Leitfragen & einige Definitionen

I. Arns, 20.5.2001

Nach der letzten Sitzung am 14.5.2001, in der wir uns eingehender mit Begriffen wie z.B. „Realität", „Fiktionalität/Fiktion", „Utopie", „Phantasie/Phantastik", „Science Fiction" bzw. mit den (teils nicht immer befriedigend zu leistenden) Abgrenzungen zwischen diesen Begriffen auseinandergesetzt haben, möchte ich nochmal darauf hinweisen, dass mit dem im Seminartitel benutzten Begriff „Technologiephantasien" Projekte und Entwürfe der künstlerischen Avantgarde zwischen 1910 und 1930 gemeint sind, die bestimmte – teils sehr unterschiedliche -- Vorstellungen von Technologien bzw. deren Einsatz und Verwendung entwickeln. „Technologiephantasien" interessieren hier sowohl als künstlerisch-literarische Utopien & Phantasien, als auch als konkrete, in den jeweiligen (und sehr unterschiedlichen) Texten angedachte pragmatische technischen Lösungen.
 

Von der Vision zur Realität: Der avantgardistische Wille zur Umgestaltung der Welt

Gerade in der Zeit der historischen Avantgarde von 1910 bis 1930 verschwimmen die klaren Abgrenzungen zwischen Realität und Fiktion bzw. Utopie. Phantasien verbleiben nicht einfach im Bereich der Fiktion, sondern jetzt sollen Visionen konkret in die Realität umgesetzt werden. Dies zeigt sich ab 1917 besonders im avantgardistischen Willen zur totalen Umgestaltung der Welt und in der Aufhebung der Trennung von Kunst und Leben (z.B. Produktionskunst). Von grosser Bedeutung ist hier das Konzept des „Leben-Bauens" (žiznestroenie), das, als originär avantgardistische Negation der traditionellen Ästhetik, auf die Betonung der lebensgestaltenden Funktionen der Kunst, die Aktivierung des Wahrnehmenden, die Ausrichtung auf die Zukunft, auf das Schaffen und die Suche nach neuen Formen (vgl. Günther 1989: 336 [in: Glossarium der russischen Avantgarde]) abzielte.
Die Avantgarde zeichnet sich nun durch prometheische und demiurgische („weltenbauende") Impulse aus (s.u.).
 

Henne und Ei – was wirkt auf was?

Die Beziehung zwischen Technologien und sozialer Umwelt läßt sich – ähnlich wie das Henne-Ei-Problem (was war zuerst da?) – am ehesten als Wechselwirkung beschreiben (wenn schon nicht lösen): Einerseits wirken sich technische Erfindungen, Techniken, Technologien auf die soziale Umwelt bzw. die Gesellschaft aus; andererseits schreibt sich auch die soziale Umwelt in Technologien ein (z.B. durch Vorwegnahme/Antizipation zukünftiger Entwicklungen in Technologiephantasien der Science Fiction und von Sozialutopien), bzw. materialisieren sich gesellschaftliche Normen in bestimmten Technologien, die so, als materialisierte Regularien, wieder auf die Gesellschaft zurückzuwirken vermögen (vgl. dazu Bruno Latours Untersuchungen zu ‘schlafenden Polizisten’ und dem ‘Berliner Schlüssel’).

Herbert Lachmayer verweist jedoch darauf, dass diese Wechselbeziehungen zwischen „Technologie" und „sozialer Umwelt" sich jedoch nicht nur zwischen „Erfinder" und „Gesellschaft" abspielen, sondern als drittes Element auch noch den „Benutzer" in Betracht ziehen müssen. Er schreibt zur Einführung des Telefons in Privathaushalte um die Jahrhundertwende in seinem Text „Vom Ikarus zum Airbus: Technik zwischen Mythenabsorption und Mythenproduktion" (im Zusatzordner): „Weit über den funktionalen Anlass hinaus werden Verstand und Vorstellungskraft des Benutzers strapaziert, um den bisweilen bizarren Charakter dieser Kommunikationshilfe mit der inneren Welt der Kommunikationserfahrung und -routine seines Benutzers verträglich zu machen. Visionäres knüpft sich mithin nicht nur an die Erfinder, sondern begleitet auch die Technikfaszination der Benützer, welche [...] eben jeweils zur technischen Erfindung auch eine ästhetische und soziale Welt mit-erfinden müssen, gewissermassen als poetische Interpretation von Alltäglichkeit. Damit schreiben die anonymen, aber dennoch individuellen Benützer der Technik ein Stück Kulturgeschichte mit." (S. 25)

Gegen die weiter oben behauptete prinzipielle Unentscheidbarkeit zwischen einem Primat der Technik oder eine Primat der Imagination beharrt Thomas Macho in seinem gleichnamigen Aufsatz darauf, dass „Träume [...] älter [sind] als die Erfindungen"; dass jedoch mit der Umsetzung von technologischen Träumen in die Realität auch eine Verlustgeschichte einhergeht: „[J]ede technologische Entwicklung entfaltet und beschleunigt sich im Horizont kraftvoller Wunsch- und Sehnsuchtspotentiale, die sie zunächst als eine Art von kulturellem Treibstoff benötigt, anschließend jedoch entzaubert und zerstört." (Macho 1996:46) Der „doppelgesichtige Prozess der Stimulation und Aufzehrung jener kulturellen Wunschpotentiale und Traumenergien, die den modernen Willen zur Technik überhaupt erst ermöglicht haben", lässt sich, so Macho, „nirgendwo klarer studieren, als an den frühromatischen Maschinenträumen und demiurgischen Phantasmen, an den Doppelgängergeschichten Chamissos oder E.T.A. Hoffmanns, an Mary Shelleys ‘Frankenstein’ oder Edgar Allan Poes ‘William Wilson’." (Macho 1996:47)

Wie ist nun das Verhältnis von künstlerischer Imagination zu der in ihr beschriebenen Technologie? Inwieweit handelt es sich um ein antizipierendes (visionäres/vorwegnehmendes) bzw. um ein reflektierendes Verhältnis (also rekurrierend auf bereits vorhandene Entwicklungen)? Inwieweit handelt es sich in den unterschiedlichen Texten um – um Dieter Daniels Text „Prophezeihung und Poesie der drahtlosen Welt" (2001) wieder aufzugreifen – um eine (wertende/ideologische) Apologie der Technologie, inwieweit um eine Analyse der Auswirkungen der Technik oder auch um eine Utopie der zukünftigen Möglichkeiten? Inwiefern verbleiben die Technologiephantasien rein im Ästhetischen; inwiefern sind sie als konkrete Umsetzungen gedacht und konzipiert?
 

Technikvisionen und die verbesserte Gesellschaft

„Zu visionieren bedeutet für den Schamanen", so Lachmayer, „das räumlich Distanzierte in die Nähe zu bringen, so dass zwischen dem imaginativ Herbeigeholten und der Wahrnehmung des Vorhandenen Gleichzeitigkeit besteht – eine gleichsam halluzinatorische Koinzidenz. Für den Propheten hingegen bedeutet Vision, des Zukünftigen habhaft zu werden, es zu vergegenwärtigen – dem seherischen Blick offenbart sich das zeitlich Entfernte [...]. Visionen, die sich am Technischen entzünden oder sich an Zivilisation und ihren Fortschritt knüpfen, implizieren immer auch gesellschaftliche Utopie, eine social fiction. Mit solcher Art Vision ist ist eine Vernunftposition verbunden, nämlich das Bild einer verbesserten Gesellschaft, eines realen Utopia – als Zukunft bewerkstelligbar. Am Ingenium des technischen Einfalls klebt bisweilen das Phantasma einer von inneren und, vor allem, von äusseren Zwängen befreiten Gesellschaft: welt- und menschheitsgeschichtliche Erlösung [Eschatologie! I.A.], gebunden an Innovation in der Komplexität technischen Einfallsreichtums, und an die Realisierung der gewünschten Maschinen. Wunschmaschine, Welterfindung – jeder wirkungsgeschichtlich zündende Einfall rekurriert auf menschliche Kreativität, die immer auch soziale Kreativität ist und neue Kommunikations- und Interaktionsformen erfindet und etabliert. Auich Deleuze und Guattaris Verwendung de Begriffs Wunschmaschine – für die Autoren Bild eruptiver Phantasieproduktion – verweist auf diese Zusammenhang: ‘Die Wunschmaschinen sind gesellschaftlich und technisch in einem.’ (Deleuze/Guattari 1972/1988:43)." (Lachmayer 1996:35f.)

Ulrich, Protagonist in Musils „Mann ohne Eigenschaften", trifft folgende Unterscheidung von Wirklichkeits- und Möglichkeitssinn: „Wenn man gut durch geöffnete Türen kommen will, muss man die Tatsache achten, dass sie einen festen Rahmen haben: dieser Grundsatz [...] ist einfach eine Forderung des Wirklichkeitssinns. Wenn es aber Wirklichkeitssinn gibt [...], dann muss es auch etwas geben, das man Möglichkritssinn nennen kann. Wer ihn besitzt, sagt beispielswise nicht: Hier ist dies und das geschehen, wird geschehen, muss geschehen; sondern er erfindet. Hier könnte, sollte oder müsste geschehen; und wenn man ihm von irgend etwas erklärt, dass es so sei, wie es sei, dann denkt er: Nun, es könnte wahrscheinlich auch anders sein. So liesse sich der Möglichkeitssinn geradezu als die Fähigkeit definieren, alles, was ebensogut sein könnte, zu denken, und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen, als das, was nicht ist." (Musil 1930:16)
 

Gottesträume und Allmachtsphantasien: demiurgische und prometheische Züge des Künstler-Herrschers

Die sich ab 1917 besonders im avantgardistischen Willen zur totalen Umgestaltung der Welt und in der Aufhebung der Trennung von Kunst und Leben zeigende Tendenz wird gerne mit demiurgisch („weltenbauend") oder „prometheisch" umschrieben. Ein Demiurg (grch. Handwerker) ist, laut dtv-Lexikon, „bei Platon und späteren griechischen Denkern der ‘Weltbaumeister’, meist Mittler zwischen der höchsten Gottheit und der menschlichen Welt". Prometheus entwendete bekanntlich den Göttern das Feuer und brachte es den Menschen (und wurde dafür von den Göttern, deren Neid und Zorn er damit erregte, bitter bestraft). „Prometheisch" bezeichnet somit eine gewisse Tendenz zur Hybris (grch. „Übermut", „Stolz", „Frevel", „Trotz"), zur „Selbstüberhebung des Menschen gegenüber der Macht der Götter", bzw. gegenüber der Natur.

Kris/Kurtz schreiben zur Figur des Künstlers als anmassenden Widersacher der Götter: „Zweierlei Leistungen schreibt der Mythos dem Künstler zu: dass er Menschen bilde und Bauten schaffe, die an den Himmel reichen oder an Schönheit und Größe mit den Wohnsitzen der Götter wetteifern. Beide Leistungen greifen in das Vorrecht der Gottheit ein, beiden gilt ihre Strafe [...] Die Gestalt des Künstlers fliesst mit der allgemeineren und weiteren der Widersacher der Gottheit zusammen [...]." (Kris/Kurtz 1980: 114ff, zit. n. Lachmayer 1996:29f.)

Lachmayer zieht nun eine Parallele zwischen der magischen Figur des schöpferischen Zauberers, der sich der Hybris schuldig macht, dem neuzeitlichen Wissenschaftler und dem Avantgardekünstler. Er fragt, was den Magier vom neuzeitlichen Wissenschaftler unterscheidet, die „beide Veränderungen in der Welt bewirken wollen": Während der eine „subjektive Intensitäten" herstellen will, die „in der äußeren Welt Folgewirkungen hervorrufen sollen", „entäußert" der andere „Erkenntnis als Gesetzmäßigkeit der Natur, relativiert die Subjektivität, indem er Erkenntnis an beobachtbarer Realität gewinnt und dadurch experimentelle Objektivität schafft." (Lachmayer 1996: 30)
    Die neuzeitliche Trennung zwischen Künstler und Ingenieur ist noch keine alte: „Zwischen Künstler und Ingenieur gab es im 16. Jahrhundert bei Francis Bacon noch den gemeinsamen Begriff der ‘imaginatio’ als schöpferisches Grundvermögen. Später treten beide in Konkurrenz: der kreative Geist des Wissenschaftlers, Erfinders und Technikers wird für einen anderen gehalten als die Phantasie des Künstlers." (33) Lachmayer spricht hinsichtlich der Unterscheidung zwischen Künstler und Ingenieur jedoch gleichzeitig auch von einem „Konkurrenzieren im Schöpferischen".

Dieses von Lachmayer konstatierte „Konkurrenzieren im Schöpferischen" läßt auf Analogien in beiden Modi der Weltwahrnehmung und der Weltgestaltung schließen. Das macht es umso interessanter, Visionen, Erlösungs- und Technologiephantasien in unterschiedlichen Texten bzw. Textsorten zu untersuchen: in literarisch-künstlerischen Texten (von Vertretern unterschiedlicher Avantgarde-Gruppierungen), in technischen Schriften und in religionsphilosophischen Traktaten, die alle zwischen 1910 und 1930 entstanden sind. Eine klare Trennung in Medien(-technik) auf der einen und Metaphysik auf der anderen, in Rationalität auf der einen und Irrationalität auf der anderen, in Wissenschaft auf der einen und Kunst auf der anderen Seite wird zunehmend unmöglich.

Boris Groys hat in seinem bekannten Buch „Gesamtkunstwerk Stalin" das Konzept des russischen Avantgarde-Künstlers als Künstler-Herrschers entwickelt. Danach wandelte sich der Künstler in der Avantgarde von einem reinen Beobachter in einen „Machthaber" und „Demiurgen" (die Entwicklung ging als also, folgt man Groys, von der „Darstellung" hin zur „Umgestaltung" der Welt). Einige Zitate aus Boris Groys’ Gesamtkunstwerk Stalin (1988):

„Die Neuorganisation der Welt nach ästhetischen Prinzipien ist im Westen mehrfach vorgeschlagen und sogar erprobt worden, zum erstenmal wirklich gelungen ist sie jedoch in Russland." (Groys 1988: 8).

„Die Kunst der klassischen Avantgarde – so auch der russischen – ist natürlich viel zu komplex, als dass sie sich vollständig in eine einzige Formel fassen liesse; trotzdem kann man wohl ohne unzulässige Vereinfachung behaupten, ihr grundsätzliches Pathos liege in der Forderung, von der Darstellung der Welt zu ihrer Umgestaltung fortzuschreiten." (Groys 1988: 19)

„Wenn für Maleviè das Erreichen des absoluten Nullpunktes und die Errichtung einer neuen Welt, in der die neue ‘weisse’ Menschheit, von allen Vorstellungen der früheren Welt gereinigt, ihre alten Behausungen verlassen und auf suprematistische ‘Planiten’ übersiedeln sollte, noch eine Sache der künstlerischen Phantasie war, so hielt nach der Oktoberrevolution von 1917 und den ersten beiden Bürgerkriegsjahren nicht nur die russische Avantgarde, sondern praktisch die gesamte Bevölkerung des ehemaligen Russischen Reiches diesen Nullpunkt vollkommen zu Recht für in der Wirklichkeit erreicht. [...] Es sah so aus als sei die Zeit der Apokalypse da [...]. Die russische Avantgarde sah in dieser einzigartigen historischen Situation nicht nur die zweifelsfreie Bestätigung ihrer theoretischen Konstruktionen und künstlerischen Intuitionen, sondern auch eine einmalige Chance zu ihrer Umsetzung in die Praxis. Ein grosser Teil der bildenden Künstler und Literaten der Avantgarde [...] übernahm [...] eine Reihe von Schlüsselpositionen in den neuen, zur zentralen Leitung des gesamten kulturellen Lebens des Landes geschaffenen Organen. Dieser Durchbruch der Avantgarde zur politischen Macht resultierte nicht aus einer opportunistischen Haltung [...], sondern ergab sich unmittelbar aus dem Wesen ihres künstlerischen Projekts." (25-26)

„Der Künstler der Avantgarde, dem sich die äußere Welt in ein schwarzes Chaos verwandelt hat, steht vor der Notwendigkeit, eine neue Welt im Ganzen zu schaffen, und daher muss sein künstlerisches Projekt total, unbegrenzt sein. Folglich braucht er zu dessen Realisierung die totale Macht über die Welt - und vor allem die totale politische Macht, die ihm die Möglichkeit gibt, sich die ganze Menschheit oder zumindest die Bevölkerung eines Landes zur Erfüllung seines Vorhabens zu verpflichten. Für den Avantgarde-Künstler ist die Realität selbst das Material [...]" (26)
 

Zum Semesterprogramm:

Der Bibliothekar Nikolaj Fedorov und der Ingenieur Nikola Tesla, beides Figuren des 19. / beginnenden 20. Jahrhunderts, sind keine Avantgarde-Künstler, sondern sie sollen als Vorläufer avantgardistischer Technologiephantasien untersucht werden. Es geht in diesen beiden Sitzungen zunächst einmal darum, Konzepte, Ideen und Motive dieser beiden Autoren zu erfassen. Während des Proseminars sollten Sie darauf achten, inwieweit diese Konzepte und Ideen in der historischen künstlerisch-literarischen Avantgarde wieder auftauchen.

In diesem Seminar erfolgt eine Konzentration auf die Technologien des Raumes und der Zeit. Radio und Flug sind Technologien zur Bezwingung des Raumes bzw. der Zeit. Das Radio holt potentiell das Entfernte ohne Zeitverlust in die Nähe, während es der Flug dem Menschen erlaubt, selbst in die Ferne zu reisen, grosse Distanzen zu überwinden und so zu einer – zumindest in der Wahrnehmung der Zeitgenossen so empfundenen – ‘Schrumpfung des Raumes’ beizutragen. Die neue Medien- und die neue Transporttechnologie bewirkten Anfang des Jahrhunderts (künstlerische) Wahrnehmungsveränderungen, die in der fünften Sitzung (zu „Tele-Medien und Vernetzungen: Telegraphie, Telephon, Elektrizität) untersucht werden sollen.

Die sechste Sitzung zum Thema „Radio-Visionen I: Radiotheorien (V. Chlebnikov und B. Brecht)" stellt Chlebnikovs Vision eines ‘Radios der Zukunft’ (1921) der aus den 1930er Jahren stammenden Konzeption von Bertolt Brecht gegenüber und fragt nach den in den beiden Texten angelegten emanzipativen Potential, das diesem Medium zugeschrieben wird.

In der siebten Sitzung („Radio-Visionen II") soll Tatlins Turm für die III. Internationale untersucht werden. [Das Referatsthema ist noch offen!]

In der achten Sitzung („Radio-Visionen III") schliesslich sollen die Sprachkonzepte des italienischen und des russischen Futurismus untersucht und einander gegenübergestellt werden.

Die Sitzungen 9-11 untersuchen verschiedene Aspekte des „Traums vom Fliegen": Zunächst die zeitgenössischen technischen Phantasien und Realitäten in Russland, dann das Bild der Maschine im russischen Konstruktivismus und im italienischen Futurismus (Tatlin/Marinetti) und schliesslich „Flüge in die Transzendenz" in der russischen Avantgarde.

Die Abschlusssitzung dient einer gemeinsamen Zusammenfassung der im Seminar erarbeiteten Punkte.
 

Zusammenfassung einiger Fragen/Erkenntnisinteressen für das Seminar:

- Inwiefern lassen sich in den Texten Einflüsse/Auswirkungen damals neuer Technologien erkennen (also: wie wirken sich ausserästhetische Entwicklungen, in unserem Fall Technologien, auf die Entwicklung künstlerischer Praktiken aus?) Reagieren Texte auf bzw. rezipieren sie ausserästhetische Entwicklungen, oder antizipieren sie aktiv Kommendes?

- Inwiefern koppeln sich an Technologien prometheische / demiurgische Dimensionen? Sollen Technologien zu „rationale" Zwecken eingesetzt werden, oder eher zur Erreichung „irrationaler" Ziele? Inwiefern finden sich in den Texten Koppelungen zwischen Rationalismus und utopischen, apokalyptischen und magisch-okkulten (irrationalistischen) Elementen?

- Inwieweit werden Technologien emanzipative bzw. totalitäre Potentiale zugeschrieben?

- Im Laufe des Seminars werden wir Unterschiede der in den verschiedenen Konzeptionen enthaltenen Verwendung der Technologien herausarbeiten -- daher sollten Sie besonders auf die Bilder achten, die der Maschine bzw. den Technologien zugeschrieben werden.

- Wie ist das Verhältnis von künstlerischer Imagination zu der in ihr beschriebenen Technologie? Inwieweit handelt es sich um ein antizipierendes (visionäres/vorwegnehmendes) bzw. um ein reflektierendes Verhältnis (also rekurrierend auf bereits vorhandene Entwicklungen)? Inwieweit handelt es sich in den unterschiedlichen Texten um – um Dieter Daniels Text „Prophezeihung und Poesie der drahtlosen Welt" (2001) wieder aufzugreifen – um eine (wertende/ideologische) Apologie der Technologie, inwieweit um eine Analyse der Auswirkungen der Technik oder auch um eine Utopie der zukünftigen Möglichkeiten? Inwiefern verbleiben die Technologiephantasien rein im Ästhetischen; inwiefern sind sie als konkrete Umsetzungen gedacht und konzipiert?
 

Organisatorisches:

Auf dem Seminarplan sind zu den einzelnen Sitzungen jeweils Texte angegeben, die von allen TeilnehmerInnen des Proseminars gelesen werden sollen („Lektüre"). Diese Texte (die sich alle im Zusatzordner bei Copy Clara befinden) dienen der Erarbeitung einer gemeinsamen Basis, die als Hintergrundwissen für die Referate und für die sich den Referaten anschliessende Diskussion dienen sollen.

Für die Referate: Sie sollen nicht nur die von mir angegebenen Texte lesen, sondern sich selbstständig in das Thema einarbeiten! Dazu gehört auch das Recherchieren zusätzlicher Texte, die Sie z.B. aus den Literaturangaben der bereits von Ihnen gelesenen Texte herausarbeiten können.

Dieses Seminar ist kein Einführungskurs in die russische Avantgarde! In diesem PS sollen ganz spezifische Fragestellungen -- die russische Avantgarde betreffend -- verfolgt werden: Technologiephantasien, also Entwürfe, Konzepte, Utopien rund um den Einsatz von zu der Zeit neuen Technologien, und hier vor allem der Flug- und der Radiodiskurs, wie er sich in der 1920er Jahren in der künstlerisch-literarischen Avantgarde und in angrenzenden Bereichen artikuliert hat. Um fundiertere Vorstellungen über die russische Avantgarde zwischen 1910 und 1930 zu bekommen, empfehle ich Ihnen dringend, sich folgende Texte parallel zum PS im Laufe des Semesters zu erarbeiten:

Stites, Richard 1989: Revolutionary Dreams. Utopian Vision and Experimental Life in the Russian Revolution. NY/Oxford.

Boris Groys 1988: Gesamtkunstwerk Stalin. Die gespaltenen Kultur in der Sowjetunion. München.
 

Begriffe, die Ihnen neu bzw. unverständlich sind, sollten Sie in folgenden Publikationen nachschauen:

Aleksandar Flaker (Hg.) 1989: Glossarium der russischen Avantgarde. Graz/Wien. (Steht im Handapparat)

Borchmeyer, Dieter/Zmegac, Viktor 1987: Moderne Literatur in Grundbegriffen. Frankfurt/Main. [hier Texte zum russischen und italienischen Futurismus, zum Begriff „Avantgarde", „Utopie/Antiutopie", etc.]