Vorspiel, Zwischenspiel, Nachspiel. Schlaglichter auf
deutsche Debatten
Vom „kausalen Nexus" des Historikerstreits (1986)
zur „deutschen Leitkultur" (2000)
Inke Arns, Berlin
Was man, um zu Ex-Jugoslawien zurückzukehren, in Frage stellen sollte, ist der unschuldige westliche Blick, der die Auflösung als exotisches Schauspiel verfolgt [...]. Das Phantasma, das seine Wahrnehmung organisiert, ist das des ‘Balkans’ als des Anderen des Westens: der Ort wilder ethnischer Konflikte, die Europa längst hinter sich gelassen hat. [...] In Ex-Jugoslawien sind wir nicht verloren aufgrund unserer eigenen Träume und Mythen (die uns daran hindern, die aufgeklärte Sprache Europas zu sprechen), sondern weil wir in Fleisch und Blut dafür zahlen, der Stoff der Träume der anderen zu sein. [...] Weit entfernt, das Andere Europas zu sein, war Ex-Jugoslawien eher das Europa in seinem Anderen, der Schirm, auf den Europa seine verdrängte Kehrseite projiziert und auf dem es sie lebt. (Slavoj Zizek: Liebe Deine Nation wie Dich selbst! In: Lettre International, Nr. 18 / 1992, S. 35)Die vom Westen auf dem fernen ‘Balkan’ konstatierten ‘Atavismen’ sind nach Zizek nur das, was den Westen selbst strukturiert, sein eigenes Phantasma. In einer Art Externalisierung weist der Westen - angesichts der Nationalismen und der ‘ethnischen Säuberungen’ - seine eigene (verdrängte) Kehrseite weit von sich. Der ‘phantasmatische Inhalt’ des Westens ist auch in Deutschland in den 1990er Jahren in verschiedenen Debatten zur ‘Normalisierung’ des Begriffes der ‘Nation’, zur Rückbesinnung auf nationalen Identität, zur Hinwendung zu einer ‘selbstbewußten Nation’ und zuletzt zur einer ‘deutschen Leitkultur’ ventiliert worden. Der Blick auf diese Debatten soll das Bewusstsein dafür schärfen, dass die Existenz und die Funktionsweise national(istisch)er Diskurse nicht nur im ‘barbarischen’ ‘Südosten’ fortbestehen. ‘Die da’ auf dem ‘Balkan’ sind nicht das Andere des Westens, vielmehr zeigt sich auf dem ‘Balkan’ das Innerste des Westens. Die Unterschiede sind dabei nicht qualitativer, höchstens quantitativer Natur.
Vorspiel 1: Auf der Suche nach der verlorenen 'nationalen Identität'
Die in den 1990er Jahren in Deutschland geführten Diskussionen um eine nationale Identität begannen nicht erst mit der Wende von 1989 (vgl. u.a. Barudio 1994; Brunkhorst 1994; Walther 1994a; Walther 1994b). Schon seit Mitte der 1980er Jahre ließ sich in der westdeutschen Frankfurter Allgemeinen Zeitung eine Politisierung des Feuilletons beobachten (vgl. Claussen 1991). 1986 warnte der Historiker Karl Friedrich Bracher eindringlich vor dem "Modewort Identität" und dem "künstlichen Ton" in vielen "Identitätsbeschwörungen" (Walther 1994b). Der Historiker Michael Stürmer hatte drei Jahre zuvor behauptet: "Geschichte verspricht Wegweiser zur Identität, Ankerplätze in den Katarakten des Fortschritts." Der Begriff nationale Identität bahnte sich im Verlauf der 1980er Jahre ihren Weg aus der Geschichtswissenschaft hin zur Politik, er nahm seinen Weg "von den Kathedern durch die Feuilletons bis zur rechten Wand; eine rechtsradikale Postille verschrieb sich, die französische Nouvelle Droite kopierend, mit ihrem Untertitel 'nationaler Identität'." Bereits 1994 gehörte es, so Rudolf Walther weiter, „zur national bis post-links eingefärbten Geschäftsgrundlage, 'kollektive', speziell 'nationale Identität' als normal, selbstverständlich und notwendig sowieso hinzustellen."
Allerdings ist das Konzept der nationalen Identität dem der politischen Kultur diametral entgegengesetzt. Verfechter einer nationalen Identität bzw. Vertreter der Nationalcharakterforschung postulieren kulturelle Konstanten, die gerade von der Political Culture-Forschung widerlegt worden sind (vgl. Almond/Verba 1963; Almond/Verba 1980; Fenner 1991). Der Begriff Identität impliziert ein statisches Moment, das für heutige Gesellschaften nicht mehr angemessen erscheint. Was genau unter dem Begriff nationale Identität jeweils verstanden wird, bleibt außerdem meist im Unklaren. Sicher ist jedoch, so Rudolf Walther, dass "kollektive Identitäten [...] mit Aufklärung und Selbstbewusstsein nichts, mit Feindabgrenzung und Gemeinschaftsträumen viel zu tun" haben. Die Überlagerung von personaler durch nationale Identität kann somit durchaus auf eine Konditionierung des Individuums für fremdbestimmte Zwecke hinauslaufen, die Forderung nach nationaler Identität im Extremfall die Werte der demokratischen Tradition in Frage stellen:
Die Vorstellung, moderne Gesellschaften sollen 'ritualisierte Identitäten' erhalten oder erzeugen wie ehedem Räuberbanden und Regimenter, Clans und Stämme oder Orden und Stände, setzt einen Bruch mit allem voraus, was an universalistischen Rechtsprinzipien denkbar und an demokratischen Traditionen wirklich geworden ist. Die Behauptung 'substantieller Unverzichtbarkeit' 'kollektiver', speziell 'nationaler Identität' ist eine Absage an die Moderne und ihren rechtlichen und ethischen Universalismus. (Walther 1994b)
Die Problematik der 'nationalen Identität' in Deutschland
Während in England und Frankreich mit der Glorious Revolution
bzw. der Révolution Française historische Ereignisse stattfanden,
die den Grundstein für eine politisch und rechtlich - und gerade eben
nicht völkisch - begründete nationale Identität legten,
waren es in Deutschland, so Matthias von Hellfeld, „ausschließlich
wirtschaftliche Erwägungen, die zu größeren Bünden
und Zusammenschlüssen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
führten" (von Hellfeld 1993, 144f.) [1]. Mit der
Gründung des Deutschen Reiches 1871 durch Bismarck wurde zunächst
der Wunsch nach einer lange herbeigesehnten Einigung Deutschlands erfüllt.
Die Enttäuschung über eine als 'nur formal-politisch’ verstandene
Einigung verstärkte jedoch die irrationalistische Komponente der deutschen
Nationalbewegung (vgl. Mosse 1991). Diese definierte sich nach 1871 als
Opposition zur bestehenden Ordnung und nicht als Ausdruck einer historischen
Empfindung oder einer politischen Doktrin. Vor 1933 gewann der deutsche
Nationalismus seine Explosivität - neben anderen Faktoren - einmal
mehr wegen der katastrophalen wirtschaftlichen Lage:
Geschickte Propaganda von rechts nutzte diese Situation und propagierte die Nation als einen über alle Gegensätze hinweg gültigen ethnischen Überbau und Blitzableiter für irdische Unzulänglichkeiten. Nun konnten alle Rückschläge als Angriff auf die Nation umgedeutet werden [...]. An genau dieser Stelle liegt die brisante Gefahr eines Nationalismus, der sich nicht auf gemeinsame historische Ereignisse verbindlich geeinigt hat. In Zeiten wirtschaftlicher Prosperität ist 'die Nation' eher zweitrangig. Geht es wirtschaftlich aber schlecht, kann 'die Nation' mit willkürlich gewählten Inhalten ausgefüllt werden. Im Gegensatz zu Ländern, deren Nationalbewusstsein an einem bestimmten Punkt festgemacht ist und deshalb stabilisiert ist, wird sich je nach Lage der Dinge die 'willkürliche Nation' als transzendentaler Überbau an die bedrohliche Realität anpassen. (von Hellfeld 1993, 147)
Identität im Nachkriegsdeutschland
Nach dem 2. Weltkrieg war die Identifikation mit der nationalstaatlichen
Idee aus offen- sichtlichen Gründen versperrt. Die Mehrheit der Deutschen
wich daher auf unterschiedliche 'Ersatzidentifikationen' aus. Im Nachkriegs(west-)deutschland
bildeten sich die 'Holocaust- identität' und die 'Wirtschaftswunderidentität',
wobei die Träger der erstgenannten die Intellektuellen waren [2].
Berhard Giesen schreibt dazu: „Die Intellektuellen waren sich sicher: Erst
und nur durch den Bezug auf den Holocaust konnte nationale Identität
gefunden werden [...]" (Giesen 1993, 237). Zur Entwicklung der ‚Wirtschaftswunderidentität’
merkt er an: "Wenn Nationalstolz auf Geschichte und Politik offensichtlich
schwer fiel und wenn die kulturelle Definition des Nationalen die Bewältigung
der Vergangenheit versuchte, anstatt das Erreichte zu überhöhen,
dann blieben - neben dem Sport - nur die 'unbestreitbaren' Wirtschaftserfolge
der neuen Bundesrepublik, um sich mit der Gegenwart der Nation zu versöhnen
und kollektive Identität für die Mehrheit, die sich nicht dem
Bildungsbürgertum zurechnete, zu konstruieren." (Giesen 1993, 240)
Das Bewusstsein der bundesdeutschen
Mehrheit war zunächst von den wirtschaftlichen Erfolgen der neuen
Republik geprägt. 'Wir sind wieder wer!' war anfangs auf den erstaunlichen
Wiederaufbau bezogen. Die Westdeutschen waren stolz auf neu erworbenen
Reichtum, auf Mobilität und Amerikanisierung des Lebens. Ihre Identität
entsprang wieder der ökonomischen Realität ihres Landes.
Trotz aller Unterschiede
zwischen 'Holocaust-' und 'Wirtschaftswunderidentität' war man sich
insofern einig, die jeweilige Identität nicht auf die Nation zu beziehen.
Dieser stille Konsens verschwand im Laufe der 1980er Jahre zunehmend.[3]
Man besann sich wieder - auch in der DDR - auf das 'kulturelle Erbe', an
dem man die 'nationale Identität' festmachen wollte. Die deutsche
Wiedervereinigung von 1989/90 schließlich veränderte die "Spannung
zwischen Kultur und Macht, zwischen Holocaustidentität und Wirtschaftswunderidentität
auf [so] grundlegende Weise", dass „im Strudel des deutschen Vereinigungsprozesses
die Trennungslinien [verschwammen], die dem Gegensatz zwischen der Holocaustidentität
und der Wirtschaftswunderidentität Kontur und Fundament verliehen
hatten. Die Codierungen nationaler Identität wechselten die Trägergruppen."
(Giesen 1993, 250)
Erneute Forderung nach 'nationaler Identität'
Der mehrheitliche Konsens, die 'nationale Frage' im Hintergrund zu
halten, zerbrach in der Bundesrepublik in den 1980er Jahren. Seither wurde
nicht nur von Rechtsextremisten verstärkt auf die "fehlende nationale
Identität" hingewiesen. Der Rheinische Merkur forderte ausgerechnet
am 9. November 1985, dem Jahrestag sowohl der gescheiterten Revolution
von 1918 als auch der Pogromnacht von 1938, die Bürde des Nationalsozialismus
abzuschütteln: "Gebeutelt von der Geschichte dieses Jahrhunderts und
ewig zur Rechenschaft gezogen von der eigenen Intelligenzia verkriecht
sich der deutsche Zeitgenosse gerne unter den Wellen seiner regionalen
Heimat und dem Genuß flüchtiger materieller Werte. Man hat uns
zur Ängstlichkeit konditioniert in nationalen Dingen und bei der Suche
nach Deutschland." (zit. n. von Hellfeld 1993, 149)
Die Forderung nach nationaler
Identität geht seit der Wiedervereinigung einher mit der Forderung
einer Normalisierung Deutschlands. Nach 1989 - so dachten viele - „könne
man sich doch wieder zu einem 'gesunden Nationalismus', einem 'geläuterten
Patriotismus' bekennen und gleichzeitig auch das Ende der Erinnerung an
den Nationalsozialismus einläuten" (von Hellfeld 1993, 151). Für
diese „Normalisierung" - von manchen auch als das Ende der „Schamkultur"
bezeichnet - waren allerdings Eingriffe in die Geschichtsrezeption nötig.
Von Hellfeld konstatiert folgende Zusammenhänge: "Die Entsorgung der
nationalen Geschichte um Hitler und Auschwitz ist die Voraussetzung für
den vielzitierten aufrechten Gang und der wiederum ist notwendig, um die
'verhinderte Nation' nachzuholen." (von Hellfeld 1993, 151) Ein bedeutender
Schritt zur Entsorgung des schwierigen Erbes wurde im Historikerstreit
vollzogen.
Vorspiel 2: Geschichtsrevisionismus im Historikerstreit (1986)
Ausgangspunkt des Historikerstreits waren die Römerberggespräche
im Juni 1986 in Frankfurt. Ausgelöst wurde der Streit durch eine nichtgehaltene
Rede des Historikers Ernst Noltes, die in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
unter dem Titel „Vergangenheit, die nicht vergehen will" abgedruckt wurde.
Darin fragte Nolte, ob Auschwitz wirklich „singulär", also einmalig,
ohne Vorbild und Nachahmung in der Weltgeschichte gewesen sei. Nolte machte
sich auf die Suche nach - wie er meinte - "vergleichbaren" Taten anderer
Völker und entwickelte die These vom „kausalen Nexus" zwischen dem
sowjetischen Archipel Gulag und Auschwitz. In Noltes Text wurden die nationalsozialistischen
Verbrechen mit der in Fragen eingekleideten These relativiert, daß
der Archipel Gulag „ursprünglicher" als Auschwitz und der „Klassenmord"
der Bolschewiki zeitlich vor dem „Rassenmord" der Nationalsozialisten gewesen
sei. Hitler habe seine „asiatische Tat" vielleicht nur deshalb begangen,
weil er sich als potentielles Opfer einer früheren „asiatischen Tat"
betrachtet habe. Neu bewertet wurden auch die Gründe für den
Beginn des Zweiten Weltkriegs. Nicht die deutschen Eroberungspläne
in Osteuropa ('Volk ohne Raum') mit der anschließenden Versklavung
der slawischen Bevölkerung ('Untermenschen') seien ausschlaggebend
gewesen. Vielmehr habe Stalin im hochgerüsteten Deutschland und dem
kriegslüsternen Hitler eine willkommene Gelegenheit gesehen, seine
eigenen Expansionsabsichten zu verwirklichen und habe den deutschen Angriff
geradezu herbeigesehnt, um endlich selbst „losschlagen" zu können.
Damit war die Schuld am
Zweiten Weltkrieg, der 55 Millionen Menschen das Leben kostete und weitere
50 Millionen an Leib und Seele schwer beschädigte, obdachlos machte
oder aus der Heimat vertrieb, zumindest halbiert. Auch die Hauptfiguren,
Stalin und Hitler, wurden in eine „kausale Beziehung" zueinander gesetzt.
Der Urheber der „Klassenfeindvernichtung" sei nicht nur die personifizierte
Bedrohung Europas gewesen, sondern auch Hitlers Vorbild. Der Holocaust
sei „nur" die Nachahmung jener Herrschaftsmethode gewesen, mit der Stalin
seine Macht über Jahre gesichert habe.
Dieser so definierte „kausale
Nexus" brachte Nolte und andere Historiker zu der These: Ohne Bolschewismus
kein Nationalsozialismus, ohne Stalin kein Hitler, ohne Archipel Gulag
kein Auschwitz (vgl. Historikerstreit 1987; Oesterle/Schiele 1989). Das
Ziel dieser Argumentation war leicht zu durchschauen: „Verlagerte man,"
so von Hellfeld, „die Verantwortlichkeit für das europäische
Desaster auf den eigentlichen Urheber, nämlich Stalin, minderte man
die Schuld der Deutschen. Gelang es ferner, Stalin als Mentor Hitlers darzustellen,
konnte auch dessen Verantwortlichkeit relativiert oder entschuldigt werden.
Der bis dahin zur Unperson stilisierte 'Führer' sollte in anderem
Licht erscheinen und damit auch die Zustimmung, die es zu ihm und seiner
Politik in Deutschland jahrelang gegeben hatte." (von Hellfeld 1993, 130)
Zwar gehörten die an diesem „Entlastungsversuch" beteiligten konservativen
Historiker, so von Hellfeld, „keinesfalls ins rechtsextreme Lager, dennoch
oder gerade deshalb erzielten sie fatale Wirkung. Ihre Argumentation überschritt
bis dahin gültige Hemmschwellen und leistete der beschönigenden,
ja rechtfertigenden Geschichtsbetrachtung Vorschub" (ebd.). Der Historikerstreit
verursachte, so Wolfgang Kraushaar, "zweifelsohne [...] die größte
intellektuelle Irritationserfahrung in der zweiten Hälfte der achtziger
Jahre, [denn] er rührte an die geistigen Wurzeln der alten Bundesrepublik
[...]" (Kraushaar 1993).
Dennoch war kein einziges
Argument der Revisionisten neu, keine ihrer Denkfiguren originell. Claus
Leggewie schrieb 1987: „Auch Ernst Nolte hat bei einem auf dem Bänkchen
gesessen, der die Kritik der Vergangenheitsbewältigung schon seit
über zwanzig Jahren betreibt: bei Armin Mohler. In seinen beiden Büchern
von 1965 (Was die Deutschen fürchten) und 1968 (Vergangenheitsbewältigung)
sind alle Topoi und Thesen aufgereiht, die 1986 für Furore gesorgt
haben, ohne dass sich viele an diese Urquelle erinnert haben." (Leggewie
1987, 205) Die Bedeutung des Historikerstreits liegt somit darin, dass
hier zum ersten Mal Denkfiguren und Thesen in einer öffentlichen Debatte
geäußert wurden, die bis zu diesem Zeitpunkt vor allem rechtsintellektuellen
und -extremen Kreisen vorbehalten waren. Gegen Ende der 1980er Jahre verzierte
das Thema der 'nationalen Identität' bereits „die Bonner Rhetorik
mit schillernden Schaumkronen" (Leggewie 1987, 209). Sogar „Helmut Kohl
und Franz Josef Strauß fordern [...] regierungsamtlich, was Armin
Mohler und [...] Helmut Diwald seit langem propagiert haben, dass die Deutschen
'aus dem Schatten Hitlers heraustreten' und eben einen 'Schlussstrich'
ziehen sollen [...]."(ebd.)
In diesem Sinne passte der
Historikerstreit vom Juni 1986 in den konservativen Zeitgeist, der durch
die Neubewertung der deutschen Geschichte den angeblichen Verlust eines
stabilisierenden historischen Bewusstseins ausgleichen und patriotische
Identitätsgefühle stiften wollte.
Halbzeit & Zwischenspiel: Kulturelle Wende nach rechts? (1993ff.)
Die umstrittene Selbstoffenbarung des Schriftstellers Botho Strauß
im Spiegel Anfang 1993 als "Rechter in der Richte" gaben Anlass zu der
Frage, ob es in Deutschland eine 'Neue Rechte' im Stil der französischen
Nouvelle Droite zu vermuten gäbe. Dies zwar verneinend, stellte Micha
Brumlik jedoch fest, dass, sobald der Blick zum organisierten Rechtsextremismus
aufgegeben werde, sich eine "überraschend differenzierte Landschaft
konservativen bis rechten Denkens [öffnet], das längst in der
Mitte angekommen ist". So tummelten sich in dieser Landschaft ein "Konglomerat
von irrationalistischen Aufklärungskritikern, nur scheinbar nüchternen
Nationalisten, gehobenen Geschichtsrevisionisten und abgeklärten Ex-Linken"
(Brumlik 1993).
Zur Debatte standen 1993 nicht nur der "Anschwellende Bocksgesang"
von Botho Strauß, sondern auch die im Suhrkamp Verlag erschienenen
Essays von Hans Magnus Enzensberger (Aussichten auf den Bürgerkrieg)
und Peter Sloterdijk (Versuch über die Hyperpolitik) [4].
Drei Jahre zuvor hatte es eine ähnliche Diskussion anlässlich
der Publikation eines Buches von Hans Jürgen Syberberg gegeben. Ausgelöst
wurden die heftigen - Diskussionen in Zeit und Spiegel durch einige angeblich
in den Texten geäußerten 'rechte Tendenzen'.
"Anschwellender Bocksgesang": Botho Strauß, der „Rechte von
ganzem Wesen"
Strauß empfindet im „Anschwellenden Bocksgesang" die gegenwärtige
Gesellschaft und ihr System als 'blutleer', der „Demokratismus" sei, so
Strauß, im Grunde ein „Ökonomismus", dieser wiederum nichts
weiter als „ein kybernetisches Modell, ein wissenschaftlicher Diskurs".
Er suggeriert einen allgemeinen Verfall der Sitten in der liberalen oder
demokratischen Gesellschaft, wenn er behauptet: „Dass ein Volk sein Sittengesetz
gegen andere behaupten will und dafür bereit ist, Blutopfer zu bringen,
das verstehen wir nicht mehr und halten es in unserer liberal-libertären
Selbstbezogenheit für falsch und verwerflich."
Der Dichter entdeckt eine
„niedergehende Gesellschaft", in ihr die „erstickende, satte Konvention
des intellektuellen Protestantismus". Er beklagt den Verlust und die Zerstörung
von 'echten' Werten und macht dafür das politische ('libertäre')
System verantwortlich: „Die Hypokrisie der öffentlichen Moral, die
jederzeit tolerierte (wo nicht betrieb): die Verhöhnung des Eros,
die Verhöhnung des Soldaten, die Verhöhnung von Kirche, Tradition
und Autorität, sie darf sich nicht wundern, wenn ihre Worte in der
Not kein Gewicht mehr haben." Schuld an allem seien die Intellektuellen,
die eine multikulturelle Gesellschaft vorantrieben: denn sie „sind freundlich
zu Fremden, nicht um des Fremden willen, sondern weil sie grimmig sind
gegen das Unsere und alles begrüßen, was es zerstört".
Botho Strauß bezeichnet sich selbst als 'rechts' und liefert im selben
Atemzug seine Definition dieser Bezeichnung: „Rechts zu sein, nicht aus
billiger Überzeugung, aus gemeinen Absichten, sondern von ganzem Wesen,
das ist, die Übermacht einer Erinnerung zu erleben, die den Menschen
ergreift, weniger den Staatsbürger, die ihn vereinsamt und erschüttert
inmitten der modernen, aufgeklärten Verhältnisse, in denen er
sein gewöhnliches Leben führt."
Hier taucht der alte Topos
vom Gegensatz zwischen 'Gesellschaft' ("Staatsbürger") und 'Gemeinschaft'
("Mensch") auf, mit dem schon Ferdinand Tönnies die demokratische
Ordnung seiner Zeit angegriffen hatte. Die heroische Abwendung vom „Staatsbürger"
hin zum ganzen Menschen ist für Botho Strauß ein „Akt der Auflehnung:
gegen die Totalherrschaft der Gegenwart, die dem Individuum jede Anwesenheit
von unaufgeklärter Vergangenheit, von geschichtlichem Gewordensein,
von mythischer Zeit rauben und ausmerzen will. [...] Die rechte [Phantasie]
ist immer [...] eine Phantasie des Verlustes [...]. Eine Phantasie also
des Dichters [...]." Der Akt der Auflehnung ist für Strauß ein
heroischer, denn: „Der Rechte in der Richte - [ist] ein Außenseiter".
Strauß sieht sich umzingelt von "gewitzten und zerknirschten Gewissenswächtern",
die Denkverbote erlassen hätten. Als „Gewissenswächter" bezeichnet
er die Linken, denn „bei uns ist links nach wie vor dort, wo sich die kulturelle
Mehrheit befindet". In seiner Forderung nach der erneuten „protopolitischen
Initiation" bemerkt er am Rande, dass Rassismus und Fremdenfeindlichkeit
eigentlich einen 'positiven' Ursprung hätten: es seien „'gefallene'
Kultleidenschaften, die ursprünglich einen sakralen, ordnungsstiftenden
Sinn hatten." [5] Elitäres Denken zeigt sich, wenn
Botho Strauß auf das zu sprechen kommt, was er am meisten verabscheut:
„Was sich stärken muss ist das Gesonderte. Das Allgemeine ist [...]
schwächlich [...]. Wenn man nur aufhörte, von 'Kultur' zu sprechen,
und endlich kategorisch unterschiede, was die Masse bei Laune hält,
von dem, was den Versprengten (die nicht einmal eine Gemeinschaft bilden)
gehört, und das beides durch den einfachen Begriff der Kloake, des
TV-Kanals für immer getrennt ist..."
Der Fachdienst Germanistik zählte allein bis April 1993 unter dem Titel „Das anschwellende Echo des Bocksgesangs" 22 Reaktionen auf Strauß' Spiegel-Essay vom Februar 1993. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung begnügte sich mit einer vernichtenden Stilkritik und beschied dem Autor: "Es reicht nicht zum Außenseiter". Für Peter Glotz (SPD) war Strauß "ein gefährlicher Wirrkopf" (Wochenpost), und die taz-Chefredakteurin Elke Schmitter ermahnte den Dichter frei nach Karl Valentin: "Demokratie ist schön. Macht aber viel Arbeit" (Hage 1993, 141). Und Ulrich Greiner fragte alarmiert in der Zeit: „Wo stehen die richtigen Rechten?" (Greiner 1994)
HJ Syberberg - das "Glück Deutschlands"
In seinem 1990 beim Matthes & Seitz Verlag publizierten Buch Vom
Unglück und Glück der Kunst in Deutschland nach dem letzten Kriege
macht der Filmregisseur und -produzent Syberberg - anders als der eher
sibyllinische und vieldeutige Strauß - eine Verschwörung von
Linken und Juden für das „Unglück Deutschlands nach dem Kriege"
verantwortlich:
Was auch die Kunst in Deutschland nach dem letzten Kriege jagte, war der Fluch der Schuld, die sich als Werkzeug der Einschüchterung von links anbot, da sich die Linken als schuldfrei verstanden und weil Hitler die Juden verfolgt hatte, nun in unseliger Allianz einer jüdisch linken Ästhetik gegen die Schuldigen bis zur Langeweile und alles kulturelle Leben lähmenden Lügen, so daß die Schuld zum phantasietötenden Geschäft werden konnte, nicht mehr befruchtend, sondern hemmend, als Kriterium des Machens und des Publikums, und daß die anscheinend glückliche Befreiung von der Diktatur die Linken brauchte von seiten der Juden und die Juden brauchte von seiten der Linken im Europa des Westens. [...] Wer mit den Juden ging wie mit den Linken, machte Karriere, und hatte es nicht unbedingt mit Liebe oder Verständnis oder gar Zuneigung zu tun. Wie konnten die Juden das ertragen, es sei denn, sie wollten nur Macht. (Syberberg 1990, 14)Syberberg bedeutet dem Leser, daß mit dem "Führungsanspruch der bisherigen Ästhetik" Schluß sein müsse. Sie sei nämlich eine "Ästhetik des Kleinen, Schmutzigen, Kranken [...]. Das auffälligste Kriterium der heutigen Kunst ist die Bevorzugung des Kleinen, Niedrigen, der Verkrüppelung, des Kranken, des Schmutzes vor dem Glanz; des Unten, als Strategie von unten (Alexander Kluge) mit dem Lob der Feigheit, des Verrats, der Verbrecher, der Huren, des Hasses, der Häßlichkeit, der Lüge und Verbrechen, von Unnatürlichkeit, Vulgarität usw.".
Veröffentlicht wurde Syberbergs Buch bei Matthes & Seitz, einem Verlag, der sich durch die Publikation neuerer französischer Philosophie einen Namen gemacht hatte - allerdings auch durch einige rechtslastige Schriften. Schon 1984 erschien dort der von Gerd Bergfleth herausgegebene Sammelband Zur Kritik der palavernden Aufklärung. Das Buch setzte dem „heimatlosen Juden" und der „Aufklärungsmafia" einen "gesunden Patriotismus" entgegen, skandierte 'Wir haben das liberale oder linke Gejammer satt' und sprach von der "zurück- gekehrten deutsch-jüdischen Intelligenz, die eine letzte Chance erhielt, Deutschland nach ihren weltbürgerlichen Maßstäben umzumodeln - ein Prozeß, der so vollständig gelang, daß für zwei Jahrzehnte von einem eigenständigen deutschen Geist nicht mehr die Rede war." (Bergfleth 1984). Mit Syberbergs Buch setzte der Verlag Matthes & Seitz seine rechtslastige Tradition fort. (vgl. Diederichsen 1993, 123) [6]
"Geistige Mobilmachung?"
Botho Strauß, der „Rechte in der Richte", klagte für sich
das 'Recht des Dichters' ein. Die Sphäre der Kunst folge anderen Kriterien,
die nicht denen der Politik entsprechen müssten. Es gibt denn auch,
so formulierte Rüdiger Safranski in der Zeit zu Recht, in der
Kunst eine "Gewissenlosigkeit, eine Verlorenheit ins Spiel, ein Verlangen,
in den eigenen Bildern zu verschwinden. Eine metaphysische Obsession, einen
Vorbehalt gegen die Welt. Darin liegt auch ihr ekstatisches Moment. Das
Ekstatische läßt sich natürlich nicht in die Pflicht nehmen
von irgendeiner Moral, schon gar keiner politischen. Kunst ist extrem,
sie verliert, wenn sie nach dem Konsens Ausschau hält." (Safranski
1995, 39) [7]
Durch die Veröffentlichung
seines „Bocksgesanges" als ‘politischer Essay’ im Spiegel hatte sich Botho
Strauß jedoch bewußt in einen explizit politischen Kontext
begeben. Politik ist aber – im Gegensatz zur Kunst – ein „Geschäft
der Konsensbildung" (Safranski 1995, 39):
Eine Sache ist es, sich dem Labyrinth auszusetzen, und das darf einer nur als Einzelner und Einsamer; eine andere ist es, sich auf den Marktplatz zu begeben. Wer auf dem Marktplatz spricht, hat sich um Verständlichkeit zu bemühen, und er tut nicht gut daran, denjenigen, dem er sich nicht verständlich machen konnte, einen 'Idioten, Barbaren oder politischen Denunzianten' [...] zu nennen. Er täte besser daran zu bedenken, wo er spricht und zu wem. (Greiner 1994)Offensichtlich erreichten Strauß’ Worte letztendlich aber doch die Richtigen. Ermutigt von der Selbstoffenbarung des Dichters veröffentlichte der Ullstein-Verlag Ende 1994 den Sammelband: Die selbstbewußte Nation. Anschwellender Bocksgesang und weitere Beiträge zu einer deutschen Debatte, dessen Tenor eine erstaunliche Nähe zu einschlägigen Publikationen der "Neuen Rechten" erkennen liess. Der „Bocksgesang" stellte für die Herausgeber einen „Markstein" bei der Suche nach einer neuen Orientierung deutscher konservativer Intellektueller dar. [8] Mit Blick auf die Aktivitäten des Verlages Matthes & Seitz, des Ullstein- und des Siedler Verlages konstatiert Brumlik, daß sich eine „unauffällige Kulturrevolution" ereignet habe, „die ohne offenen Bezug zum Parteienspektrum rechts von Helmut Kohl ein reaktionäres Denken [...] propagiert" (Brumlik 1993). Drei Stufen „geistiger Mobilmachung" ließen sich erkennen:
Da ist erstens ein prinzipieller fortschrittskritischer Pessimismus, der - anders als noch bei den Autoren der ‘Dialektik der Aufklärung’ oder bei Walter Benjamin - durch keinerlei Idee der Versöhnung mehr in Bewegung gehalten wird und somit nur noch heroischen Realismus aufbieten kann. Da findet sich zweitens eine bald bitter, bald schmerzlich vorgetragene Verabschiedung des moralischen Universalismus und der Menschenrechte, verbunden mit der Bescheidung aufs Eigene, in diesem Fall die deutsche Nation. Da meldet sich drittens eine geschichtsphilosophisch gestimmte Verhöhnung der parlamentarischen Demokratie, verbunden mit der offensiven Beschwörung atavistischer Lebensformen. (Brumlik 1993)Gerade die Kombination dieser aufeinanderfolgenden Stufen ist jedoch brisant. Während eine pessimistische Grundhaltung „nicht automatisch nach rechts" tendiert, sondern auch einen „humanen Konservatismus" instrumentieren kann, stellt, so Brumlik weiter, die „Verbindung von Pessimismus und moralischem Partikularismus" bereits die Mittel für einen „rücksichtslos egoistischen Nationalismus" bereit, der beliebig pazifistische oder imperiale Motive beleihen kann. Die „Verhöhnung der parlamentarischen Demokratie" schließlich „widerruft Moderne wie Individualität und empfiehlt geschlossene Lebensformen auch im Inneren heutiger Gesellschaften". Was diesem hochbrisanten Gemisch fehlt, um zur zeitgemäßen Variante eines weichgespülten Faschismus zu werden, ist, folgt man Brumlik, „lediglich ein politisch aufgeladenes Freund-Feindschema. Insofern stehen die heutigen Jünger von Burkes Konservatismus, Gehlens illiberalem Institutionalismus und Heideggers Volksfrömmigkeit Schreibmaschine bei Fuß." (Brumlik 1993)
Nachspiel: "Deutsche Leitkultur" (2000)
Dein Christus: ein Jude, Dein Auto: ein Japaner, Deine Pizza italienisch, Deine Demokratie griechisch, Dein Kaffee brasilianisch, Dein Urlaub türkisch, Deine Zahlen arabisch, Deine Schrift lateinisch. Und Dein Nachbar nur ein Ausländer? (<http://www.leitkultur.de>, 2000)Im Rahmen der Ende Oktober 2000 entbrannten Zuwanderungsdebatte sagte der CDU- Fraktionsvorsitzende Merz, dass sich Zuwanderer in Deutschland einer "deutschen Leitkultur" anpassen müssten. Günther Beckstein von der bayrischen CSU stiess ins selbe Horn: "Die deutsche Leitkultur muss bei unseren ausländischen Mitbürgern entsprechende Akzeptanz finden." Zeitgleich machte das unsägliche Wort vom ‘Nutzen’ und ‘Ausnutzen’ die Runde: "Wir brauchen weniger Ausländer, die uns ausnützen, und mehr, die uns nützen" (Beckstein).
In einer Zeit, in der in Deutschland Brandsätze auf Synagogen geworfen,
jüdische Friedhöfe geschändet, Ausländer auf den Straßen
verprügelt oder gar getötet werden, wäre eine für den
Wahlkampf instrumentalisierte Debatte um Einwanderung und Leitkultur „fatal",
so Julius H. Schoeps, Direktor des Moses-Mendelssohn-Zentrums für
europäisch-jüdische Studien in Potsdam. „Einwanderung als Wahlkampfschlager
würde diese Anschläge sanktionieren." (Schoeps 2000)
Es ging Merz mit der Rede
von der „Leitkultur", so der Publizist und Autor Rafael Seligman, „um das
gezielte Streuen eines Subtextes" (Seligman 2000). Die „kaum getarnte Botschaft
lautet: Wir Deutschen lassen uns von den Ausländern nicht unsere deutsche
Kultur kaputtmachen und eine neue vorschreiben. Der ‘Stammtisch’, auf dessen
Stimmen Friedrich Merz zählt, versteht." (ebd.) Diese Methode ist
indessen nicht neu. Anfang der 1990er Jahre „hetzten viele Unionspolitiker
gegen die ‘multikulturelle Gesellschaft’. [...] Die Kampagne hatte rasch
Erfolg. Sie rührte Ressentiments der Bevölkerung an. Das ‘Ausländerproblem’
wurde zur Hauptsorge der Deutschen." [9] (ebd.). Das Grundrecht
auf Asyl wurde 1993 de facto abgeschafft. Die Union gewann die Wahlen.
Eine andere erfolgreiche Unions-Offensive war die Aktion gegen die doppelte
Staatsbürgerschaft in Hessen 1999. In der heißen Phase des Wahlkampfs
hatte die Unterschriften-Aktion vor allem den Zweck, Ängste und Ressentiments
der deutschen Bevölkerung zu wecken. Die Rechnung ging auf.
Und jetzt vergießt
die Union, so Seligman, gemeinsam mit den anderen demokratischen Parteien
„bittere Tränen über ausländerfeindliche Übergriffe
und Verbrechen in den neuen und alten Bundesländern." Man beklagt
die Zunahme von Jungwählern für rechtsradikale Parteien. Die
Demokraten erwägen, die NPD verbieten zu lassen. Was nützt jedoch
das Klagen, „wenn man selbst die Ressentiments schafft, die eine rechte
Stimmung erzeugen?" (Seligman 2000)
Wie am Anfang bereits angedeutet, ist der ‘Balkan’ nicht das Andere des Westens. Vielmehr sind die vom Westen auf dem fernen ‘Balkan’ konstatierten ‘Atavismen’ nur das, was den Westen selbst strukturiert, sein eigenes Phantasma, seine eigene, innerste, verdrängte, vulgäre Kehrseite. Ein hier wie dort funktionierender Mechanismus einer wilden Phantasmatik, ein fast schon universelles Genießen, eine fast schon allgemeingültige Vulgata.
Berlin, im April 2001
Fußnoten:
1 Dem muss allerdings in Bezug auf die
frühe deutsche Nationalbewegung widersprochen werden. Diese bildete
sich ursprünglich als Widerstand gegen Napoleon, und formierte sich
im Vorfeld von 1848. Mit dem Scheitern der Revolution von 1848 gerieten
die Ideale dieser frühen Nationalbewegung in Vergessenheit.
2 Für die Sowjetische Besatzungszone
(SBZ) bzw. die DDR wäre analog die ‘Antifaschismusidentität’
zu untersuchen und auch, inwieweit diese von oben verordnet wurde.
3 Die Entwicklungen in der Bundesrepublik
und in der DDR laufen diesbezüglich parallel: Seit 1986 orientierte
sich die Kultur der DDR, auf einen Parteitagsbeschluß der SED hin,
stärker am "bürgerlich-humanistischen Erbe" Deutschlands. In
den Vordergrund rückte eine "kritische Aneignung der bürgerlichen
Klassik", eine stärkere Bezugnahme auf das "Erbe Preußens",
Luthers und Bismarcks (vgl. Giesen 1993, 254).
4 Verbittert von der Endlichkeit und Relativität
der menschlichen Handlungsmöglichkeiten setzt Hans Magnus Enzensberger
am Ende der Aussichten auf den Bürgerkrieg auf den Rückzug aufs
Nationale. Peter Sloterdijk erklärt in seinem Buch die Weltgeschichte
als pathologische Abweichung vom natürlichen Weg ursprünglicher
(protopolitischer) Hordenkulturen. Bei so großer Distanz zum irdischen
Geschehen verwundert freilich, wie viel Verständnis der Autor für
die 'konservativen Revolutionen' der europäischen Zwischenkriegszeit,
also für die österreichische Heimwehr, die eiserne Garde Rumäniens,
die Action Francaise und die bayrische NSDAP aufbringt.
5 Strauß bemüht außerdem
die Ökologie als Begründung für die notwendigen gesellschaftlichen,
moralischen und kulturellen Veränderungen. Auch im Rahmen neurechter
bzw. rechtsextremer Vorstellungen werden ökologische Themen bzw. ökologische
Argumentationen zur Begründung der Notwendigkeit von radikalen Veränderungen
herangezogen. Dehnt man den Begriff 'Ökologie' über den Schutz
natürlicher Ressourcen aus, komplettiert ihn mit politischen, ethnischen
und kulturellen Zielvorgaben, so ist - im schlimmsten Fall - eine 'ökologische'
Argumentation für Maßnahmen zur "Ausländer-Rückführung"
hergeleitet (vgl. von Hellfeld 1993, im besonderen die Kapitel "Ökologie
von rechts" und "Umweltschutz ist Menschenschutz ist Völkerschutz",
S. 51 - 53).
6 Diederichsen weist besonders auf den
seit 1987 jährlich erscheinenden Verlagsalmanach Der Pfahl - Jahrbuch
aus dem Niemandsland zwischen Kunst und Wissenschaft hin.
7 Strauß’ Phantasie sei, so schrieb
auch Ulrich Greiner, eine Phantasie, „die sich nicht gemein macht mit politischen
Absichten, sondern die, einsiedlerisch und aufs Besondere versessen, den
Dunkelheiten des Menschen nachsinnt. [...] Der Verdacht gegen das Geläufige
und Gemeinverständliche, gegen den 'kollektiven Befindlichkeitsstrom'
ist ein notorisches Motiv seines [Strauß’] Denkens [...]: ein Denken
gegen den Konsens, ein Denken im Ausnahmezustand. Wer, um Carl Schmitt
zu paraphrasieren, den intellektuellen Ausnahmezustand bestimmen kann,
ist souverän." (Greiner 1994).
8 Der Klappentext informiert freimütig
über die Ziele des Buches: Es geht „um die Standortbestimmung der
demokratischen Rechten, um die notwendige Kritik des Feminismus, um die
Renaissance der Geopolitik [...], um die nationale Identität und um
die Kritik des freiheitsgefährdenden Liberalismus - und schließlich
um das Versagen der alten Eliten, die das Konzept einer wehrhaften Demokratie
verdrängt haben. Philosophische Beiträge über den Verlust
der Transzendenz, die Auflösung traditioneller Wertbindungen und die
Notwendigkeit einer Wiederentdeckung verdrängter Traditionsbestände
in Dichtung und Religion führen diese Gedanken fort [...], so dass
der Band als Manifest der konservativen Intelligenz in Deutschland gelten
kann." (Schwilk/Schacht 1994).
9 In ätzendem Tonfall schreibt Seligman
über die diesbezügliche Doppelmoral: "So eng war das nicht gemeint.
Selbstverständlich erfreuten sich die Damen und Herren an den Bildern
von Tizian, Rembrandt, Monet, Chagall, sie lasen Shakespeare, Puschkin,
sie lauschten weiter der Musik von Bizet, ja sogar von Louis Armstrong.
Sie kleideten sich in italienisches Tuch, tranken französische Weine
und aßen beim Japaner. Diese toleranten Menschen wollten indessen
nicht allzu viele Türken in Deutschland sehen und schon gar keine
Asylsuchenden." (Seligman 2000)
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falsche Freunde. In: Ders.: Freiheit macht arm. Das
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