Vorspiel, Zwischenspiel, Nachspiel. Schlaglichter auf deutsche Debatten
Vom „kausalen Nexus" des Historikerstreits (1986)
zur „deutschen Leitkultur" (2000)

Inke Arns, Berlin

Was man, um zu Ex-Jugoslawien zurückzukehren, in Frage stellen sollte, ist der unschuldige westliche Blick, der die Auflösung als exotisches Schauspiel verfolgt [...]. Das Phantasma, das seine Wahrnehmung organisiert, ist das des ‘Balkans’ als des Anderen des Westens: der Ort wilder ethnischer Konflikte, die Europa längst hinter sich gelassen hat. [...] In Ex-Jugoslawien sind wir nicht verloren aufgrund unserer eigenen Träume und Mythen (die uns daran hindern, die aufgeklärte Sprache Europas zu sprechen), sondern weil wir in Fleisch und Blut dafür zahlen, der Stoff der Träume der anderen zu sein. [...] Weit entfernt, das Andere Europas zu sein, war Ex-Jugoslawien eher das Europa in seinem Anderen, der Schirm, auf den Europa seine verdrängte Kehrseite projiziert und auf dem es sie lebt. (Slavoj Zizek: Liebe Deine Nation wie Dich selbst! In: Lettre International, Nr. 18 / 1992, S. 35)
Die vom Westen auf dem fernen ‘Balkan’ konstatierten ‘Atavismen’ sind nach Zizek nur das, was den Westen selbst strukturiert, sein eigenes Phantasma. In einer Art Externalisierung weist der Westen - angesichts der Nationalismen und der ‘ethnischen Säuberungen’ - seine eigene (verdrängte) Kehrseite weit von sich. Der ‘phantasmatische Inhalt’ des Westens ist auch in Deutschland in den 1990er Jahren in verschiedenen Debatten zur ‘Normalisierung’ des Begriffes der ‘Nation’, zur Rückbesinnung auf nationalen Identität, zur Hinwendung zu einer ‘selbstbewußten Nation’ und zuletzt zur einer ‘deutschen Leitkultur’ ventiliert worden. Der Blick auf diese Debatten soll das Bewusstsein dafür schärfen, dass die Existenz und die Funktionsweise national(istisch)er Diskurse nicht nur im ‘barbarischen’ ‘Südosten’ fortbestehen. ‘Die da’ auf dem ‘Balkan’ sind nicht das Andere des Westens, vielmehr zeigt sich auf dem ‘Balkan’ das Innerste des Westens. Die Unterschiede sind dabei nicht qualitativer, höchstens quantitativer Natur.
 

Vorspiel 1: Auf der Suche nach der verlorenen 'nationalen Identität'

Die in den 1990er Jahren in Deutschland geführten Diskussionen um eine nationale Identität begannen nicht erst mit der Wende von 1989 (vgl. u.a. Barudio 1994; Brunkhorst 1994; Walther 1994a; Walther 1994b). Schon seit Mitte der 1980er Jahre ließ sich in der westdeutschen Frankfurter Allgemeinen Zeitung eine Politisierung des Feuilletons beobachten (vgl. Claussen 1991). 1986 warnte der Historiker Karl Friedrich Bracher eindringlich vor dem "Modewort Identität" und dem "künstlichen Ton" in vielen "Identitätsbeschwörungen" (Walther 1994b). Der Historiker Michael Stürmer hatte drei Jahre zuvor behauptet: "Geschichte verspricht Wegweiser zur Identität, Ankerplätze in den Katarakten des Fortschritts." Der Begriff nationale Identität bahnte sich im Verlauf der 1980er Jahre ihren Weg aus der Geschichtswissenschaft hin zur Politik, er nahm seinen Weg "von den Kathedern durch die Feuilletons bis zur rechten Wand; eine rechtsradikale Postille verschrieb sich, die französische Nouvelle Droite kopierend, mit ihrem Untertitel 'nationaler Identität'." Bereits 1994 gehörte es, so Rudolf Walther weiter, „zur national bis post-links eingefärbten Geschäftsgrundlage, 'kollektive', speziell 'nationale Identität' als normal, selbstverständlich und notwendig sowieso hinzustellen."

Allerdings ist das Konzept der nationalen Identität dem der politischen Kultur diametral entgegengesetzt. Verfechter einer nationalen Identität bzw. Vertreter der Nationalcharakterforschung postulieren kulturelle Konstanten, die gerade von der Political Culture-Forschung widerlegt worden sind (vgl. Almond/Verba 1963; Almond/Verba 1980; Fenner 1991). Der Begriff Identität impliziert ein statisches Moment, das für heutige Gesellschaften nicht mehr angemessen erscheint. Was genau unter dem Begriff nationale Identität jeweils verstanden wird, bleibt außerdem meist im Unklaren. Sicher ist jedoch, so Rudolf Walther, dass "kollektive Identitäten [...] mit Aufklärung und Selbstbewusstsein nichts, mit Feindabgrenzung und Gemeinschaftsträumen viel zu tun" haben. Die Überlagerung von personaler durch nationale Identität kann somit durchaus auf eine Konditionierung des Individuums für fremdbestimmte Zwecke hinauslaufen, die Forderung nach nationaler Identität im Extremfall die Werte der demokratischen Tradition in Frage stellen:

Die Vorstellung, moderne Gesellschaften sollen 'ritualisierte Identitäten' erhalten oder erzeugen wie ehedem Räuberbanden und Regimenter, Clans und Stämme oder Orden und Stände, setzt einen Bruch mit allem voraus, was an universalistischen Rechtsprinzipien denkbar und an demokratischen Traditionen wirklich geworden ist. Die Behauptung 'substantieller Unverzichtbarkeit' 'kollektiver', speziell 'nationaler Identität' ist eine Absage an die Moderne und ihren rechtlichen und ethischen Universalismus. (Walther 1994b)


Die Problematik der 'nationalen Identität' in Deutschland
Während in England und Frankreich mit der Glorious Revolution bzw. der Révolution Française historische Ereignisse stattfanden, die den Grundstein für eine politisch und rechtlich - und gerade eben nicht völkisch - begründete nationale Identität legten, waren es in Deutschland, so Matthias von Hellfeld, „ausschließlich wirtschaftliche Erwägungen, die zu größeren Bünden und Zusammenschlüssen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts führten" (von Hellfeld 1993, 144f.) [1]. Mit der Gründung des Deutschen Reiches 1871 durch Bismarck wurde zunächst der Wunsch nach einer lange herbeigesehnten Einigung Deutschlands erfüllt. Die Enttäuschung über eine als 'nur formal-politisch’ verstandene Einigung verstärkte jedoch die irrationalistische Komponente der deutschen Nationalbewegung (vgl. Mosse 1991). Diese definierte sich nach 1871 als Opposition zur bestehenden Ordnung und nicht als Ausdruck einer historischen Empfindung oder einer politischen Doktrin. Vor 1933 gewann der deutsche Nationalismus seine Explosivität - neben anderen Faktoren - einmal mehr wegen der katastrophalen wirtschaftlichen Lage:

Geschickte Propaganda von rechts nutzte diese Situation und propagierte die Nation als einen über alle Gegensätze hinweg gültigen ethnischen Überbau und Blitzableiter für irdische Unzulänglichkeiten. Nun konnten alle Rückschläge als Angriff auf die Nation umgedeutet werden [...]. An genau dieser Stelle liegt die brisante Gefahr eines Nationalismus, der sich nicht auf gemeinsame historische Ereignisse verbindlich geeinigt hat. In Zeiten wirtschaftlicher Prosperität ist 'die Nation' eher zweitrangig. Geht es wirtschaftlich aber schlecht, kann 'die Nation' mit willkürlich gewählten Inhalten ausgefüllt werden. Im Gegensatz zu Ländern, deren Nationalbewusstsein an einem bestimmten Punkt festgemacht ist und deshalb stabilisiert ist, wird sich je nach Lage der Dinge die 'willkürliche Nation' als transzendentaler Überbau an die bedrohliche Realität anpassen. (von Hellfeld 1993, 147)


Identität im Nachkriegsdeutschland
Nach dem 2. Weltkrieg war die Identifikation mit der nationalstaatlichen Idee aus offen- sichtlichen Gründen versperrt. Die Mehrheit der Deutschen wich daher auf unterschiedliche 'Ersatzidentifikationen' aus. Im Nachkriegs(west-)deutschland bildeten sich die 'Holocaust- identität' und die 'Wirtschaftswunderidentität', wobei die Träger der erstgenannten die Intellektuellen waren [2]. Berhard Giesen schreibt dazu: „Die Intellektuellen waren sich sicher: Erst und nur durch den Bezug auf den Holocaust konnte nationale Identität gefunden werden [...]" (Giesen 1993, 237). Zur Entwicklung der ‚Wirtschaftswunderidentität’ merkt er an: "Wenn Nationalstolz auf Geschichte und Politik offensichtlich schwer fiel und wenn die kulturelle Definition des Nationalen die Bewältigung der Vergangenheit versuchte, anstatt das Erreichte zu überhöhen, dann blieben - neben dem Sport - nur die 'unbestreitbaren' Wirtschaftserfolge der neuen Bundesrepublik, um sich mit der Gegenwart der Nation zu versöhnen und kollektive Identität für die Mehrheit, die sich nicht dem Bildungsbürgertum zurechnete, zu konstruieren." (Giesen 1993, 240)
        Das Bewusstsein der bundesdeutschen Mehrheit war zunächst von den wirtschaftlichen Erfolgen der neuen Republik geprägt. 'Wir sind wieder wer!' war anfangs auf den erstaunlichen Wiederaufbau bezogen. Die Westdeutschen waren stolz auf neu erworbenen Reichtum, auf Mobilität und Amerikanisierung des Lebens. Ihre Identität entsprang wieder der ökonomischen Realität ihres Landes.
        Trotz aller Unterschiede zwischen 'Holocaust-' und 'Wirtschaftswunderidentität' war man sich insofern einig, die jeweilige Identität nicht auf die Nation zu beziehen. Dieser stille Konsens verschwand im Laufe der 1980er Jahre zunehmend.[3] Man besann sich wieder - auch in der DDR - auf das 'kulturelle Erbe', an dem man die 'nationale Identität' festmachen wollte. Die deutsche Wiedervereinigung von 1989/90 schließlich veränderte die "Spannung zwischen Kultur und Macht, zwischen Holocaustidentität und Wirtschaftswunderidentität auf [so] grundlegende Weise", dass „im Strudel des deutschen Vereinigungsprozesses die Trennungslinien [verschwammen], die dem Gegensatz zwischen der Holocaustidentität und der Wirtschaftswunderidentität Kontur und Fundament verliehen hatten. Die Codierungen nationaler Identität wechselten die Trägergruppen." (Giesen 1993, 250)

Erneute Forderung nach 'nationaler Identität'
Der mehrheitliche Konsens, die 'nationale Frage' im Hintergrund zu halten, zerbrach in der Bundesrepublik in den 1980er Jahren. Seither wurde nicht nur von Rechtsextremisten verstärkt auf die "fehlende nationale Identität" hingewiesen. Der Rheinische Merkur forderte ausgerechnet am 9. November 1985, dem Jahrestag sowohl der gescheiterten Revolution von 1918 als auch der Pogromnacht von 1938, die Bürde des Nationalsozialismus abzuschütteln: "Gebeutelt von der Geschichte dieses Jahrhunderts und ewig zur Rechenschaft gezogen von der eigenen Intelligenzia verkriecht sich der deutsche Zeitgenosse gerne unter den Wellen seiner regionalen Heimat und dem Genuß flüchtiger materieller Werte. Man hat uns zur Ängstlichkeit konditioniert in nationalen Dingen und bei der Suche nach Deutschland." (zit. n. von Hellfeld 1993, 149)
        Die Forderung nach nationaler Identität geht seit der Wiedervereinigung einher mit der Forderung einer Normalisierung Deutschlands. Nach 1989 - so dachten viele - „könne man sich doch wieder zu einem 'gesunden Nationalismus', einem 'geläuterten Patriotismus' bekennen und gleichzeitig auch das Ende der Erinnerung an den Nationalsozialismus einläuten" (von Hellfeld 1993, 151). Für diese „Normalisierung" - von manchen auch als das Ende der „Schamkultur" bezeichnet - waren allerdings Eingriffe in die Geschichtsrezeption nötig. Von Hellfeld konstatiert folgende Zusammenhänge: "Die Entsorgung der nationalen Geschichte um Hitler und Auschwitz ist die Voraussetzung für den vielzitierten aufrechten Gang und der wiederum ist notwendig, um die 'verhinderte Nation' nachzuholen." (von Hellfeld 1993, 151) Ein bedeutender Schritt zur Entsorgung des schwierigen Erbes wurde im Historikerstreit vollzogen.
 

Vorspiel 2: Geschichtsrevisionismus im Historikerstreit (1986)

Ausgangspunkt des Historikerstreits waren die Römerberggespräche im Juni 1986 in Frankfurt. Ausgelöst wurde der Streit durch eine nichtgehaltene Rede des Historikers Ernst Noltes, die in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung unter dem Titel „Vergangenheit, die nicht vergehen will" abgedruckt wurde. Darin fragte Nolte, ob Auschwitz wirklich „singulär", also einmalig, ohne Vorbild und Nachahmung in der Weltgeschichte gewesen sei. Nolte machte sich auf die Suche nach - wie er meinte - "vergleichbaren" Taten anderer Völker und entwickelte die These vom „kausalen Nexus" zwischen dem sowjetischen Archipel Gulag und Auschwitz. In Noltes Text wurden die nationalsozialistischen Verbrechen mit der in Fragen eingekleideten These relativiert, daß der Archipel Gulag „ursprünglicher" als Auschwitz und der „Klassenmord" der Bolschewiki zeitlich vor dem „Rassenmord" der Nationalsozialisten gewesen sei. Hitler habe seine „asiatische Tat" vielleicht nur deshalb begangen, weil er sich als potentielles Opfer einer früheren „asiatischen Tat" betrachtet habe. Neu bewertet wurden auch die Gründe für den Beginn des Zweiten Weltkriegs. Nicht die deutschen Eroberungspläne in Osteuropa ('Volk ohne Raum') mit der anschließenden Versklavung der slawischen Bevölkerung ('Untermenschen') seien ausschlaggebend gewesen. Vielmehr habe Stalin im hochgerüsteten Deutschland und dem kriegslüsternen Hitler eine willkommene Gelegenheit gesehen, seine eigenen Expansionsabsichten zu verwirklichen und habe den deutschen Angriff geradezu herbeigesehnt, um endlich selbst „losschlagen" zu können.
        Damit war die Schuld am Zweiten Weltkrieg, der 55 Millionen Menschen das Leben kostete und weitere 50 Millionen an Leib und Seele schwer beschädigte, obdachlos machte oder aus der Heimat vertrieb, zumindest halbiert. Auch die Hauptfiguren, Stalin und Hitler, wurden in eine „kausale Beziehung" zueinander gesetzt. Der Urheber der „Klassenfeindvernichtung" sei nicht nur die personifizierte Bedrohung Europas gewesen, sondern auch Hitlers Vorbild. Der Holocaust sei „nur" die Nachahmung jener Herrschaftsmethode gewesen, mit der Stalin seine Macht über Jahre gesichert habe.
        Dieser so definierte „kausale Nexus" brachte Nolte und andere Historiker zu der These: Ohne Bolschewismus kein Nationalsozialismus, ohne Stalin kein Hitler, ohne Archipel Gulag kein Auschwitz (vgl. Historikerstreit 1987; Oesterle/Schiele 1989). Das Ziel dieser Argumentation war leicht zu durchschauen: „Verlagerte man," so von Hellfeld, „die Verantwortlichkeit für das europäische Desaster auf den eigentlichen Urheber, nämlich Stalin, minderte man die Schuld der Deutschen. Gelang es ferner, Stalin als Mentor Hitlers darzustellen, konnte auch dessen Verantwortlichkeit relativiert oder entschuldigt werden. Der bis dahin zur Unperson stilisierte 'Führer' sollte in anderem Licht erscheinen und damit auch die Zustimmung, die es zu ihm und seiner Politik in Deutschland jahrelang gegeben hatte." (von Hellfeld 1993, 130)

Zwar gehörten die an diesem „Entlastungsversuch" beteiligten konservativen Historiker, so von Hellfeld, „keinesfalls ins rechtsextreme Lager, dennoch oder gerade deshalb erzielten sie fatale Wirkung. Ihre Argumentation überschritt bis dahin gültige Hemmschwellen und leistete der beschönigenden, ja rechtfertigenden Geschichtsbetrachtung Vorschub" (ebd.). Der Historikerstreit verursachte, so Wolfgang Kraushaar, "zweifelsohne [...] die größte intellektuelle Irritationserfahrung in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre, [denn] er rührte an die geistigen Wurzeln der alten Bundesrepublik [...]" (Kraushaar 1993).
        Dennoch war kein einziges Argument der Revisionisten neu, keine ihrer Denkfiguren originell. Claus Leggewie schrieb 1987: „Auch Ernst Nolte hat bei einem auf dem Bänkchen gesessen, der die Kritik der Vergangenheitsbewältigung schon seit über zwanzig Jahren betreibt: bei Armin Mohler. In seinen beiden Büchern von 1965 (Was die Deutschen fürchten) und 1968 (Vergangenheitsbewältigung) sind alle Topoi und Thesen aufgereiht, die 1986 für Furore gesorgt haben, ohne dass sich viele an diese Urquelle erinnert haben." (Leggewie 1987, 205) Die Bedeutung des Historikerstreits liegt somit darin, dass hier zum ersten Mal Denkfiguren und Thesen in einer öffentlichen Debatte geäußert wurden, die bis zu diesem Zeitpunkt vor allem rechtsintellektuellen und -extremen Kreisen vorbehalten waren. Gegen Ende der 1980er Jahre verzierte das Thema der 'nationalen Identität' bereits „die Bonner Rhetorik mit schillernden Schaumkronen" (Leggewie 1987, 209). Sogar „Helmut Kohl und Franz Josef Strauß fordern [...] regierungsamtlich, was Armin Mohler und [...] Helmut Diwald seit langem propagiert haben, dass die Deutschen 'aus dem Schatten Hitlers heraustreten' und eben einen 'Schlussstrich' ziehen sollen [...]."(ebd.)
        In diesem Sinne passte der Historikerstreit vom Juni 1986 in den konservativen Zeitgeist, der durch die Neubewertung der deutschen Geschichte den angeblichen Verlust eines stabilisierenden historischen Bewusstseins ausgleichen und patriotische Identitätsgefühle stiften wollte.
 

Halbzeit & Zwischenspiel: Kulturelle Wende nach rechts? (1993ff.)

Die umstrittene Selbstoffenbarung des Schriftstellers Botho Strauß im Spiegel Anfang 1993 als "Rechter in der Richte" gaben Anlass zu der Frage, ob es in Deutschland eine 'Neue Rechte' im Stil der französischen Nouvelle Droite zu vermuten gäbe. Dies zwar verneinend, stellte Micha Brumlik jedoch fest, dass, sobald der Blick zum organisierten Rechtsextremismus aufgegeben werde, sich eine "überraschend differenzierte Landschaft konservativen bis rechten Denkens [öffnet], das längst in der Mitte angekommen ist". So tummelten sich in dieser Landschaft ein "Konglomerat von irrationalistischen Aufklärungskritikern, nur scheinbar nüchternen Nationalisten, gehobenen Geschichtsrevisionisten und abgeklärten Ex-Linken" (Brumlik 1993).
Zur Debatte standen 1993 nicht nur der "Anschwellende Bocksgesang" von Botho Strauß, sondern auch die im Suhrkamp Verlag erschienenen Essays von Hans Magnus Enzensberger (Aussichten auf den Bürgerkrieg) und Peter Sloterdijk (Versuch über die Hyperpolitik) [4]. Drei Jahre zuvor hatte es eine ähnliche Diskussion anlässlich der Publikation eines Buches von Hans Jürgen Syberberg gegeben. Ausgelöst wurden die heftigen - Diskussionen in Zeit und Spiegel durch einige angeblich in den Texten geäußerten 'rechte Tendenzen'.

"Anschwellender Bocksgesang": Botho Strauß, der „Rechte von ganzem Wesen"
Strauß empfindet im „Anschwellenden Bocksgesang" die gegenwärtige Gesellschaft und ihr System als 'blutleer', der „Demokratismus" sei, so Strauß, im Grunde ein „Ökonomismus", dieser wiederum nichts weiter als „ein kybernetisches Modell, ein wissenschaftlicher Diskurs". Er suggeriert einen allgemeinen Verfall der Sitten in der liberalen oder demokratischen Gesellschaft, wenn er behauptet: „Dass ein Volk sein Sittengesetz gegen andere behaupten will und dafür bereit ist, Blutopfer zu bringen, das verstehen wir nicht mehr und halten es in unserer liberal-libertären Selbstbezogenheit für falsch und verwerflich."
        Der Dichter entdeckt eine „niedergehende Gesellschaft", in ihr die „erstickende, satte Konvention des intellektuellen Protestantismus". Er beklagt den Verlust und die Zerstörung von 'echten' Werten und macht dafür das politische ('libertäre') System verantwortlich: „Die Hypokrisie der öffentlichen Moral, die jederzeit tolerierte (wo nicht betrieb): die Verhöhnung des Eros, die Verhöhnung des Soldaten, die Verhöhnung von Kirche, Tradition und Autorität, sie darf sich nicht wundern, wenn ihre Worte in der Not kein Gewicht mehr haben." Schuld an allem seien die Intellektuellen, die eine multikulturelle Gesellschaft vorantrieben: denn sie „sind freundlich zu Fremden, nicht um des Fremden willen, sondern weil sie grimmig sind gegen das Unsere und alles begrüßen, was es zerstört". Botho Strauß bezeichnet sich selbst als 'rechts' und liefert im selben Atemzug seine Definition dieser Bezeichnung: „Rechts zu sein, nicht aus billiger Überzeugung, aus gemeinen Absichten, sondern von ganzem Wesen, das ist, die Übermacht einer Erinnerung zu erleben, die den Menschen ergreift, weniger den Staatsbürger, die ihn vereinsamt und erschüttert inmitten der modernen, aufgeklärten Verhältnisse, in denen er sein gewöhnliches Leben führt."
        Hier taucht der alte Topos vom Gegensatz zwischen 'Gesellschaft' ("Staatsbürger") und 'Gemeinschaft' ("Mensch") auf, mit dem schon Ferdinand Tönnies die demokratische Ordnung seiner Zeit angegriffen hatte. Die heroische Abwendung vom „Staatsbürger" hin zum ganzen Menschen ist für Botho Strauß ein „Akt der Auflehnung: gegen die Totalherrschaft der Gegenwart, die dem Individuum jede Anwesenheit von unaufgeklärter Vergangenheit, von geschichtlichem Gewordensein, von mythischer Zeit rauben und ausmerzen will. [...] Die rechte [Phantasie] ist immer [...] eine Phantasie des Verlustes [...]. Eine Phantasie also des Dichters [...]." Der Akt der Auflehnung ist für Strauß ein heroischer, denn: „Der Rechte in der Richte - [ist] ein Außenseiter". Strauß sieht sich umzingelt von "gewitzten und zerknirschten Gewissenswächtern", die Denkverbote erlassen hätten. Als „Gewissenswächter" bezeichnet er die Linken, denn „bei uns ist links nach wie vor dort, wo sich die kulturelle Mehrheit befindet". In seiner Forderung nach der erneuten „protopolitischen Initiation" bemerkt er am Rande, dass Rassismus und Fremdenfeindlichkeit eigentlich einen 'positiven' Ursprung hätten: es seien „'gefallene' Kultleidenschaften, die ursprünglich einen sakralen, ordnungsstiftenden Sinn hatten." [5] Elitäres Denken zeigt sich, wenn Botho Strauß auf das zu sprechen kommt, was er am meisten verabscheut: „Was sich stärken muss ist das Gesonderte. Das Allgemeine ist [...] schwächlich [...]. Wenn man nur aufhörte, von 'Kultur' zu sprechen, und endlich kategorisch unterschiede, was die Masse bei Laune hält, von dem, was den Versprengten (die nicht einmal eine Gemeinschaft bilden) gehört, und das beides durch den einfachen Begriff der Kloake, des TV-Kanals für immer getrennt ist..."

Der Fachdienst Germanistik zählte allein bis April 1993 unter dem Titel „Das anschwellende Echo des Bocksgesangs" 22 Reaktionen auf Strauß' Spiegel-Essay vom Februar 1993. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung begnügte sich mit einer vernichtenden Stilkritik und beschied dem Autor: "Es reicht nicht zum Außenseiter". Für Peter Glotz (SPD) war Strauß "ein gefährlicher Wirrkopf" (Wochenpost), und die taz-Chefredakteurin Elke Schmitter ermahnte den Dichter frei nach Karl Valentin: "Demokratie ist schön. Macht aber viel Arbeit" (Hage 1993, 141). Und Ulrich Greiner fragte alarmiert in der Zeit: „Wo stehen die richtigen Rechten?" (Greiner 1994)

HJ Syberberg - das "Glück Deutschlands"
In seinem 1990 beim Matthes & Seitz Verlag publizierten Buch Vom Unglück und Glück der Kunst in Deutschland nach dem letzten Kriege macht der Filmregisseur und -produzent Syberberg - anders als der eher sibyllinische und vieldeutige Strauß - eine Verschwörung von Linken und Juden für das „Unglück Deutschlands nach dem Kriege" verantwortlich:

Was auch die Kunst in Deutschland nach dem letzten Kriege jagte, war der Fluch der Schuld, die sich als Werkzeug der Einschüchterung von links anbot, da sich die Linken als schuldfrei verstanden und weil Hitler die Juden verfolgt hatte, nun in unseliger Allianz einer jüdisch linken Ästhetik gegen die Schuldigen bis zur Langeweile und alles kulturelle Leben lähmenden Lügen, so daß die Schuld zum phantasietötenden Geschäft werden konnte, nicht mehr befruchtend, sondern hemmend, als Kriterium des Machens und des Publikums, und daß die anscheinend glückliche Befreiung von der Diktatur die Linken brauchte von seiten der Juden und die Juden brauchte von seiten der Linken im Europa des Westens. [...] Wer mit den Juden ging wie mit den Linken, machte Karriere, und hatte es nicht unbedingt mit Liebe oder Verständnis oder gar Zuneigung zu tun. Wie konnten die Juden das ertragen, es sei denn, sie wollten nur Macht. (Syberberg 1990, 14)
Syberberg bedeutet dem Leser, daß mit dem "Führungsanspruch der bisherigen Ästhetik" Schluß sein müsse. Sie sei nämlich eine "Ästhetik des Kleinen, Schmutzigen, Kranken [...]. Das auffälligste Kriterium der heutigen Kunst ist die Bevorzugung des Kleinen, Niedrigen, der Verkrüppelung, des Kranken, des Schmutzes vor dem Glanz; des Unten, als Strategie von unten (Alexander Kluge) mit dem Lob der Feigheit, des Verrats, der Verbrecher, der Huren, des Hasses, der Häßlichkeit, der Lüge und Verbrechen, von Unnatürlichkeit, Vulgarität usw.".
Ein Umsturz der Werte sei fällig. Statt Sozialismus und Kapitalismus sollte es jetzt wieder 'Heimat, Reich, Nation, Provinzen, Deutschland' heißen. Auch bei Syberberg taucht die Sehnsucht nach einer 'einenden Gemeinschaft' auf, die eine organische Gemeinschaft von Volk, Staat und Natur bezeichnet. Die Ästhetik könne endlich zurückkehren „zu alten Positionen, die nun wieder möglich sind". Unter 'alten Positionen' versteht Syberberg das Ideal der "Schönheit", das seit dem Nationalsozialismus mit einem Tabu („Ästhetisierungsverbot") belegt worden sei, sowie das Ideal der „ländlichen Kultur". Deutschland könne endlich zurückkehren zu seiner ursprünglichen 'Identität', es solle wieder ein 'normales Land' werden, ein „Land wie eins unter den anderen".
        Im Vorwort schreibt Syberberg, daß Freunde und der Verleger nach der ersten Lektüre des Manuskriptes „zu einem offenen und klaren Bekenntnis zu H. als Massenmörder (raten) und, daß alles falsch sei von Grund auf in Geschichte und Kunst, was er je getan oder veranlaßt." Mit einem aufseufzenden „Also denn" bequemt sich Syberberg zu der Feststellung: „Ich halte ihn (Hitler) für ein genialisches Medium des Weltgeistes, in einem dämonischen Interesse dieses technischen Jahrhunderts der Massenbewegungen". Auschwitz als Séance des Weltgeistes, der sich dazu eine Genie als Medium aussuchte - „grausiger kann man," so Hellmuth Karasek, "kaum verrückt sein" (Karasek 1990, 240). Doch für diejenigen, die Hitler als weniger genialisch empfinden, hat Syberberg auch eine Antwort parat. Er dreht den Spieß einfach um: „H. wäre ohne Demokratie nicht an die Macht gekommen, und Auschwitz ist ihr Preis". Auf gut deutsch heißt das: Der Ermordete ist selber schuld. Syberberg schreibt vom „Mafia-System der demokratischen Lebenslüge", er ist überzeugt, daß Adorno, Bloch, Benjamin, Kracauer, Marcuse für eine Kunst gesorgt hätten, die die „Verkrüppelung der Herrenmenschen" zur Folge gehabt hätte.

Veröffentlicht wurde Syberbergs Buch bei Matthes & Seitz, einem Verlag, der sich durch die Publikation neuerer französischer Philosophie einen Namen gemacht hatte - allerdings auch durch einige rechtslastige Schriften. Schon 1984 erschien dort der von Gerd Bergfleth herausgegebene Sammelband Zur Kritik der palavernden Aufklärung. Das Buch setzte dem „heimatlosen Juden" und der „Aufklärungsmafia" einen "gesunden Patriotismus" entgegen, skandierte 'Wir haben das liberale oder linke Gejammer satt' und sprach von der "zurück- gekehrten deutsch-jüdischen Intelligenz, die eine letzte Chance erhielt, Deutschland nach ihren weltbürgerlichen Maßstäben umzumodeln - ein Prozeß, der so vollständig gelang, daß für zwei Jahrzehnte von einem eigenständigen deutschen Geist nicht mehr die Rede war." (Bergfleth 1984). Mit Syberbergs Buch setzte der Verlag Matthes & Seitz seine rechtslastige Tradition fort. (vgl. Diederichsen 1993, 123) [6]

"Geistige Mobilmachung?"
Botho Strauß, der „Rechte in der Richte", klagte für sich das 'Recht des Dichters' ein. Die Sphäre der Kunst folge anderen Kriterien, die nicht denen der Politik entsprechen müssten. Es gibt denn auch, so formulierte Rüdiger Safranski in der Zeit zu Recht, in der Kunst eine "Gewissenlosigkeit, eine Verlorenheit ins Spiel, ein Verlangen, in den eigenen Bildern zu verschwinden. Eine metaphysische Obsession, einen Vorbehalt gegen die Welt. Darin liegt auch ihr ekstatisches Moment. Das Ekstatische läßt sich natürlich nicht in die Pflicht nehmen von irgendeiner Moral, schon gar keiner politischen. Kunst ist extrem, sie verliert, wenn sie nach dem Konsens Ausschau hält." (Safranski 1995, 39) [7]
        Durch die Veröffentlichung seines „Bocksgesanges" als ‘politischer Essay’ im Spiegel hatte sich Botho Strauß jedoch bewußt in einen explizit politischen Kontext begeben. Politik ist aber – im Gegensatz zur Kunst – ein „Geschäft der Konsensbildung" (Safranski 1995, 39):

Eine Sache ist es, sich dem Labyrinth auszusetzen, und das darf einer nur als Einzelner und Einsamer; eine andere ist es, sich auf den Marktplatz zu begeben. Wer auf dem Marktplatz spricht, hat sich um Verständlichkeit zu bemühen, und er tut nicht gut daran, denjenigen, dem er sich nicht verständlich machen konnte, einen 'Idioten, Barbaren oder politischen Denunzianten' [...] zu nennen. Er täte besser daran zu bedenken, wo er spricht und zu wem. (Greiner 1994)
Offensichtlich erreichten Strauß’ Worte letztendlich aber doch die Richtigen. Ermutigt von der Selbstoffenbarung des Dichters veröffentlichte der Ullstein-Verlag Ende 1994 den Sammelband: Die selbstbewußte Nation. Anschwellender Bocksgesang und weitere Beiträge zu einer deutschen Debatte, dessen Tenor eine erstaunliche Nähe zu einschlägigen Publikationen der "Neuen Rechten" erkennen liess. Der „Bocksgesang" stellte für die Herausgeber einen „Markstein" bei der Suche nach einer neuen Orientierung deutscher konservativer Intellektueller dar. [8] Mit Blick auf die Aktivitäten des Verlages Matthes & Seitz, des Ullstein- und des Siedler Verlages konstatiert Brumlik, daß sich eine „unauffällige Kulturrevolution" ereignet habe, „die ohne offenen Bezug zum Parteienspektrum rechts von Helmut Kohl ein reaktionäres Denken [...] propagiert" (Brumlik 1993). Drei Stufen „geistiger Mobilmachung" ließen sich erkennen:
Da ist erstens ein prinzipieller fortschrittskritischer Pessimismus, der - anders als noch bei den Autoren der ‘Dialektik der Aufklärung’ oder bei Walter Benjamin - durch keinerlei Idee der Versöhnung mehr in Bewegung gehalten wird und somit nur noch heroischen Realismus aufbieten kann. Da findet sich zweitens eine bald bitter, bald schmerzlich vorgetragene Verabschiedung des moralischen Universalismus und der Menschenrechte, verbunden mit der Bescheidung aufs Eigene, in diesem Fall die deutsche Nation. Da meldet sich drittens eine geschichtsphilosophisch gestimmte Verhöhnung der parlamentarischen Demokratie, verbunden mit der offensiven Beschwörung atavistischer Lebensformen. (Brumlik 1993)
Gerade die Kombination dieser aufeinanderfolgenden Stufen ist jedoch brisant. Während eine pessimistische Grundhaltung „nicht automatisch nach rechts" tendiert, sondern auch einen „humanen Konservatismus" instrumentieren kann, stellt, so Brumlik weiter, die „Verbindung von Pessimismus und moralischem Partikularismus" bereits die Mittel für einen „rücksichtslos egoistischen Nationalismus" bereit, der beliebig pazifistische oder imperiale Motive beleihen kann. Die „Verhöhnung der parlamentarischen Demokratie" schließlich „widerruft Moderne wie Individualität und empfiehlt geschlossene Lebensformen auch im Inneren heutiger Gesellschaften". Was diesem hochbrisanten Gemisch fehlt, um zur zeitgemäßen Variante eines weichgespülten Faschismus zu werden, ist, folgt man Brumlik, „lediglich ein politisch aufgeladenes Freund-Feindschema. Insofern stehen die heutigen Jünger von Burkes Konservatismus, Gehlens illiberalem Institutionalismus und Heideggers Volksfrömmigkeit Schreibmaschine bei Fuß." (Brumlik 1993)
 

Nachspiel: "Deutsche Leitkultur" (2000)

Dein Christus: ein Jude, Dein Auto: ein Japaner, Deine Pizza italienisch, Deine Demokratie griechisch, Dein Kaffee brasilianisch, Dein Urlaub türkisch, Deine Zahlen arabisch, Deine Schrift lateinisch. Und Dein Nachbar nur ein Ausländer? (<http://www.leitkultur.de>, 2000)
Im Rahmen der Ende Oktober 2000 entbrannten Zuwanderungsdebatte sagte der CDU- Fraktionsvorsitzende Merz, dass sich Zuwanderer in Deutschland einer "deutschen Leitkultur" anpassen müssten. Günther Beckstein von der bayrischen CSU stiess ins selbe Horn: "Die deutsche Leitkultur muss bei unseren ausländischen Mitbürgern entsprechende Akzeptanz finden." Zeitgleich machte das unsägliche Wort vom ‘Nutzen’ und ‘Ausnutzen’ die Runde: "Wir brauchen weniger Ausländer, die uns ausnützen, und mehr, die uns nützen" (Beckstein).
Seither hagelt es Kritik. Der Begriff der „Leitkultur" sei missverständlich, oberflächlich, ungenau, gewollt unklar. Die Formulierung, so der FDP-Vizevorsitzende Rainer Brüderle, suggeriere einen „Überlegenheitsanspruch", den es nicht gebe. Sie enthalte eine „falsche Botschaft", kritisierte auch die Grünen-Vorsitzende Renate Künast. Der PDS-Politiker Gregor Gysi bezeichnete den Begriff sogar als „gefährlich": In Anbetracht der deutschen Geschichte gelte es, jede Formulierung zu vermeiden, „die auch nur zu der Assoziation führen kann, dass irgendetwas am deutschen Wesen genesen soll". Paul Spiegel, Vorsitzender des Zentralrates der Juden in Deutschland, verlangte in seiner Rede zum 9. November ein Ende des "verbalen Zündelns". Der Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, Harald Ringstorff (SPD), sagte, der Begriff sei „nicht hilfreich". Und Bischöfin Jepsen bekam umgehend „Magenschmerzen". Fernsehmoderator Günther Jauch bemerkte beim Empfang im Amerika-Haus anlässlich der Wahl des US-Präsidenten: "Hier sind wir zu Besuch bei unserer Leitkultur." Und der deutsche Aussenminister Joschka Fischer fragte gehässig: "Steht Entenhausen für die deutsche Leitkultur oder zählt das schon zur amerikanischen Überfremdung?"

In einer Zeit, in der in Deutschland Brandsätze auf Synagogen geworfen, jüdische Friedhöfe geschändet, Ausländer auf den Straßen verprügelt oder gar getötet werden, wäre eine für den Wahlkampf instrumentalisierte Debatte um Einwanderung und Leitkultur „fatal", so Julius H. Schoeps, Direktor des Moses-Mendelssohn-Zentrums für europäisch-jüdische Studien in Potsdam. „Einwanderung als Wahlkampfschlager würde diese Anschläge sanktionieren." (Schoeps 2000)
        Es ging Merz mit der Rede von der „Leitkultur", so der Publizist und Autor Rafael Seligman, „um das gezielte Streuen eines Subtextes" (Seligman 2000). Die „kaum getarnte Botschaft lautet: Wir Deutschen lassen uns von den Ausländern nicht unsere deutsche Kultur kaputtmachen und eine neue vorschreiben. Der ‘Stammtisch’, auf dessen Stimmen Friedrich Merz zählt, versteht." (ebd.) Diese Methode ist indessen nicht neu. Anfang der 1990er Jahre „hetzten viele Unionspolitiker gegen die ‘multikulturelle Gesellschaft’. [...] Die Kampagne hatte rasch Erfolg. Sie rührte Ressentiments der Bevölkerung an. Das ‘Ausländerproblem’ wurde zur Hauptsorge der Deutschen." [9] (ebd.). Das Grundrecht auf Asyl wurde 1993 de facto abgeschafft. Die Union gewann die Wahlen. Eine andere erfolgreiche Unions-Offensive war die Aktion gegen die doppelte Staatsbürgerschaft in Hessen 1999. In der heißen Phase des Wahlkampfs hatte die Unterschriften-Aktion vor allem den Zweck, Ängste und Ressentiments der deutschen Bevölkerung zu wecken. Die Rechnung ging auf.
        Und jetzt vergießt die Union, so Seligman, gemeinsam mit den anderen demokratischen Parteien „bittere Tränen über ausländerfeindliche Übergriffe und Verbrechen in den neuen und alten Bundesländern." Man beklagt die Zunahme von Jungwählern für rechtsradikale Parteien. Die Demokraten erwägen, die NPD verbieten zu lassen. Was nützt jedoch das Klagen, „wenn man selbst die Ressentiments schafft, die eine rechte Stimmung erzeugen?" (Seligman 2000)

Wie am Anfang bereits angedeutet, ist der ‘Balkan’ nicht das Andere des Westens. Vielmehr sind die vom Westen auf dem fernen ‘Balkan’ konstatierten ‘Atavismen’ nur das, was den Westen selbst strukturiert, sein eigenes Phantasma, seine eigene, innerste, verdrängte, vulgäre Kehrseite. Ein hier wie dort funktionierender Mechanismus einer wilden Phantasmatik, ein fast schon universelles Genießen, eine fast schon allgemeingültige Vulgata.

Berlin, im April 2001
 
 

Fußnoten:

1  Dem muss allerdings in Bezug auf die frühe deutsche Nationalbewegung widersprochen werden. Diese bildete sich ursprünglich als Widerstand gegen Napoleon, und formierte sich im Vorfeld von 1848. Mit dem Scheitern der Revolution von 1848 gerieten die Ideale dieser frühen Nationalbewegung in Vergessenheit.
2  Für die Sowjetische Besatzungszone (SBZ) bzw. die DDR wäre analog die ‘Antifaschismusidentität’ zu untersuchen und auch, inwieweit diese von oben verordnet wurde.
3  Die Entwicklungen in der Bundesrepublik und in der DDR laufen diesbezüglich parallel: Seit 1986 orientierte sich die Kultur der DDR, auf einen Parteitagsbeschluß der SED hin, stärker am "bürgerlich-humanistischen Erbe" Deutschlands. In den Vordergrund rückte eine "kritische Aneignung der bürgerlichen Klassik", eine stärkere Bezugnahme auf das "Erbe Preußens", Luthers und Bismarcks (vgl. Giesen 1993, 254).
4  Verbittert von der Endlichkeit und Relativität der menschlichen Handlungsmöglichkeiten setzt Hans Magnus Enzensberger am Ende der Aussichten auf den Bürgerkrieg auf den Rückzug aufs Nationale. Peter Sloterdijk erklärt in seinem Buch die Weltgeschichte als pathologische Abweichung vom natürlichen Weg ursprünglicher (protopolitischer) Hordenkulturen. Bei so großer Distanz zum irdischen Geschehen verwundert freilich, wie viel Verständnis der Autor für die 'konservativen Revolutionen' der europäischen Zwischenkriegszeit, also für die österreichische Heimwehr, die eiserne Garde Rumäniens, die Action Francaise und die bayrische NSDAP aufbringt.
5  Strauß bemüht außerdem die Ökologie als Begründung für die notwendigen gesellschaftlichen, moralischen und kulturellen Veränderungen. Auch im Rahmen neurechter bzw. rechtsextremer Vorstellungen werden ökologische Themen bzw. ökologische Argumentationen zur Begründung der Notwendigkeit von radikalen Veränderungen herangezogen. Dehnt man den Begriff 'Ökologie' über den Schutz natürlicher Ressourcen aus, komplettiert ihn mit politischen, ethnischen und kulturellen Zielvorgaben, so ist - im schlimmsten Fall - eine 'ökologische' Argumentation für Maßnahmen zur "Ausländer-Rückführung" hergeleitet (vgl. von Hellfeld 1993, im besonderen die Kapitel "Ökologie von rechts" und "Umweltschutz ist Menschenschutz ist Völkerschutz", S. 51 - 53).
6  Diederichsen weist besonders auf den seit 1987 jährlich erscheinenden Verlagsalmanach Der Pfahl - Jahrbuch aus dem Niemandsland zwischen Kunst und Wissenschaft hin.
7  Strauß’ Phantasie sei, so schrieb auch Ulrich Greiner, eine Phantasie, „die sich nicht gemein macht mit politischen Absichten, sondern die, einsiedlerisch und aufs Besondere versessen, den Dunkelheiten des Menschen nachsinnt. [...] Der Verdacht gegen das Geläufige und Gemeinverständliche, gegen den 'kollektiven Befindlichkeitsstrom' ist ein notorisches Motiv seines [Strauß’] Denkens [...]: ein Denken gegen den Konsens, ein Denken im Ausnahmezustand. Wer, um Carl Schmitt zu paraphrasieren, den intellektuellen Ausnahmezustand bestimmen kann, ist souverän." (Greiner 1994).
8  Der Klappentext informiert freimütig über die Ziele des Buches: Es geht „um die Standortbestimmung der demokratischen Rechten, um die notwendige Kritik des Feminismus, um die Renaissance der Geopolitik [...], um die nationale Identität und um die Kritik des freiheitsgefährdenden Liberalismus - und schließlich um das Versagen der alten Eliten, die das Konzept einer wehrhaften Demokratie verdrängt haben. Philosophische Beiträge über den Verlust der Transzendenz, die Auflösung traditioneller Wertbindungen und die Notwendigkeit einer Wiederentdeckung verdrängter Traditionsbestände in Dichtung und Religion führen diese Gedanken fort [...], so dass der Band als Manifest der konservativen Intelligenz in Deutschland gelten kann." (Schwilk/Schacht 1994).
9  In ätzendem Tonfall schreibt Seligman über die diesbezügliche Doppelmoral: "So eng war das nicht gemeint. Selbstverständlich erfreuten sich die Damen und Herren an den Bildern von Tizian, Rembrandt, Monet, Chagall, sie lasen Shakespeare, Puschkin, sie lauschten weiter der Musik von Bizet, ja sogar von Louis Armstrong. Sie kleideten sich in italienisches Tuch, tranken französische Weine und aßen beim Japaner. Diese toleranten Menschen wollten indessen nicht allzu viele Türken in Deutschland sehen und schon gar keine Asylsuchenden." (Seligman 2000)
 
 

Literatur:

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Micha Brumlik 1993: Bildungsbürger auf dem Weg nach rechts. Anmerkungen zu H.M.
        Enzensberger und Peter Sloterdijk. In: Freitag 1993
Hauke Brunkhorst 1994: Eine schaurige Debatte. Deutsche Philosophen äußern sich zur Frage
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Detlev Claussen 1991: Im Feuilleton erwacht die Geschichte. In: Die Neue Gesellschaft /
        Frankfurter Hefte, Thema: Konservative Intelligenz, hg. von der Friedrich-Ebert-Stiftung,
        Nr. 8, S. 708
Diedrich Diederichsen 1993: Spirituelle Reaktionäre und völkische Vernunftkritiker - Nach der
        Wende: Syberberg und Foucaults falsche Freunde. In: Ders.: Freiheit macht arm. Das
        Leben nach Rock'n Roll 1990-93. Köln, S. 123
Hans Magnus Enzensberger 1993: Aussichten auf den Bürgerkrieg. Frankfurt a.M. [zuerst in
        Auszügen erschienen unter dem Titel: Ausblicke auf den Bürgerkrieg. In: Der Spiegel, Nr.
        25 / 1993]
Christian Fenner 1991: Politische Kultur. In: Dieter Nohlen (Hrsg.): Wörterbuch Staat und
        Politik. München, S. 510 - 517
Bernhard Giesen 1993: Die Intellektuellen und die Nation. Eine deutsche Achsenzeit.
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Ulrich Greiner 1994: Ein Seher auf dem Markt. Botho Strauß, Ernst Nolte, die FAZ und der
        Rechtsintellektualismus: Wo stehen die richtigen Rechten? In: Die Zeit, Nr. 17, 22. 4. 1994
Volker Hage 1993: Dichter nach der Schlacht. In: Der Spiegel, Nr. 30, S. 141
Matthias von Hellfeld 1993: Die Nation erwacht. Zur Trendwende der deutschen politischen
        Kultur. Köln
Historikerstreit. Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der
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Hellmuth Karasek 1990: Frühling für Hitler? Zu einem Buch des unverbesserlichen Hans
        Jürgen Syberberg. In: Der Spiegel, Nr. 36, S. 240
Wolfgang Kraushaar 1993: Die auf dem linken Auge blinde Linke. In: Die Zeit, Nr.11,
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Claus Leggewie 1987: Der Geist steht rechts. Ausflüge in die Denkfabriken der Wende. Berlin
George L. Mosse 1991: Die völkische Revolution. Frankfurt a.M.
Ernst Nolte 1986: Vergangenheit, die nicht vergehen will. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung,
        13.6. 1986
Klaus Oesterle / Siegfried Schiele (Hrsg.) 1989: Historikerstreit und politische Bildung.
        Stuttgart
Rüdiger Safranski 1995: Die Diener des Gegenglücks. In: Die Zeit, Nr. 2 / 6.1.1995, S. 39
Julius H. Schoeps 2000: Was meint Merz? Für die so genannte "Leitkultur" gibt es keine
        Definition mehr. In: Die Welt 26.10.2000
        <http://www.welt.de/daten/2000/10/26/1026fo198662.htx>
Heimo Schwilk / Ulrich Schacht (Hrsg.) 1994: Die selbstbewusste Nation. Anschwellender
        Bocksgesang und weitere Beiträge zu einer deutschen Debatte. Berlin
Rafael Seligman 2000: "Leitkultur": Das Gesagte ist nicht das Gemeinte. Merz will nicht die
        Kultur retten, sondern mit Ressentiments Stimmen fangen. In: Tagesspiegel, 27.10.2000
        <http://195.170.124.152/archiv/2000/10/26/ak-mn-14288.html>
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