rolle der Familie und der Rolle der Mutter. Ziel war die Beschleunigung des Bevölkerungswachstums. Die Regierungszeitung Pravda schrieb anlässlich der Einführung des Abtreibungsverbotes, dass die Ehe der Zeugung von “gesunden Helden” diene (vgl. Liegle, Ludwig. Familienerziehung und sozialer Wandel in der Sowjetunion. Berlin/Heidelberg, 1970. 14). Nach einem Regierungserlass des Jahres 1937 konnten Mütter, die mindestens sieben Kinder geboren hatten, sich als “Mütter-Heldinnen” feiern lassen. Im Juli 1944 erhöhte der Oberste Sowjet die geforderte minimale Anzahl von Kindern auf zehn, wobei die im Krieg gefallenen und vermissten mitgezählt werden durften (vgl. Sobranie zakonov i rasporjaženij raboce-krest’jankogo pravitel’stva SSSR, 1924-1937).
[18] Theweleit, Klaus. Männerphantasien. Reinbek, 1987. Bd. 2. 144.
[19] von Salomon, Ernst. Die Kadetten, S. 69, zit. n. Theweleit (Anm.18), 152.
[20] Theweleit (Anm.18), 154.
[21] Theweleit (Anm.18), 155.
[22] Ebd.
[23] Theweleit (Anm.18), 158.
[24] Ebd.
[25] Theweleit (Anm.18), 161.
[26] Ebd.
[27] Ebd.
[28] Theweleit (Anm.18), 162.
[29] Ebd.
[30] Ebd.
[31] Theweleit (Anm.18), 164.
[32] Cufer, Eda & Irwin (Anm.1).
[33] Sergej Michajlovic Tret'jakov (1892-1939) war Mitarbeiter der Zeitschrift LEF (1923-25) und Herausgeber von Novyj Lef (1927-28).
[34] Russ. Original in: Tret'jakov, Sergej: Otkuda i kuda? (Perspektivy futurizma) <http://www.ruthenia.ru/sovlit/j/2775.html>. 202) [Dt. Übersetzung: “Neben dem Mann der Wissenschaft muss der Kunstarbeiter ein Seeleningenieur, Seelenkonstrukteur werden.” (Tret'jakov, Sergej. Woher und Wohin? Perspektiven des Futurismus [1923]. In: Ders. Gesichter der Avantgarde, Berlin/Weimar, 1985. 38-53, hier 50).
[35] Tret'jakov (Anm.34), 49. Russ. Original in Tret'jakov, Anm.34, 201.
[36] So fragt z.B. die NSK durch Aneinanderkopplung von Zeichen aus russischem Suprematismus und sozialistischem Realismus nach Kompatibilitäten bzw. Inkompatibilitäten der Systeme ‘Avantgarde’ und ‘Totalitarismus’. Ausführlich dazu Arns (Anm.8).
[37] Laibach, Excerpts from Interviews given between 1980 - 85. NSK 1991. 43-52. Hervorhebung von Laibach.
[38] Laibach (Anm.37).
[39] Laibach. "The Instrumentality of the State Machine". VIKS. ŠKUC-Publikation , Ljubljana 1983.
[40] Vgl. Žižek, Slavoj. The Sublime Object of Ideology. London/New York, 1989; Žižek, Slavoj. Liebe Dein Symptom wie Dich selbst! Jacques Lacans Psychoanalyse und die Medien. Berlin, 1991; Žižek, Slavoj. "Das Unbehagen in der Liberal-Demokratie". Heaven Sent 5 (1992). 44 - 50; Sloterdijk, Peter. Kritik der zynischen Vernunft. 2 Bde. Frankfurt/Main, 1983.
[41] Vgl. Lacan, Jacques. "Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion". Texte zur Literaturtheorie der Gegenwart. Hg. v. Kimmich, Dorothee, Rolf Günter Renner, Bernd Stiegler. Stuttgart, 1997. 177-187.
[42] Pagel, Gerda. Lacan zur Einführung. Hamburg, 1991. 37.
[43] Žižek, Slavoj. Liebe Dein Symptom wie Dich selbst! Jacques Lacans Psychoanalyse und die Medien. Berlin, 1991. 63.
[44] Žižek, Slavoj: The Enlightenment in Laibach. In: Art & Design. London, No. 35 (1994). Thema: "New Art From Eastern Europe: Identity and Conflict", 80-87. Hier 87.
[45] Vgl. Arns. Neue Slowenische Kunst (Anm. 8): "Auf die Faszination des Einzelnen folgt ein kathartischer Schock über die eigene Anfälligkeit für die Ästhetik kollektiver Identifikationsmuster und dem Begehren nach freiwilliger Unterordnung." Katharsis hieße Rationalisierung, das Vorgehen von Laibach setzt aber gerade auf die Unmöglichkeit von Rationalisierung.
[46] Eda Cufer in einem Video von Marina Gržinic und Aina Šmid (Transcentrala - Neue Slowenische Kunst Država v casu, Video, 20.05 min, Ljubljana 1993).
[47] Die Abteilung für Theater, Oper und Ballett der NSK nannte sich von 1983 – 1987 Gledališce Sester Scipion Nasica (Theater der Schwestern Scipio Nasicas), von 1987 – 1990 Kozmokineticno Gledališce Rdeci Pilot (Kosmokinetisches Theater Roter Pilot) und nennt sich seit 1990 Kozmokineticni Kabinet Noordung (Kosmokinetisches Kabinett Noordung). Zur Bedeutung der Namen vgl. Arns (Anm.8).
[48] Noordung, Hermann. Das Problem der Befahrung des Weltraums. Reprint. Wien, 1993.
[49] Noordung 1995-2045: Naseljena skulptura Ena proti Ena. Textbuch (dramatischer Text „Love and State / Ljubezen in Država / Ljubav i Država“ von Vladimir Stojsavljevic). Typoskript. engl./slowen. Ljubljana, 1995.
[50] Vgl. die Dokumentaraufnahmen des ersten Parabelfluges des Kosmokinetischen Kabinetts Noordung in der Nähe von Moskau von Michael Benson vom Dezember 1999 (Video, VHS-Kopie, 10 min.).
[51] Vgl. Arns, Inke. "The Place where Symptoms become Real: Cosmonauts, Explosives, and Hand-Made Sausages. Impressions from Ljubljana, Slovenia, 7-12 July 1998". Junction Skopje, selected texts from the V2_East/Syndicate mailing list 1997 – 98. Hg. v. Inke Arns. Skopje, 1998. 145-150; sowie Arns, Inke. "Free your mind and the rest will follow: intim@ and the Great Teacher Astronaut". Leonardo Electronic Almanach. März 2000 <http://mitpress.mit.edu/e-journals/LEA/AUTHORS/ylemarns.html>.
[52] Noordung (Anm.47), 144f. Die Raumwarte sollte aus drei einzelnen Objekten bestehen: dem 'Wohnrad', in welchem „durch Rotation künstlicher Schwerezustand aufrechterhalten wird”, dem 'Observatorium' und dem 'Maschinenhaus', die „beide unter Beibehaltung ihres schwerelosen Zustandes, nur ihren besonderen Zwecken gemäß eingerichtet sind, dafür aber auch nur vorübergehend, der gerade diensttuenden Bemannung während der Verrichtung ihrer Arbeiten zum Aufenthalt dienen.” (Noordung, Anm.47, 135).
[53] Stites, Richard. Revolutionary Dreams. Utopian Vision and Experimental Life in the Russian Revolution. New York, 1989, 160f.
[54] Stites (Anm.52), 161.
[55] Erjavec, Aleš / Grzinic, Marina. Ljubljana, Ljubljana. The Eighties in Slovene Art and Culture. Ljubljana 1991. 109 f.
[56] Birringer, Johannes. "The Utopia of Postutopia". Theatre Topics 6:2 (1996). 143-166 <http://www.press.jhu.edu/journals/theatre_topics/v006/6.2birringer.html>. Hier 146-149.
[57] Die Unterscheidung zwischen topischen Zuschauern und a- bzw. utopischen Betrachtern übernehme ich von Hrvatin, Emil. "The Body that Looks and the Eye that does not see". <http://www.ljudmila.org/embassy/7a/ hrvatin.html>, o. J.
[58] „Gelehrig ist ein Körper, der unterworfen werden kann, der ausgenutzt werden kann, der umgeformt und vervollkommnet werden kann.“ (Foucault, Michel. Überwachen und Strafen. Frankfurt/Main, 1994. 175).
[59] Foucault (Anm.57), 175.
[60] Foucault (Anm.57), 181.
[61] Foucault (Anm.57), 183.
[62] Ebd.
[63] Foucault (Anm.57), 184.
[64] Ich danke Bojana Pejic (Berlin) für diesen Hinweis.
[65] Alle Zitate in diesem Absatz Foucault (Anm.57), 187.
[66] Foucault (Anm.57), 190.
[67] Foucault (Anm.57), 257.
[68] Foucault (Anm.57), 258. Alle Formen horizontaler Verbindung müssen unterdrückt werden. Darum, so Foucault, „treffen die Disziplinen die Vorkehrungen der Scheidewand und der Vertikalität; darum installieren sie zwischen den verschiedenen Elementen einer Ebene möglichst dichte Abschottungen; darum spannen sie enge Netze straffer Hierarchie: der inneren Widerstandskraft der Vielfältigkeit setzen sie das Verfahren der stetigen und individualisierenden Pyramide entgegen.“ (Foucault, Anm.57, 282).
[69] Foucault (Anm.57), 259.
[70] Foucault (Anm.57), 258.
[71] Ebd.
[72] Foucault (Anm.57), 260.
[73] Foucault (Anm.57), 279.
[74] Tatlins (modellgebliebenes) Monument für die III. Internationale bestand aus einer Zusammensetzung unterschiedlicher, in eine Spiralkonstruktion eingehängter und um ihre eigene Achse rotierender Formen: einem Quader, einer Pyramide und einer kleinen Kuppel, die einen Radiosender beherbergen sollte. Die Noordungsche Kuppel ist auch Teil des räumlichen Modells des NSK Staates: hier stellt sie eine abnehmbar mobile Kuppel dar, die über dem Staat Generator angebracht ist. Vgl. das Raummodell unter <http://www.ljudmila.org/embassy>.
[75] Birringer (Anm.55), 156. Er bezieht sich auf Slavoj Žižek. Tarrying with the Negative. Durham, 1993. 237.
[76] Birringer
(Anm.55), 150.